Haus bei Kirchröttenbach steht in Herpersdorf

Eine Familie zwischen zwei Landkreisen

Bald brauchen die Pabsts ein neues Schild. Denn die Adresse „Herpersdorfer Hauptstraße 100“ existiert vermutlich nur noch ein halbes Jahr. Dann wohnt die Familie auch offiziell in Kirchröttenbach. | Foto: Kirchmayer2018/12/Kirchrottenbach-Herpersdorf-Familie-Simon-Pabst-Gebietsteform-bea.jpg

HERPERSDORF/KIRCHRÖTTENBACH — Das Haus von Simon und Michaela Pabst steht am Rand des kleinen Schnaittacher Ortsteils Kirchröttenbach, unmittelbar neben der Grundschule. Und gehört doch als einziges weit und breit nicht zum Ort. Denn das Grundstück, auf dem das Haus der Pabsts steht, gehört zum fast einen Kilometer entfernten Eckentaler Ortsteil Herpersdorf und damit zum Kreis Erlangen-Höchstadt. Noch. Denn in einem halben Jahr werden die Pabsts samt Grundstück Kirchröttenbacher sein.

Die kuriose Geschichte beginnt vor acht Jahren. Damals gehörte das Grundstück am Rand des Ortes noch dem Vater von Simon Pabst. Ideales Bauland für das künftige Haus seines Sohnes, findet der Kirchröttenbacher. Und stellt eine Bauvoranfrage. Im Schnaittacher Rathaus verweist man ihn an Eckental, denn das Grundstück am Ortsrand gehört schon zu Herpersdorf. Dort wird die Voranfrage durchgewunken.

Rund zwei Jahre später reicht Simon Pabst selbst den Bauplan für ein Einfamilienhaus auf dem Grundstück in Eckental ein. Dass dieser – wenn auch ganz knapp genehmigt wird, überrascht den jungen Mann aus Kirchenröttenbach selbst. Das Paar kennt einige Freunde und Verwandte, deren Bauanträge abgewiesen worden sind.

Landratsamt stellt sich zunächst quer

Dann jedoch stellt sich das Landratsamt Erlangen-Höchstadt quer. Solange nicht geklärt sei, wer sich um das anfallende Abwasser des Grundstücks kümmert, könne nicht gebaut werden.

Der Markt Schnaittach hilft unbürokratisch weiter und sagt zu, sich um die Abwasserleitung zu kümmern. Der damalige Schnaittacher Bürgermeister Georg Brandmüller setzt sich für die Lösung ein, fragt sogar nach, ob vor dem Hausbau eine Umgemeindung des Grundstücks möglich wäre. Das kann Jahre dauern, sagt man ihm. Also bauen Pabst und seine spätere Frau, selbst aus Herpersdorfer, eben auf Herpersdorfer Grund.

An besondere Situation gewöhnt

Im August 2016 ziehen sie ein, mittlerweile sind die beiden verheiratet und haben einen Sohn. „Wir sind dankbar und froh, dass das Haus genehmigt worden ist“, sagt Simon Pabst. Dass der Gartenzaun die Landkreisgrenze markiert, daran haben sie sich mittlerweile gewöhnt.

Im Familien- und Bekanntenkreis wird über das Paar, das irgendwie in Kirchröttenbach wohnt und irgendwie auch in Herpersdorf, viel gescherzt. Doch dass das Haus nicht zum Ort gehört, bringt einige Probleme mit sich.

„Die erste Hürde war die Zeitung“, erzählt Michaela Pabst. Der für Herpersdorf zuständige Zusteller der Pegnitz-Zeitung weigerte sich, für eine einzige Adresse rund einen Kilometer weiter zu fahren als sonst. Eine Cousine von Simon Pabst half weiter. Sie arbeitet bei der Pegnitz-Zeitung und trickste mit der Adresse: Statt unter „Herpersdorfer Hauptstraße“ sind die Pabsts im Adressbuch der Zeitung unter „Kirchröttenbach B100“ zu finden. Zuständig ist somit die Zustellerin aus dem Dorf. Dort gibt es keine Straßennamen, nur A bis F und entsprechende Nummern.

Hausnummer selbst gewählt

Wieso eigentlich die Hausnummer 100? Als Simon Pabst im Eckentaler Rathaus war und es um die Hausnummer ging, meinte ein zuständiger Beamter, zwischen der bisher letzten geraden Nummer, der 16, und jener der Pabsts sollte noch etwas Luft für mögliche künftige Häuser am Herpersdorfer Ortsende bleiben. Er schlug die 50 vor. Dann doch gleich die 100, entgegnete Simon Pabst. Gesagt, getan.

Probleme gibt es auch mit Paketdiensten: Navigationsgeräte verzweifeln an der Suche nach der Adresse und verweisen auf einen Punkt neben der Herpersdorfer Hauptstraße 16. Dort liegt eine Wiese. Erst mit der Zeit, so Simon Pabst, hätten die verschiedenen Boten verstanden, wo sie hin müssen. „Mittlerweile klappt es mit fast allen Dienstleistern“, sagt er.

„Wenn es eilt, lasse ich zu meinen Eltern liefern, um auf Nummer Sicher zu gehen.“ Erwartet Pabst, der als Handwerker selbstständig ist, beruflichen Besuch, gibt er die Adresse der Grundschule oder der Nachbarn an.

Sonderbar waren auch die Wahlen für die Pabsts in den vergangenen zwei Jahren: Um im Ort ihre Stimme abzugeben, hätten sie nur in die Grundschule nebenan gemusst. Doch als Herpersdorfer mussten sie ins dortige Feuerwehrgerätehaus. Bei der Landtags- und Bezirkstagswahl konnten sie dementsprechend auch nicht für Kandidaten aus dem Kreis Nürnberger Land stimmen, sondern für Politiker aus Erlangen-Höchstadt.

Bequemer „Umzug“

Noch rund ein halbes Jahr sind die Pabsts Herpersdorfer. Dann ziehen sie mit Sack und Pack nach Kirchröttenbach um. Ohne sich vom Fleck zu rühren. Die Gemeinden und Landkreise haben sich darauf verständigt, dass extra für die Pabsts das Grundstück im Rahmen einer Flurbereinigung den Markt wechselt.

Der Landkreis Nürnberger Land wird um rund 0,4 Hek­tar wachsen: das Grundstück der Pabsts samt Straße. Für Eckental ist das kein großer Verlust, schließlich spart sich der Markt künftig auch Kosten wie den Weg für die Müllentsorgung und Ausgaben für die Straße.

Die Gebietsreform wurde im Rahmen der Kirchröttenbacher Dorferneuerung möglich. Ein Vertreter des Amtes für ländliche Entwicklung besuchte die Pabsts im Sommer 2018, um sicherzugehen, dass der Schritt auch in deren Sinne ist.
Das Ehepaar Pabst freut sich über den kuriosen Umzug, der manches für sie leichter macht. Nur den Son­derstatus als Einzige im Ort, die nicht einmal zum Landkreis gehören, sind sie bald los. Und ihre neue Hausnummer dürfen sie dann auch nicht mehr selbst aussuchen.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer