Selbsthilfe

Diagnose Daunenallergie

Sie sehen so harmlos und flauschig aus, die Daunenfedern, die Menschen mit Daunenallergie die Luft zum Atmen nehmen. | Foto: ©stock.adobe.com2019/10/AdobeStock_273920653.jpeg

HERSBRUCK – Von einem Tag auf den anderen fing es an: Die kerngesunde und sportliche Maria (Name geändert) hustete ständig, so stark, dass irgendwann die Rippen brachen. Doch eine normale Grippe oder verschleppte Erkältung war es nicht.

Im Dezember 2016 fing es an, dass es der heute 60-Jährigen immer schlechter ging. Ihren Beruf als Masseurin musste sie irgendwann aufgeben. Sie pilgerte von Arzt zu Arzt – keiner fand etwas. „Ich wurde von jetzt auf gleich aus meinem Leben herauskatapultiert“, beschreibt sie ihre Situation. Innerhalb eines halben Jahres wurde sie „kränker und kränker“ und lag dadurch immer mehr in ihren Daunendecken – bis sie fast erstickte.

Als Notfall kam Maria in die Klinik und dort löste sich das Rätsel: Daunenallergie. Ihr Körper reagiert auf Eiweißmoleküle von Enten- und Gänsefedern. Da reiche die bloße Anwesenheit von Dekoobjekten mit Federn, Kissen oder entsprechenden Jacken in geschlossenen Räumen und ihre Luft werde knapp, erklärt sie. „Das kann nicht sein, das ist merkwürdig, die müssen sich irren“, das waren ihre ersten Gedanken nach der Diagnose.

Federn raus

Sie schlief nach der Entlassung daheim sogar noch ein paar Tage in ihrem Daunenbett, aber da fing der Husten wieder an. Also räumte sie das Haus aus. Das allein half ihr noch nicht. „Es hat fast ein Jahr gedauert, bis ich gemerkt habe, dass auch Daunenjacken anderer Menschen nicht gut für mich sind.“ Mittlerweile habe sie einen Blick dafür, ob es eine harmlose Steppjacke sei oder nicht. Der Winter sei daher das größere Problem als der Sommer.

Zugfahren gehe nur mit Mundschutz, „der hält einiges ab“. Aber mit ihm bekomme sie schlecht Luft. Denn durch die lange Zeit, in der Maria nicht richtig behandelt wurde – seit der Diagnose vor zweieinhalb Jahren nimmt sie Kortison –, hat ihre Lunge Schaden genommen; sie leistet nur noch 50 Prozent. „Keiner kann mir sagen, ob das wieder besser wird.“

Überall wo sie ist, scannt sie ihre Gegend ab: „Wo ist die nächste Daune? Wie nahe darf ich da rankommen?“, diese Fragen schießen ihr durch den Kopf. „Bei mir läuft ständig das Radar, das ist anstrengend.“

Zweischneidiges Schwert

Familie und Freunde unterstützen sie zwar, doch wer diese Allergie nicht täglich selbst erlebt, der denke nicht daran, dass sie eben nicht einfach mal essen gehen kann, sagt Maria. Vor allem: Man sieht der schlanken 60-Jährigen ihre Erkrankung nicht an. „So nimmt man sie halt auch nicht wahr.“ Andererseits werde sie dadurch nicht auf die Allergie reduziert und stets bedauert.

Daher will sie auch nicht ständig über das Thema sprechen, einen Austausch mit anderen, den sucht Maria aber schon seit rund einem Jahr. Doch jemand anderen mit Daunenallergie hat sie bislang in ganz Deutschland nicht gefunden. „Ich brauche eine kleine Gruppe, die für mich überschaubar ist.“ Was die Mitglieder dann haben, das spiele nicht die entscheidende Rolle. „Ich will hier nicht über Krankheitsgeschichten reden, sondern die Batterien aufladen und stärken.“

Im Prinzip suche sie nach Gleichgesinnten, die aufgrund von Allergien oder anderen Einschränkungen nicht so am Leben teilnehmen können wie gesunde Menschen und über eine Selbsthilfegruppe ihre Einsamkeit loswerden wollen, formuliert Maria ihr Ansinnen bei Kiss. Dort steht ihr Leiterin Brigitte Bakalov bei ihrer Suche zur Seite. Sie weiß, dass Menschen mit Allergien immer wieder ausgrenzt werden oder sich selbst abgrenzen.

Kurz und digital

„Allergien waren bei uns bislang kein Thema, aber die Einsamkeit schon“, sagt Bakalov. Aber warum? Das liege daran, dass alle weniger Zeit hätten und diese wenige Zeit für sich nutzen statt für andere, denkt sie. „Auch haben sich unsere Lebensformen und Familienstrukturen verändert“, erläutert sie, „Familienverbünde oder Dorfläden als Treffpunkte fehlen, man muss sich bewusst Kontakte suchen“. Ebenfalls Einfluss hätten die neuen Medien: „Ein kurzer Kontakt, ohne Berührung oder Umarmung.“

Während einige gut damit umgehen könnten, verlieren sich andere in der Einsamkeit, weiß Bakalov. Wieder andere seien an zu vielen Stellen unterwegs, so dass sie im Burn-Out landeten. Ob und wie man das Alleinsein verkraftet, hänge von der Persönlichkeit ab: „Wenn ich ein Hobby habe, das mich ausfüllt, dann habe ich das Gefühl vielleicht nicht. Aber generell sind wir eben Gemeinschaftstiere.“

Wer sich wie Maria fühlt und Kontakt knüpfen möchte, der meldet sich bei Kiss Nürnberger Land unter Tel. 09151/9084494.

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch