Von 1996 bis 2008 im Amt

Altlandrat Helmut Reich feierte 80. Geburtstag

Helmut Reich an seinem Arbeitstisch, der eigentlich der Esstisch im offenen Wohnzimmer ist. Während er hier arbeitet, sitzt seine Frau auf der anderen Seite des Raums. „So haben wir uns im Blick. Das ist gut“. | Foto: Fischer2019/03/helmut-Reich-80-fi.jpg

HEUCHLING — Mit vielen Gästen feierte Altlandrat Helmut Reich am 2. März in seinem Haus in Heuchling seinen 80. Geburtstag. Zahlreiche Weggefährten aus Reichs langer politischer Karriere, die er 1972 als Heuchlinger Bürgermeister begonnen und 2008 als Landrat beendet hatte, gratulierten dem bürgernahen Politiker persönlich.

Im karierten Hemd, fit und bestens gelaunt, steht der Altlandrat in der Haustür. Seine Frau hat für das Pressegespräch im Vorfeld des runden Geburtstags im Arbeitszimmer, das eigentlich das Reichsche Wohnzimmer ist, Kaffee und Krapfen vorbereitet. „Ich bin heute einfach zufrieden. Mir geht es gut, Landrat war mein Traumjob, ich konnte mich verwirklichen, viel voranbringen und Bürgernähe leben. Daran denke ich heute gerne zurück.“ Das sagt Reich, noch bevor er nach seinem Befinden gefragt wird. Und schiebt gleich nach, weil es ihm wichtig ist: „Ich hatte vor allem auch viel Glück mit Menschen um mich herum, privat wie in der Politik.“

Reich redet zwar von der Vergangenheit, ein Politik-Rentner ist der agile Heuchlinger aber nicht. Seine aktive Zeit habe er vor elf Jahren beendet, aber das Interesse an Kommunalpolitik verliert man nicht, sagt er. Reich ist nach wie vor viel im Landkreis unterwegs, besucht, oft mit seiner Frau, Veranstaltungen, ist ein gern gesehener Ehrengast, weil er stets gut gelaunt auftritt und jeden kennt.

Engagement für die Sudetendeutsche Landsmannschaft

Seine Liebe und Leidenschaft als Netzwerker, Vorarbeiter und Vermittler gehört heute vor allem der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Hier ist Reich nicht nur im Orts- und Kreisverband aktiv. Helmut Reich ist Vizepräsident der Bundesversammlung der SL.

Auch weil Internet oder Facebook nicht seine Ding sind, ist Reich froh, nicht mehr aktiv sein zu müssen. Und deshalb sei er sehr zufrieden mit seiner Frau Gertrud, nicht nur weil er mit ihr seit 1962 verheiratet ist und mit ihr vier Töchter hat, sondern weil sie eine perfekte und geduldige Sekretärin ist. Ihr diktiert er seine Reden und sie erledigt seine Mails.

Reich wurde 1939 als drittes Kind eines Schmiedemeisters in Hartessenreuth im Egerland geboren. Im Herbst 1946 wurde Reichs Familie aus dem Dorf und seiner Heimat vertrieben und kam am 22. September des gleichen Jahres in Lauf an.

Integration selbst erlebt

Hier beginnen Reichs erste konkrete Erinnerungen. Seine Erzählungen aus Kindheit und Jugend zeigen, dass Reich zwar ein Heimatvertriebener, vor allem aber auch ein echter Laufer (oder Heuchlinger) ist. Er erzählt von der ersten Wohnung in der Kunigundendrogerie am Unteren Markplatz, vom Fußballspielen in der Mauergasse und von Versteckerles im Stadtgraben. Und gleich am zweiten Tag seines Laufer Lebens erfuhr er sein ganz persönliches Integrationserlebnis, das den überzeugten katholischen Christen und Humanisten wohl auch prägte. Der Hausherr nahm ihn bei der Hand und brachte ihn zur Schule ins Knabenschulhaus an der Nürnberger Straße. Seine Mutter wurde nicht gefragt. „Der Bub muss in die Schul, sagte er, und dann bin ich einfach mitgegangen“, erinnert sich Reich.

Später besuchte er die Oberrealschule Hersbruck, machte Mittlere Reife und begann eine Ausbildung beim Versorgungsamt in Nürnberg. In der Zwischenzeit, 1950, hatte sein Vater in Heuchling ein Haus gebaut und hier beginnt später auch die politische Karriere Reichs. Vom Versorgungsamt war er 1964 als Gemeindesekretär (und einziger Beamter) zurück ins Rathaus der damals noch selbständigen Gemeinde gewechselt.

Bürgermeister in Heuchling

Zum Bürgermeister in Heuchling war es dann nur noch ein kleiner Schritt, auch wenn dieser niemals geplant gewesen sei. Sein Amtsvorgänger, der in einen anderen Ort wechselte, habe ihn vorgeschlagen und andere Heimatvertriebene, von denen es in Heuchling viele gab, sowie die SPD hätten ihn unterstützt. Der frühere Laufer Stadtrat Willibald Sölch hatte gesagt: „Du kandidierst, du machst ja jetzt schon gute Arbeit.“ Natürlich sei er damals schon in Heuchlinger Vereinen aktiv gewesen und natürlich kannte er als Rathausbeamter jeden im Ort. „Bürgernähe war damals auch einfacher als heute.“

„Und dann war ich 1972 tatsächlich Heuchlinger Bürgermeister“. Sechs Jahre lang, bis 1978, als Heuchling im Zuge der Gebietsreform zur Stadt Lauf kam. „Das war schon eine sehr schöne Zeit“, erinnert er sich und deshalb habe ihm auch die Eingemeindung nach Lauf „sehr gestunken“.

Dass es tatsächlich auch anders gehen kann, dass es Problem gibt, musste Reich in den darauffolgenden Jahren erleben. Zwar wurde er schon 1978 auch in den Kreistag gewählt, in Lauf konnte er aber nicht Stadtrat werden oder politisch tätig sein, weil er als Amtsrat ins Laufer Rathaus wechselte. Hier erlebte er erstmals persönlich schwierige Situationen, „die mir wochenlang den Schlaf raubten“. Nicht nur, dass er mit Aufgaben belastet worden sei, die er nicht so gut konnte, vor allem weil im Rathaus der Rückhalt fehlte und politisch gegen ihn geschossen wurde, sei es eine schlimme Zeit gewesen. „Diese Zeit Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre hat mir sehr zugesetzt.“

Bürgermeister in Happurg

Vor allem an Ungerechtigkeiten und persönlichen Vorwürfen hatte Reich als Mann des Ausgleichs, der Streit nicht verträgt, wie er zugibt, schwer zu knabbern. Das Ganze war am Ende so schlimm für ihn, dass er 1987 ohne großes Zögern, aber erst nach Rücksprache mit seiner Frau, als Bürgermeister für die Gemeinde Happurg kandidierte und er am Ende trotz Gegenkandidat mit über 70 Prozent der Stimmen gewählt wurde. Wie perfekt Reich die Gemeinde gemanagt haben muss zeigte sich bei der Wiederwahl 1993: Reich hatte keinen Gegenkandidaten mehr.

„Spannende Konstellationen“ haben sich seit 1984 immer wieder mit dem Laufer Rathaus ergeben, weil Reich in diesem Jahr zum stellvertretenden Landrat, als Vize von Klaus Hartmann, gewählt wurde. „Oft musste ich Entscheidungen treffen, die Einfluss auf die Laufer Rathauspolitik hatten, da kann man sich vorstellen, dass das nicht allen gefiel.“

Ein sehr trauriges Ereignis stand am Beginn der Landratskarriere von Helmut Reich. Ende 1995 nahm sich Landrat Hartmann das Leben, Reich musste die Amtsgeschäfte übernehmen. „Die Vorbereitung der Trauerfeier war als erste wichtige Amtshandlung nicht schön“, erinnert er sich. Offensichtlich aber machte Reich seine weitere Arbeit als Amtschef sehr gut. So gut, dass ihn die Bürger im März 1996 selbst zum Landrat des Nürnberger Landes wählten. Und auch die Wahl sechs Jahre später, 2002, entschied er wieder für sich.

Konsens als Führungsstil

Vor allem auch durch seinen Führungsstil verschaffte sich Reich Respekt über Parteigrenzen hinweg. „Ich wollte nie etwas durchboxen, ich wollte immer im Konsens mit allen Fraktionen im Kreistag das Ziel erreichen.“ Stets habe er deshalb alle Sprecher an einen Tisch geholt, um Informationen zu teilen. Wie sehr Reich sich persönlich getroffen fühlt, wenn etwas nicht klappt, zeigt die Ablehnung seines ersten Haushalts durch die Grünen. „Ich hätte ja gut auf die Stimmen verzichten können. Aber beim nächsten Mal habe ich bei allen anderen mit Erfolg für ein wichtiges Anliegen der Grünen, einen Krötentunnel, geworben. Der Etat wurde einstimmig verabschiedet.“

Besonders freut sich Reich in diesem Zusammenhang heute noch über ein Lob des CSU-Mannes Norbert Dünkel bei Reichs Verabschiedung im Jahr 2008. Mit Ruhe und Sachlichkeit, mit auf Konsens orientierter Politik und mit Mut habe Reich als Anwalt der Bürger den Landkreis ab Mitte der 90er Jahre durch unruhige Zeiten geführt und einen zerstrittenen Kreistag und eine verunsicherte Bevölkerung befriedet, so Dünkel.

Ein regelrechter Befreiungsschlag war damals tatsächlich die Unterzeichnung des Vertrags mit der Müllverbrennung in Nürnberg. Dieser beendete die unsäglichen Diskussionen bei der Suche nach einer neuen Kreismülldeponie. Eine weitere dicke Kuh vom Eis holte Reich mit dem einstimmig beschlossenen Verkauf der Kreiskrankenhäuser 2006 an das Klinikum Nürnberg. Jahrelang waren zuvor die Defizite der Krankenhäuser gestiegen und hatten den Kreis finanziell wie politisch belastet.

Schönstes Erlebnis

Was aber war, neben den vielen Entscheidungen in der Ära Reich, sein schönstes Erlebnis? Die Antwort kommt sofort: Das war die Verhinderung der Abschiebung eines kurdischen Familienvaters im Jahr 2000. Kurz vor Weihnachten sollte der Mann in seine Heimat zurückgeführt werden. Frau und sechs Kinder wären zurück geblieben. Jetzt spielte Reich seine Stärken aus, sein gutes Netzwerk, seine vielen persönlichen Beziehungen, Freundschaften über Parteigrenzen hinweg und seine christliche Gesinnung. Vorbei an allen Instanzen und mit viel Überzeugungsarbeit holte er Innenminister Günther Beckstein ins Boot und dieser verhinderte per Erlass die Abschiebung.

Tatsächlich sei Hilfe für Bürger immer mit das Schönste im Amt als Landrat gewesen. Umgekehrt sei es ihm aber schwer gefallen, Hilfe verwehren zu müssen. Etwa wenn er in der Sauna in Hersbruck darauf angesprochen wurde, ob er als Landrat einen „Idiotentest“ verhindern könnte. Sein Sauna-Nachbar hatte nämlich mit zweieinhalb Promille Alkohol im Blut den Führerschein abgeben müssen. „Da konnte ich tatsächlich nicht weiterhelfen“, sagt Reich und muss bei dieser Antwort doch selbst ein bisschen schmunzeln.

Glaube und die Ehefrau

Als echter Familienmensch muss Reich nicht lange nachdenken, wenn er gefragt wird, was ihm in den fast 40 Politikerjahren am Ende immer Halt gegeben habe. „Der Glaube war und ist eine große Hilfe“, so Reich, der keinen Sonntagsgottesdienst in der katholischen Kirche in Lauf versäumt. „Und natürlich meine Frau Gertrud“, die er bei einem Kolpingsball in Schnaittach kennengelernt hatte. „Gertrud hat mich immer aufgerichtet“, sagt der 80-Jährige und wird von einem Augenblick auf den anderen sehr emotional und bewegt. Und bekommt feuchte Augen.

 

N-Land Clemens Fischer
Clemens Fischer