Interview mit Matthias Egersdörfer

„Als Jugendlicher fand ich Lauf irgendwann eng“

Provozieren? Das nimmt Matthias ­Egersdörfer in Kauf, aber er legt es nach eigener Aussage nicht darauf an. Ihm gingen halt „einfach die Emotionen durch“. Seit ziemlich genau 25 Jahren ist er jetzt im Geschäft. | Foto: Minx2018/05/matthias-egersdorfer-ME-Pressebild-05-FotobyStephanMinx.jpg

LAUF — Matthias Egersdörfer kommt nach Lauf. Am Freitag, 1. Juni, gastiert der Kabarettist und Musiker mit seiner Band „Fast zu Fürth“ auf Einladung des PZ-Kulturraums im Industriemuseum. Die Pegnitz-Zeitung unterhielt sich vorab mit Matthias Egersdörfer über Erfolg, Heimatgefühle und sein ungefähr 25-jähriges Bühnenjubiläum.

Herr Egersdörfer, Sie sind in Nürnberg geboren, in Lauf aufgewachsen, leben seit vielen Jahren in Fürth. Wenn Sie die aktuelle Debatte verfolgen, ist die Region hier Heimat für Sie?
Egersdörfer: Ich mag den Heimatbegriff nicht besonders, er wird sehr inflationär verwendet und aus meiner Sicht auch oft überhöht. Aber, ja. Ich mag die Gegend hier, das Fränkische, den Tonfall, in dem die Menschen sprechen. Natürlich ist es auch manchmal eine Hassliebe. Aber wenn ich länger weg bin, vermisse ich es schon.

Sie sagen, Sie seien aus Lauf einst „geflohen“. Warum? Ist doch ein nettes Städtchen.
Egersdörfer: Gute Frage. Ich fand die Stadt als Jugendlicher einfach irgendwann sehr eng. Vielleicht hing es mit dem Alter zusammen. Auch die Schule hier, das war nicht so meins. Ich war 17, als ich wieder nach Nürnberg gezogen bin.

Haben Sie auch gute Erinnerungen an die Zeit?
Egersdörfer: Ja klar. An meine Freunde. An Besuche in der Metzgerei Pristownik … Und an Abende, wenn wir in der Gaststätte in Günthersbühl auf der Veranda saßen und den Sonnenuntergang heraufbeschworen.

In Ihren Programmen haben Sie früher oft Geschichten aus Ihrer Jugend erzählt. Ist die Beschäftigung damit vorbei?
Egersdörfer: Ich lebe mittlerweile schon mehr im Heute. Aber Heimat, Kindheit und Jugend sind ja auch ein Steinbruch, aus dem man sich bedienen kann. Mir geht es darum, schöne Geschichten zu erzählen. Beim Schreiben ordnen sich naturgemäß auch manche Dinge.

Ihre Band „Fast zu Fürth“ bezeichnen Sie selbst als in die Jahre gekommene Boygroup. Irgendwie hängen Sie schon noch der Vergangenheit nach …
Egersdörfer: Naja, vielleicht, weil wir allesamt nie so mit Hübschheit gesegnet waren. Dafür waren der Genuss und die Lust am ungesunden Essen immer zu groß.

Ich habe nachgerechnet. Sie sind ziemlich genau 25 Jahre im Bühnengeschäft. Keine Jubelfeier?
Egersdörfer: Ehrlich? Sehen Sie, das war mir gar nicht bewusst.
Mir fällt immer gar nicht ein, mich um sowas zu kümmern. Vermutlich haben wir auch mit der Band schon einige Jubiläen vergessen. Wir machen immer weiter, gehen immer voran. Was zurückliegt, ist nicht so wichtig.

Was gibt Ihnen die Bühnenarbeit?
Egersdörfer: Ich finde es einfach schön, frei zu sein. Schon immer. Ich hatte immer Probleme mit Autoritäten. Mit den Lehrern, später auch in der Lehre. Erst im Kunststudium hat sich das aufgelöst. Dafür bin ich dankbar. Ein anderes Leben als als Künstler wäre möglicherweise nicht so gut gegangen.

Kabarett, Musik, Schauspiel – schlägt das Herz für eine der Sparten stärker?
Egersdörfer: Nein, ich genieße dieses große Durcheinander. Ich fände es schrecklich, immer nur allein auf der Bühne zu sein. Ich habe das große Glück, dass alte Allianzen wie die Band immer noch halten.

Im vergangenen Jahr ist Philipp Moll gestorben, Ihr kongenialer Bühnenpartner über viele Jahre. Das war eine harte Zeit für Sie.
Egersdörfer: Ja, das war richtig scheiße. Er war mein bester Freund ab der 5. Klasse. Auch in der gemeinsamen Betrachtung der Welt. Wir waren uns in vielem sehr ähnlich.

Beim Thema Provokation waren Sie lange Jahre in Ihren Bühnensoloprogrammen, sagen wir mal, nicht zimperlich. Wollen Sie, dass man Sie hasst?
Egersdörfer: Ich finde nicht, dass ich so provokant bin. Die Wirklichkeit ist oft weitaus härter im Umgang und im Ton, da muss man nur mal U-Bahn fahren. Aber ich gebe zu, dass es mir lange Zeit Lust bereitet hat, dass sich manche Menschen mit mir nicht so wohlfühlen. Das war mir egal, ich habe es in Kauf genommen. Es gab und gibt im Übrigen immer sehr geteilte Reaktionen darauf, quer durch alle Altersschichten.

Also planen Sie die Provokationen gezielt?
Egersdörfer: Nein. Ich plane das nicht. Da gehen mit mir einfach die Emotionen durch.

Die neue Tour von Fast zu Fürth heißt „Fürchtet Euch nicht“. Die Band war immer schon eine Nummer „bräver“ als Sie. Ist sie jetzt zahm geworden? Oder wovor muss man sich nicht fürchten?
Egersdörfer: Man muss sich auf jeden Fall nicht davor fürchten, dass wir die Unterhosen ausziehen … Und wenn man täglich die Nachrichten verfolgt, kann einem bei uns auch nichts passieren.

Dann frage ich: Worauf kann sich das Publikum freuen?
Egersdörfer: Auf großartige Melodien, auf großartige Musikanten und zum Teil kann es etwas lustig werden. Ich wünsche mir, dass das Konzert auf die Zuhörer ein bisschen wirkt wie eine gute Massage: Erst Druck, aber dann ein entspanntes Gefühl im Nacken.

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger