Enttäuschung und Ärger bei Ex-Soldat

Alles vergeblich

Ein Blick über die Sandsackbarrieren von Baghlan. Schon wenige Tage nach dem Rückzug der deutschen Truppen aus dem Norden Afghanistans haben die Taliban alle Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht. | Foto: Julian/stock.adobe.com2021/08/Afghanistan-scaled.jpg

Feucht – Michael Reiwe aus Feucht war als Stabsunteroffizier der Fallschirmjäger im Norden Afghanistans im Einsatz. 
Er hat die jetzige Situation schon vor zehn Jahren für den Fall prophezeit, dass die westlichen Truppen das Land verlassen würden.

Vor zehn Jahren war Michael Reiwe als Fallschirmspringer im afghanischen Baghlan, dem damals gefährlichsten Außenposten der Bundeswehr. Seinerzeit haben wir über den Einsatz des Stabsunteroffiziers im Norden Afghanistans berichtet. 25 Jahre war Reiwe damals. Heute zeigt sich, dass seine Einschätzung zur Zukunft des Landes bei einem Abzug der ausländischen Truppen exakt dem entsprach, was jetzt eintrifft.

Michael Reiwe war mit einer Einheit von Fallschirmspringern am Hindukusch. Foto: privat2021/08/MichaelReiwe-225x300-1.jpg

Im Mai 2010 erfuhr Reiwe von der bevorstehenden Verlegung seines Bataillons von Kümmersbruck an den Hindukusch. Für seine Familie, für seine Freundin und für Bekannte war das damals keine leichte Zeit, kamen doch in den Monaten vor der Verlegung der Einheit mehrere deutsche Soldaten in Afghanistan bei Anschlägen ums Leben. Die Diskussion um Sinn und Zweck des Afghanistan-Einsatzes war damals voll entbrannt. Gegner des Militär-Einsatzes sahen sich in ihrer Forderung nach einem Abzug bestätigt. So schnell wie möglich raus aus dem Land, so ihre Devise. „Nichts ist gut in Afghanistan“, hatte die evangelische Bischöfin im Januar 2010 gesagt, dafür Kritik, aber auch sehr viel Zuspruch bekommen.

Zeichen der Hoffnung

Dass nichts gut gewesen sein soll in dem leidgeprüften Land, hat Michael Reiwe schon vor zehn Jahren im Redaktionsgespräch mit dem Boten zurückgewiesen. Es gab ja seit 2001 in den Städten wieder Zeichen der Hoffnung, Mädchen durften wie Jungen Schulen besuchen, Zeitungen, Radio- und Fernsehsender konnten relativ frei berichten, die Wirtschaft wuchs moderat. Und all das nach den schlimmen Kriegsjahren gegen die Sowjets, nach anschließendem Bürgerkrieg und vierjähriger Terrorherrschaft durch die Taliban.

Truppen boten Schutz

Dass es bis vor wenigen Monaten relativ stabil blieb im Land, dass die selbsternannten Gotteskrieger zwar Anschläge verüben, aber keine Territorien einnehmen konnten, hing allein mit der Anwesenheit westlicher Truppen zusammen. Sie waren der Schutz für die freiheitlich und säkular orientierte städtische Schicht vor den Islamisten, die spätestens seit Trumps Ankündigung zum Abzug der Amerikaner Oberwasser spürten. Trump musste zwar auf Drängen seiner Generäle zurückrudern und 2020 noch einmal zusätzliche Truppen ins Land schicken, sein Nachfolger Biden aber verkündete im Frühjahr 2021 noch vor Abschluss der Verhandlungen zwischen afghanischer Regierung und Taliban in Doha den kompletten Abzug der Amerikaner. Damit stand auch der Abzug des deutschen Kontingents fest.

Michael Reiwe hat vor zehn Jahren die Situation im Norden des Landes geschildert. Wenn er an Afghanistan denkt, dann denkt er zuerst an Sand, nicht an den Sand, den man an Stränden oder auf Spielplätzen findet, sondern an Sand, der so fein ist, dass er wie Wasser um die Stiefel wabert, wenn man hindurchgeht, der in alles eindringt, in Fahrzeuge, Zelte und Gebäude, in Nasen, Ohren und Münder.

Erinnerung an heikle Situationen

An gefährliche Situationen vor dem Lager Baghlan erinnert sich der ehemalige Stabsunteroffizier, an eine Ansammlung von Männern, die drohten, das Lager zu stürmen. Was war passiert? Kinder hatten mit gefundenen Munitionsteilen gespielt, die offenbar noch aus der Zeit des Bürgerkriegs oder sogar noch aus der Zeit des Kriegs gegen die Sowjettruppen stammten. Dabei war ein Junge bei der Explosion einer Granate schwer verletzt worden. Im Nu machte daraufhin das Gerücht die Runde, der Junge sei von deutschen Soldaten angeschossen worden. Geklärt wurde das Ganze schließlich durch die Aussagen anderer Kinder, die erzählten, wie es zu dem Unglück gekommen war.

Der Kontakt zu den Einheimischen beschränkte sich damals auf die täglichen Begegnungen mit den afghanischen Fahrern, die die Versorgungstransporter ins Lager steuerten und mit den in Baghlan für die Bundeswehr arbeitenden Afghanen. Michael Reiwe erinnert sich an die Freude der Fahrer, wenn er ihnen Wasserflaschen und Panzerkekse schenkte. Ein Mann kam eines Tages mit seinem Transporter ins Lager, auf dem Beifahrersitz saß sein kleiner Sohn. Beide freuten sich riesig über die Bundeswehrkekse – als hätten sie nie zuvor ein exquisiteres Gebäck bekommen. Was wird aus den Helfern jetzt werden? Sperren die Taliban sie ein? Droht ihnen gar Schlimmeres?

„Mindestens 30 Jahre“

Vor zehn Jahren haben wir den damaligen Fallschirmjäger gefragt, welchen Zeitplan er für einen Truppen-Abzug festlegen würde. Reiwe war damals realistischer als viele Afghanistan-Experten. Mindestens 30 Jahre müssten deutsche Truppen noch in dem Land bleiben, um den Menschen Schutz vor den Taliban zu gewähren, hat er damals gesagt, eine ganze Generation. „Erst dann hat sich auch in den Köpfen der Menschen etwas geändert.“ Und wenn sich die Bundeswehr komplett zurückziehen würde, wollten wir damals von Michael Reiwe wissen. Dann würden die Taliban sich das Land binnen kürzester Zeit aneignen, so seine Einschätzung. „Dann wäre alles umsonst, was man dort bislang geleistet hat.

Kein Evakuierungsplan

Jetzt ist es soweit gekommen. 20 Jahre Militäreinsatz waren vergeblich. Dass nun alles im Chaos endet, die Taliban binnen weniger Tage Kabul einnehmen konnten und Deutsche wie Ortskräfte nicht schnell aus dem Land gebracht werden können, ist für den Feuchter unerklärlich. „Es ist doch unglaublich, dass es offenbar keinen funktionierenden Evakuierungsplan gibt“, sagt er im Telefongespräch mit dem Boten. Einen Plan also, mit dem man Menschenleben rettet. „Jetzt kann man nur hoffen, dass niemand ums Leben kommt.

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