Vortrag in Kirchensittenbach

Aktionswoche des Familienministeriums über Wohnen im Alter

So lange es geht zu Hause wohnen – das wünschen sich viele Senioren. Doch wenn Angehörige nicht immer vor Ort unterstützen können, kann es oft beim Wunsch bleiben. | Foto: New Africa - stock.adobe.com2019/05/AdobeStock_210425596.jpeg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Ein Leben lang in den eigenen vier Wänden oder zumindest im gleichen Ort wohnen zu können, ist der Wunsch vieler Senioren. Doch oft fehlt dafür die Unterstützung. Ilka Kolb von der Fachstelle für pflegende Angehörige des Diakonischen Werkes Altdorf-Hersbruck-Neumarkt erklärt die Gründe und welche Lösungen es gibt.

Wieso ist das Wohnen im Alter zu einem so großen Thema geworden?
Ilka Kolb: Der demografische Wandel und ein geändertes Familienbild sind die Hauptgründe. Es gibt mehr alte Menschen, zudem wohnen die Kinder oft sehr weit weg, beispielsweise wegen der Arbeitsstelle. Neben der Frage, wie man junge Familien in kleinere Dörfer locken kann, müssen Kommunen sich auch mit Wohnformen für Ältere beschäftigen. Hier setzt auch die Aktionswoche des Familienministeriums den Schwerpunkt.

Welche Möglichkeiten gibt es dabei?
Senioren können sich beispielsweise Hilfen ins Haus holen, wie einen ambulanten Pflegedienst oder Unterstützung bei Arbeiten. Das geht vom Hausmeister bis zum Schneeräumdienst. Dann gibt es das betreute Wohnen zu Hause, bei dem ein Hauptamtlicher die Hilfen koordiniert und den Einsatz von Ehrenamtlichen plant. Diese schauen dann alle 14 Tage nach dem Rechten. Beim Mehrgenerationenhaus und in Seniorenhausgemeinschaften helfen sich die Bewohner gegenseitig.

Das alles ist aber vor allem für rüstige Rentner geeignet.
Ja. Die ambulante Pflege ist auch für Pflegebedürftige, die von Angehörigen versorgt werden. Wenn aber jemand mehr Pflege benötigt, muss man Richtung Pflegeheim oder ambulante Wohngemeinschaft gehen. Auch ein 24-Stunden-Dienst ist hier möglich. Über allem steht aber der Grundsatz „ambulant vor stationär“. Erst soll die Versorgung zu Hause versucht werden, bevor man in ein stationäres Heim geht.

Geht nicht ohne Ehrenamt

Wie sieht es mit den Kosten dafür aus?
Die Pflegeversicherung übernimmt, je nach Pflegegrad, die Kosten für die Pflegesachleistungen. Dies gilt für den Einsatz eines ambulanten Dienstes oder aber auch für Wohngruppen und stationäre Pflegeheime. Ein Eigenanteil bleibt jedoch immer. Bei Seniorenhausgemeinschaften oder Mehrgenerationenwohnen fallen, wie bei einer normalen Mietwohnung, Mietkosten an und der Bewohner versorgt sich selbst. Bei vielen Konzepten muss man auch dazu sagen, dass diese kaum ohne Ehrenamtliche funktionieren.

Was bietet sich speziell für kleinere Orte wie Kirchensittenbach an?
Bevor man sich für ein Konzept entscheidet, muss zunächst analysiert werden, wie die Infrastruktur des Ortes aussieht: Ist ein Hausarzt im Dorf, gibt es ein Lebensmittelgeschäft, wie sieht es mit der öffentlichen Verkehrsanbindung aus? Das ist von Ort zu Ort unterschiedlich. Die Gemeinde Velden entwickelt hier gerade ein Quartierskonzept. Manche Gemeinden arbeiten zusammen und bieten einen gemeinsamen Fahrdienst an. Auch stellt sich die Frage, welche Partner der Kommune zur Seite stehen.

In Kirchensittenbach gibt es mittlerweile eine Nachbarschaftshilfe.
Das ist ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung. Eine weitere Möglichkeit wäre der Einsatz von Alltagsbegleitern. Diese bekommen bei der Diakonie eine 40-stündige Ausbildung sowie eine jährliche Weiterbildung. Deren Aufgabe ist es, pflegende Angehörige zu entlasten und gleichzeitig den Senior in seiner Selbstständigkeit zu fördern. Heißt beispielsweise gemeinsam zu kochen, Zeitung zu lesen, die Spülmaschine auszuräumen und ähnliches. Der Senior muss aber mindestens Pflegestufe eins haben.

Begleiter für den Alltag

Ist das, wie bei der Nachbarschaftshilfe, ein reines Ehrenamt?
Es ist ein Ehrenamt. Die Alltagsbegleiter bekommen von der Diakonie eine Aufwandsentschädigung, da sie auch Zeit für die Ausbildung investieren müssen. Der Einsatz wird über die Fachstelle für pflegende Angehörige koordiniert. In der Regel ist der Alltagsbegleiter zwei Stunden in der Woche bei einer Familie eingesetzt. Die Kosten können über den Entlastungsbeitrag der Pflegeversicherung abgerechnet werden – wenn ansonsten keine Leistungen in Anspruch genommen werden, steht der Alltagsbegleiter zehn bis elf Stunden im Monat zur Verfügung. Natürlich kann er auch aus privater Tasche gezahlt werden.

Es gibt ja schon ein paar Einrichtungen, wie das betreute Wohnen in Hersbruck oder Pommelsbrunn oder das Sebastian-Fackelmann-Haus.
Das sind alles kleine Bausteine, die nur teilweise den Bedarf abdecken. Das Hauptproblem ist, dass für so gut wie alle Formen Ehrenamtliche gebraucht werden, die immer schwieriger zu finden sind. Die Menschen arbeiten heute sehr viel, was auch wieder ein Grund für die Entwicklung alternativer Wohnformen für Ältere ist: Es fehlt die Zeit für die Senioren in der Familie. Aber auch die Hilfe von Fremden wird oft nicht ohne Weiteres angenommen, viele wollen zudem einfach nicht auffallen. Solche Angebote müssen erst wachsen, nicht alles kann von Staats wegen verordnet werden.

Im Rahmen der Aktionswoche „Zu Hause daheim“ hält Ilka Kolb zum Thema „Wohnformen im Alter“ am Mittwoch um 19.30 Uhr einen Vortrag im Alten Schulhaus in Kirchensittenbach. Alle Interessierten sind eingeladen.

N-Land Marina Gundel
Marina Gundel