Ex-kicker-Chefredakteur Rainer Holzschuh im Interview

In der Sauna mit Berti Vogts

Chefredakteur und Herausgeber des kicker Sportmagazins, darüber hinaus seit 2006 Laudator des Deutschen Fußball-Kulturpreises: Das Leben des Rainer Holzschuh drehte sich schon immer um das runde Leder. 2016 ehrte er bei der Gala in Nürnberg Sir Alex Ferguson, der Manchester United rund 27 Jahre trainiert hatte. | Foto: Zink2021/01/Altdorf-Rainer-Holzschuh-Bensemann-Preis-scaled.jpg

ALTDORF – Seit Anfang des Jahres befindet sich Rainer Holzschuh im Ruhestand. Als Chefredakteur und Herausgeber des kicker prägte er
rund 50 Jahre die Fußballberichterstattung und erlebte dabei so manche Kuriosität. Heute genießt er seine freie Zeit in Altdorf.

Von einer „unvermuteten Liebesbeziehung“ spricht Rainer Holzschuh in seinem letzten Scheinwerfer der Dezemberausgabe des kicker rückblickend. Das, was 1971 als Reporter in der Westredaktion begann, fand vor wenigen Tagen in Nürnberg sein Ende: Der langjährige Chefredakteur, der ab 2009 zudem Herausgeber des erfolgreichen Sportmagazins war, verabschiedete sich in den wohlverdienten Ruhestand. Rund ein halbes Jahrhundert Fußballgeschichte erlebte der geborene Bad Kissinger hatnah mit.

Herr Holzschuh, anstatt Sie vormittags bei einer gemütlichen Tasse Tee zu erreichen, haben Sie bereits eine Telefonkonferenz hinter sich gebracht. Haben Sie sich mit dem Ruhestand noch nicht angefreundet?
(lacht): Ich bekleide noch immer einige Ehrenämter, unter anderem im Medienverbund European Sports Media sowie eine Kulturstiftung beim Deutschen Fußball Bund, die will ich weiterhin behalten und die machen mir auch Spaß. Ich möchte schließlich nicht nur noch zu Hause herumsitzen. Auch mit meiner ehemaligen kicker-Redaktion möchte ich weiterhin in Kontakt bleiben. Ich muss schon gestehen: Der Abschied vor wenigen Tagen ist mir schwer gefallen. Aber ich bin jetzt 76 Jahre alt, irgendwann muss es auch mal gut sein.

Ihr Aufstieg vom kicker-Reporter hin zum Chefredakteur und Herausgeber liest sich wie eine Bilderbuchkarriere. War das bereits in jungen Jahren Ihr Plan?
Nein, das war so ganz und gar nicht geplant. Eigentlich wollte ich Jurist werden, aber der Fußball war schon immer meine große Leidenschaft. Ich habe während meines Studiums in einer kleinen Zeitung in Regensburg angefangen. Zu Beginn habe ich damals Sonntags für 1,50 D-Mark Tabellen ausgerechnet und durfte dann immer mehr und mehr Aufgaben übernehmen. Als der Sportredakteur einmal im Urlaub war, durfte ich ihn sogar vertreten. So hat alles begonnen. Eines Tages hat dann die Augsburger Allgemeine Zeitung bei mir angerufen und gesagt, sie würden mich gerne kennenlernen. Ehrlich gesagt habe ich nicht damit gerechnet, den Job zu bekommen und wollte mir nur die Spesen abholen. Dann saß ich zusammen mit dem damaligen Chefredakteur, dem Sport- und Personalchef am Tisch. Sie meinten, sie hätten sich bereits über mich erkundigt und würden mich gerne in ihrer Redaktion begrüßen. Also hab ich da angefangen. Ein Jahr später bin ich dann bereits zum kicker gewechselt, ehe ich von 1983 bis 1988 Pressechef beim Deutschen Fußball Bund war. Ein extrem zeitintensiver Job. Anschließend bin ich als Chefredakteur zum kicker zurückgekehrt.

Zeitgleich mit Ihrer Rückkehr aus Frankfurt am Main nach Franken haben Sie sich in Altdorf niedergelassen.
Ja, daran erinnere ich mich noch ganz genau: Es war an einem Samstag im Juli. Wir haben wegen des Umzugs den ganzen Tag geackert ohne Ende. Gegen Abend hörten wir dann in der Ferne laute Musik, Paukenschläge und jede Menge Trubel. Also sind wir losgezogen um zu gucken, was da los ist. Wie sich herausgestellt hat, war es die Lange Nacht. Das war unser erster Eindruck von Altdorf – und davon waren wir damals richtig begeistert.

Und rund 32 Jahre später sind Sie es noch immer?
Ja, absolut. Altdorf ist ein wunderschönes, kleines Städtchen, ich habe hier mittlerweile einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, auch durch die vielen Vereine. Ich habe Tennis und auch schon in der Altherren-Mannschaft Fußball gespielt. Außerdem habe ich viele Jahre die Ehrung zum Sportler des Jahres hier moderieren dürfen. Das hat mir einen rießigen Spaß gemacht.

Gibt es einen bestimmten Ort, an dem Sie besonders häufig anzutreffen sind?
Es gibt hier viele schöne Orte, an denen ich mich gerne aufhalte. Ich bin zum Beispiel eng befreundet mit dem Besitzer der Alten Nagelschmiede am Oberen Markt und viel mit ihm zusammen. Meine Frau und ich gehen unheimlich gern und viel spazieren, wir fahren mit dem Rad bis nach Nürnberg oder den Kanal entlang bis nach Neumarkt. Ab und zu bin ich auch auf dem Golfplatz in Lauterhofen unterwegs. Wir genießen die Region hier schon sehr.

Apropos Altdorf: Verfolgt der Fußballexperte Rainer Holzschuh auch die Entwicklung der Volleyballerinnen des TV Altdorf hin zum Zweitligateam?
Natürlich verfolge ich den TV Altdorf und freue mich sehr über den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Eine Freundin aus unserem engsten Bekanntenkreis war lange Zeit als Betreuerin beim TV Altdorf aktiv, insofern hatten wir schon immer Kontakt zum Volleyball und waren auch immer wieder mal in der Halle dabei – eine tolle und familiäre Stimmung.

Sie waren dem Fußball fast ein halbes Jahrhundert eng verbunden. Aus heutiger Sicht betrachtet vielleicht etwas zu eng?
Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich meine Familie in Altdorf nicht so intensiv genießen konnte, wie ich es gerne getan hätte. Ich habe eine fantastische Familie, meine Frau hat meine Arbeit immer akzeptiert und respektiert. Meine Kinder sind in Altdorf eingeschult worden, haben hier ihre Heimat gefunden und sind Altdorf nach wie vor sehr verbunden. Unterm Strich muss ich dennoch sagen: Ich hab natürlich zu wenig Familie genießen können. Bei jeder Welt- und Europameisterschaft war ich wochenlang unterwegs. Ich habe im Juni Geburtstag, meinen 50. habe ich 1994 in den USA verbracht, meinen 60. dann 2004 in Portugal. Das sind Dinge, die man in diesem Job einfach in Kauf nehmen muss. Aber umso mehr genieße ich meine Familie jetzt. Wenn unsere Töchter mit ihren kleinen Söhnen zu Besuch sind, ist das natürlich ein Traum. Die Zeit mit meiner Familie genieße ich heute ganz anders als früher.

Nicht nur die redaktionelle Arbeit zeichnete Sie aus, auch ein ausgeprägter Geschäftssinn war früh bei Ihnen zu erkennen.
Als Chefredakteur hatte ich immer das Ziel, den kicker als Marke zu etablieren und stetig weiter voranzubringen. Ich habe dann auch relativ schnell einen Verbund von europäischen Sportzeitschriften gegründet, dem unter anderem die italienische Gazetta dello sport und die spanische Marca angehören. Ich habe auch versucht, den kicker durch Auftritte in Funk und Fernsehen bekannter zu machen. Auf sämtlichen Fernseh- und Radiosender Deutschlands war ich zu sehen und zu hören, das wurde irgendwann zum Selbstläufer. Ich hab das schon auch gerne gemacht, aber dadurch war ich natürlich sehr viel unterwegs und unheimlich oft weg von zuhause. Aber dadurch wurde die Marke kicker letztlich stabilisert und ich habe mir auf diese Weise ein Netzwerk aufgebaut, das um die ganze Welt reicht. Der Fußball ist heute ein wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft. Politiker, Literaten, Schauspieler: Und ich kenne so viele von diesen verrückten Fußballfans.

Und dennoch gehen Sie mit dem modernen Fußball immer wieder hart ins Gericht. Insbesondere kritisieren Sie die Entwicklung hin zum Showevent. Ist die überhaupt noch aufzuhalten?
Wenn der Fußball noch einmal vernünftig werden würde, dann ja. Aber es wird wohl leider immer wieder Menschen im Fußball geben, deren Ziel es ist, als Präsident eines Klubs einen Pokal hochzuhalten und sich dann dafür feiern zu lassen – auch wenn man dafür wieder 100 Millionen Euro Schulden aufnehmen muss. Wenn der fünfte Lamborghini in der Garage steht und das goldene Steak wichtiger ist als alles andere, dann ist Fußball nicht mehr einfach nur Leistungssport. Dann nimmt er Hollywood‘sche Züge an, und das ist nicht zuträglich für den echten Fußballfan. Die Bindung zur Basis, zu den Fans, geht dabei definitiv verloren.

In rund 50 Jahren haben Sie viel erlebt und jede Menge Anekdoten zu berichten. Was war für Sie das prägendste Erlebnis ihrer Karriere als Sportjournalist?
Ich hatte wirklich unglaublich viele tolle Erlebnisse. Aber das lehrreichste war folgendes: Als ich in der Westredaktion des kicker in Essen gearbeitet habe, hatten wir einen engen und vertrauten Kontakt zu den damaligen Spielern. Daraus entwickelte sich dann auch privater Umgang. Anfang der 70er Jahre hatte ich einen guten Draht zur Meistermannschaft von Borussia Mönchengladbach um Günther Netzer und Berti Vogts. Als kicker-Redakteur hatte man damals einen guten Stand bei den Spielern, also haben sie mich gefragt, ob ich montags nicht mal mit ihnen in die Sauna kommen möchte. Also bin ich jeden Montag von Essen rüber nach Mönchengladbach gefahren und habe mit den Spielern sauniert. Eines Tages spielte Gladbach sonntags in Essen. Berti Vogts war damals ein Weltklasse Verteidiger. An diesem Tag wurde Berti Vogts allerdings von einem jungen Niederländer der Essener regelrecht eingedreht. Essen hat gewonnen, die Tore gingen überwiegend auf Vogts‘ Konto. Also habe ich ihm anschließend die Note fünf gegeben – was einer Majestätsbeleidigung gleichkam. Tags drauf bin ich wieder nach Mönchengladbach gefahren. Ich dachte: Wenn der Berti mich sieht, schmeißt er mich hochkant raus. Doch es kam anders: Berti kam auf mich zu und sagte: „Wenn du mir keine fünf gegeben hättest, hättest du hier nie mehr auftauchen brauchen.“ Das war für mich die größte Lehre. Immer Arbeit und Privates zu trennen und mir die Neutralität zu bewahren. Nur wer das kann, ist ein guter Journalist.

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