Taktik-Gespräch vor dem EM-Viertelfinale

Keine Angst vor Italien

Freund und Trainerkollegen, am Samstag aber Rivalen: Luca Tondo (links) und Luis Fischer.
Freund und Trainerkollegen, am Samstag aber Rivalen: Luca Tondo (links) und Luis Fischer. | Foto: Privat2016/07/EM-Tondo-Fischer.jpg

LAUF — Die Begegnung Deutschland gegen Italien ist ein Klassiker. Gewinnen konnte die deutsche Elf bei einem großen Turnier aber noch nie gegen ihren „Angstgegner“. Die PZ hat mit Luis Fischer und dem italienisch-stämmigen Luca Tondo über das heutige Duell gesprochen. Die beiden trainieren ab der kommenden Saison die U19 des SK Lauf in der Landesliga.

PZ: In vier K.-O.-Runden bei Europa- und Weltmeisterschaften trafen Deutschland und Italien bereits aufeinander. Am Ende setzte sich immer Italien durch, zuletzt bei der EM 2012. Spielt das für das heutige Spiel eine Rolle?
Fischer: Durch den WM-Titel für Deutschland spielt das keine Rolle mehr. Die Spieler haben vor niemandem mehr Angst. Und im Freundschaftsspiel Ende März hat Deutschland mit 4:1 gewonnen.
Tondo: Für die italienischen Fans spielt das vielleicht eine Rolle, für die Spieler nicht. Die sind Profis genug. Und die Mannschaften sind ja komplett unterschiedlich.

PZ: Herr Tondo, Sie sind in Deutschland geboren, Ihre Eltern kommen aus Italien. Wem drücken Sie eigentlich die Daumen?
Tondo: Ich bin schon eher für Italien. Sie haben eine sehr gute Chance zu gewinnen, und dann sollen sie es auch durchziehen.

PZ: Italien stellt die älteste Mannschaft des Turniers, außerdem haben die Spieler nach dem Sieg gegen Spanien einen Tag weniger zur Regeneration gehabt als die deutsche Elf. Wird die körperliche Verfassung ein Faktor?
Fischer: Ich glaube, dass Deutschland das höhere Tempo über längere Zeit gehen kann. Aber Italien wird nicht ins offene Messer laufen. Durch ihre Erfahrung wissen sie, was sie können oder nicht.
Tondo: Gerade weil die Italiener nicht mehr die Jüngsten sind, ist die Regeneration ein weniger großes Problem. Viele Spieler haben Routine mit englischen Wochen im Ligabetrieb. Je mehr man spielt, desto mehr weiß man, was man tut. Ich sehe es als Vorteil, dass Italien gegen Spanien gewonnen hat. Das gibt einen enormen Motivationsschub.

PZ: Welche Mannschaft schätzen Sie stärker ein?
Tondo: Von der Qualität ist Deutschland stärker. Sie sind technisch besser und spielen sehr präzise. Ich sehe Deutschland auch stärker und disziplinierter als Spanien. Es wird sehr schwierig für Italien.
Fischer: Ich sehe auch Deutschland nominell stärker. Die Mannschaft hat eine sehr gute Mischung und in keinem Bereich große Defizite. Wir haben wahnsinnig viele Kreativspieler und in der Innenverteidigung gibt es keine bessere Mannschaft auf der ganzen Welt. Es reicht nicht, wenn man einen deutschen Spieler zustellt, um den Spielaufbau zu stören. Boateng, Hummels, Kroos können alle das Spiel eröffnen.

PZ: Was sind die Stärken der Italiener?
Tondo: Das Team agiert taktisch sehr klug. Sie spielen in einem 3-5-2-System. Das ist nicht einfach, da dürfen keine Fehler passieren. Sie können diese eigentlich defensive Formation auch offensiv spielen. Dazu braucht man die richtigen Leute, und die haben sie. Die drei Innenverteidiger der Dreierkette spielen auch im Verein zusammen und sind perfekt aufeinander abgestimmt (Leonardo Bonucci, Andrea Barzagli und Giorgio Chiellini vom italienischen Meister Juventus Turin, Anm. d. Red.).
Fischer: Italien steht defensiv ex­trem gut, sie verschieben gut, der Verbund zwischen den Mannschaftsteilen ist sehr stark. Die Abstände zwischen den Spielern sind perfekt, sie wirken sehr konzentriert. Jeder arbeitet gegen den Ball, sie sind e­xtrem gut geordnet. Dagegen muss sich Deutschland Mittel überlegen.

PZ: Was muss Deutschland tun, um zu gewinnen?
Fischer: Deutschland muss zielstrebig nach vorne spielen, schnell spielen und das Spiel verlagern. Irgendwann müssen die Bälle kommen, die das Tempo verschärfen. Sie müssen genau das tun, was sie schon in den bisherigen Spielen gezeigt haben. Das A und O ist es aber, dass sie das Tor treffen. Denn Tore schießen ist kein Glück, sondern eine Qualität.

PZ: Und Italien?
Tondo: Deutschland gibt gerne den Takt an. Die deutsche Elf braucht Sicherheit und Ballkontrolle. Italien darf sich nicht hinten reinstellen, sondern muss offensiv spielen.

PZ: Wie geht das Spiel aus?
Fischer: Ich glaube, wir spielen wieder zu Null. 1:0 nach 90 Minuten.
Tondo: Ich bin mal so frech und tippe auf Italien. 2:1.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer