WM-Analyse von Daniel Hanisch

„Löw sollte zurücktreten“

Daniel Hanisch, Trainer des SK Lauf. | Foto: PZ-Archiv2018/06/Hanisch-Daniel-SK-Lauf.jpg

Erstmals in der Geschichte ist Deutschland bei einer Fußball-Weltmeisterschaft bereits in der Vorrunde ausgeschieden – und das als Titelverteidiger. Wie konnte es dazu kommen? Daniel Hanisch, Trainer des Bezirksligisten SK Lauf, hat das Turnier für die Pegnitz-Zeitung noch einmal unter die Lupe genommen.

Schon im Vorfeld der Weltmeisterschaft gab es Dinge, die nicht optimal gelaufen sind. Da waren die Bilder von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die nicht nachvollziehbare Aussortierung von Leroy Sané, die Diskussionen, ob Manuel Neuer nach seiner monatelangen Pause fit ist und die sehr schlechten Leistungen in den letzten Testspielen gegen Österreich und Saudi-Arabien. Gegen Mexiko wurde schnell klar, dass die ganzen Probleme im Vorfeld mit dem Turnierstart nicht verschwunden waren.

Taktisch hat vieles nicht ansatzweise gestimmt: Das Umschaltspiel war vom ersten Moment an nicht vorhanden. Es gab weder ein sofortiges Gegenpressing noch eine geordnete Rückwärtsbewegung nach Ballverlusten. Eine Absicherung fand nicht statt, die Spieler, die absichern hätten können, standen zu hoch.

Die Mannschaft wirkte planlos

Im Spiel nach vorne wirkte die Mannschaft in allen drei Spielen komplett plan­los. Es war keine Idee vorhanden, wie Torchancen herausgespielt werden sollen und Tore erzwungen werden können. Im zweiten Vorrundenspiel gegen Schweden hätte ich mir zum Beispiel ein konsequentes Überzahlspiel über die Außenbahnen gewünscht, um auf die Torlinie zu kommen und dann mit einem flachen Ball in den Rücken der Abwehr für Gefahr zu sorgen. Die Flanken aus dem Halbfeld waren sinnlos gegen die kopfballstarken Abwehrspieler der Schweden. Dazu kommen die ständigen Wechsel in der Anfangsformation.

Wenn man ein erfolgreiches Team haben will, braucht man eine eingespielte Mannschaft. In den beiden Vorbereitungsspielen vor der WM und in den drei WM-Spielen standen ständig andere Spieler in der ersten Elf. So bekommt man keine Automatismen ins Spiel.

Die Mannschaft wirkte nicht fit. Eigentlich ist das unerklärlich. Ob die Trainingsdosierung falsch war oder es an der Einstellung jedes Einzelnen lag, ist vom Fernseher aus schwer zu beurteilen.

Keine Einheit auf dem Platz

Ich hatte nicht den Eindruck, dass eine Einheit auf dem Platz steht. Es gab keinen Taktgeber, keinen Wachmacher, kein Aufbäumen.

Ein frischer Wind würde der Nationalmannschaft guttun, es müssen neue Hierarchien gebildet werden. Es sind zu viele erfolgssatte Spieler im Team. Und Jogi Löw muss erkennen, dass es Zeit ist, den Weg für einen Trainer frei zu machen, der neue Impulse setzt, der nicht voreingenommen an die Sache rangeht.

Mit Spielern wie Thomas Müller, Mesut Özil oder Sami Khedira hat Löw extrem viel erlebt und ist mit ihnen Weltmeister geworden. Es machte den Eindruck, dass Löw auf seine Lieblinge baut. Nach so vielen gemeinsam Turnieren ist es schwer, immer objektiv zu bleiben. Auch für die Spieler wäre es gut, andere Gesichter zu sehen, wenn sie zur Nationalmannschaft fahren. Ein Trainer nutzt sich ab, als Spieler will man nicht immer die gleichen Sprüche hören. Man muss sich auch mal neu beweisen müssen.

Löw trägt die sportliche Gesamtverantwortung. Deshalb sollte er zurücktreten.

N-Land Pegnitz-Zeitung
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