Leben zwischen Pegnitz und Kilimandscharo

Wissenschaftler Andreas Hemp ist Liebhaber der Hersbrucker Alb

Blockschutthalten faszinieren Hemp in der Hersbrucker Alb. | Foto: privat2018/09/Podisma.jpg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Eigentlich wollte Andreas Hemp Bauer werden. Heute ist er Privatdozent für Biologie an der Uni Bayreuth und kennt die Natur der Hersbrucker Alb wie seine Westentasche. Denn die „Landschaft hier hat mich als Kind geprägt“, sagt er. Mit dem Kilimandscharo in Afrika hat er zudem einen zweiten Lebensschwerpunkt, der der Gegend hier gar nicht so unähnlich ist.

Wenn Andreas Hemp redet, ist der leichte Berliner Einschlag nicht zu überhören. Geboren und aufgewachsen ist er auch in der Hauptstadt – zumindest teilweise. „Meine Mutter ist aus Neuhaus“, weshalb der 60-Jährige früher viel hier war. Für den kleinen Andreas, der sich selbst als schon immer naturverbunden beschreibt, war die Gegend „das Größte“, weil man so viel draußen machen konnte. Zwar fehlt ihm in der Hersbrucker Alb das Wasser im Gegensatz zur Region um Berlin, dennoch gilt seine Leidenschaft der Umgebung der Pegnitz mit ihren weit über 1000 Pflanzenarten.

Nachdem Hemp immer klar war, dass er „mal was draußen machen will“ beruflich, studierte er neben alter Literatur Biologie in Berlin. Nach dem Vordiplom wechselte er an die Uni Bayreuth, setzte sich den Schwerpunkt Ökologie und schrieb seine Diplomarbeit über seine vegetationskundlichen Forschungen an der Pegnitz von der Quelle bis Hersbruck. „Das war wie ein Rausch“, erinnert er sich, „denn es ist so ein artenreiches, tolles und abwechslungsreiches Gebiet“. Daten von Arten und Vegetationsstrukturen auf über 2000 Aufnahmeflächen von Wiesen und Wäldern, Felsen und Wasserpflanzenbeständen in der Pegnitz hat er damals gesammelt. Dieses „Reinknien“, wie Hemp es nennt, in Forschung und Region hat ihn mit selbiger noch stärker verbunden.

Kein Wunder, dass Hemp freiberuflich seine ersten Einsätze in der Hersbrucker Alb hatte – über das Landratsamt und den Weingleinpark. Einen der ersten Landschaftspflegepläne entwarf er für die Wied oberhalb von Pommelsbrunn. „Dadurch habe ich auch die Schattenseiten mitbekommen“, erzählt er. Neben der Forschung rückte auch der Naturschutz in seinen Fokus. Immer mehr fiel ihm auf, dass beispielsweise der Forstwegebau die „Berge zerfurcht“, die Landwirtschaft intensiviert wird und auch die Freizeitaktivitäten wie Kanufahren, Mountainbiken oder Klettern zunehmen.. In der Hersbrucker Alb geht es beim Naturschutz in der Regel um Landschaftspflege von Relikten der alten Kulturlandschaft wie der Hutanger. Andererseits sollten auf den wenigen Resten ursprünglicher Wälder am Albtrauf jegliche Eingriffe des Menschen unterbleiben. Es handelt sich also eine Mischung aus menschlichem Eingriff und dem Gewähren-lassen der Natur als Leitziel für den Naturschutz.

Dennoch ist Hemp der Meinung, dass die Gegend „enormes Glück hat, dass viele Menschen mit offenen Augen durch die Natur gehen“ und sich – beispielsweise über den Wengleinpark, „ein Ballungszentrum für den Naturschutz“ – für diese engagieren: „Es gibt so viele Kleinode, die den Leuten und Ämtern bewusst gemacht werden müssen.“ Schlagartig fallen ihm da seine Lieblingsorte – die unberührte große Pegnitzschleife an der Seeweiherquelle, die Dolomitkuppen bei Neuhaus-Velden, der Pegnitz-Durchbruch am Rothenfels bei Lungsdorf mit seinen Hirschzungenwäldern und die Blockschutthalden auf Zankelstein, Wied, Windburg oder Houbirg – ein.

Tal vor Augen
Wenn Hemp die Pegnitz, „der Ankerpunkt der Region“, in Gedanken entlangfährt, hat man das Gefühl, er sieht jeden Abschnitt förmlich vor sich: Die Doggerlandschaft an der Quelle im Norden bei Lindenhardt sei „weniger strukturiert“ und teilweise moorig; südlich von Pegnitz schließe sich das Karstgebietan, das in weiten Bereichen wie dem Veldensteiner Forst von Kreidesandstein überlagert sei; nach Neuhaus komme das sehr enge Tal mit den Dolomitfelsen, bevor mehrere weichere Gesteinsschichten das Tal wieder weiter machen. Dazu kommen noch die verschiedenen Waldtypen. Fachbegriffe und Namen fliegen nur so umher. Es scheint, als kenne Hemp jeden Baum hier. Ebenfalls voller Leidenschaft und mit großem Wissen spricht Hemp von den besonderen Landschaftselementen.

Solche wären beispielsweise die waldfreien Blockschutthalden. Dort können, so der 60-Jährige, bestimmte Pflanzenarten als Eiszeitrelikte überdauern. „Das ist ein äußerst interessanter, dynamischer Lebensraum“, erklärt er begeistert. Wie ist das nun gemeint? Die Pflanzen haben hier gegen ständigen Steinschlag aus den Werkkalkwänden zu kämpfen, und Hangrutschungen halten diesen Lebensraum in dauernder Bewegung. Aus dem lockeren Schutt tritt Luft aus: Im Sommer bei 30 Grad ist sie am Haldenfuß mit sechs bis acht Grad relativ kühl, im Winter aber so warm, dass der Oberhang schneefrei bleibt, weiß Hemp. Doch nicht nur diese Gebiete faszinieren den Wissenschaftler.

Auch die Kiefernwälder auf den Dolomitkuppen haben es ihm angetan, über die er seine Doktorarbeit geschrieben hatte. „Das ist einzigartig in Deutschland“, schwärmt er. Rund 50 bis 60 Pflanzenarten mit über zehn Orchideenarten können sich auf einer kleinen Fläche von zehn mal zehn Metern in diesen Kiefernwäldern tummeln, die ein „Relikt der nacheiszeitlichen Vegetationsgeschichte“ sind. Sprich: Im hiesigen Altsiedelgebiet wird seit 6000 Jahren Landwirtschaft in Form von Wanderfeldbau und Waldweide betrieben. Die Siedlungen „wanderten“ dabei in einem Turnus von etwa 60 Jahren und einem Radius von zehn Kilometern.„Durch die Auflichtung des Waldes wurde die Kiefer gefördert, denn sie ist weniger Verbiss-gefährdet.“ Heutzutage wird der Bestand dieser Wälder nach Aufgabe der traditionellen Nutzung in Form von Waldweide und Streurechen in den 1950er Jahren immer geringer, erläutert Hemp, der Gründungsmitglied der Naturschutzwacht hier ist.

Ärger über Politik
Um diese Bereiche zu erhalten, schwebt ihm seit langem ein Dolomitkiefernwald-Projekt vor. „Bund und Land wären bereit, ein Naturschutzgroßprojekt „Dolomitkuppenalb“ mit bis zu fünf Millionen Euro zu fördern, nur hakt es an der lokalen Politik“, spricht Hemp seinen Ärger an, „das ist bitter“. Denn ein solches Vorhaben wäre seiner Meinung nach gut für Landkreis und Tourismus. Zumal er das Gefühl hat, dass die Bürger ihre Heimat mehr schätzen: „Diskussionen sind sachlicher, nicht mehr so polemisch und es gibt kaum Widerstand gegen Entbuschungen. Das war vor 20 Jahren undenkbar.“

Weitere Leidenschaft von Andreas Hemp ist der Kilimandscharo. | Foto: privat2018/09/FER0_16.jpg

Eine viel direktere Rückkopplung zwischen Natur und Mensch erlebt Hemp in Ostafrika. Aber wie kam der Experte für die Pegnitzalb zum Kilimandscharo? „Eigentlich wollte ich immer nach Südamerika.“ Aber ein Ethnologe der Bayreuther Uni suchte jemanden, der die Pflanzenwelt am Kilimandscharo gemeinsam mit den Einheimischen für ein viersprachiges Lexikon erforscht. So brachte ein rumpliger Geländewagen Hemp für sieben Monate zu einer alten Missionsstation ohne Wasser und Strom. Viele Stunden Fußmarsch waren allein zum Einkaufen angesagt. Hemp konnte damals vor 30 Jahren weder die Sprache, noch kannte er eine Pflanze, blickt er zurück.

Und wieder verband ihn diese „körperlich anstrengende“ Arbeit, die er noch einmal für ein halbes Jahr sowie für zahlreiche weitere, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte ökologische Projekte und schließlich ein großes Forschungsverbundprojekt von 20 Unis von 2010 bis Ende diesen Oktober wiederholte, mit diesem „so großen Berg“, der viele Themen in Sachen Ökologie, Zoologie oder Klima bereithält, wie Hemp findet.

Fasziniert haben den Vater dreier Kinder neben den so genannten Baumgartenkulturen der Einheimischen? Bewohner, in denen unter den einzeln stehenden Bäumen Bananenstauden, Kaffee und Gemüse wachsen, die Mischung aus Wildnis und dichter Besiedlung: „Am Fuß des Berges leben rund eine Millionen Menschen.“ Und dennoch war es möglich, in einem entlegenen Tal am unteren Berghang den höchsten Baum Afrikas mit über 80 Meter Höhe zu entdecken.

Das hört sich nun ganz anders an als hier. Wo liegen dann die Gemeinsamkeiten? Hemp überlegt: „Es sind herausragende Regionen und Ikonen für den Naturschutz.“ Sie bestechen, so der Wissenschaftler, mit vielen Landschaftstypen und großer Artenvielfalt. Und beide Gebiete haben Probleme – trotz des paradiesischen Charakters. Entscheiden zwischen Hersbrucker Alb und Kilimandscharo will und kann sich Hemp daher nicht: „Ich liebe beide Gegenden.“

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch