IHK-Jahresempfang in Hersbruck

„Wirtschaft braucht Netzausbau“

„Die Energiewende hat etwas an Sexappeal verloren, auch wenn wir mitten drin sind“, sagte Referent Robert Schmidt. | Foto: Andrea Pitsch2018/03/Schmidt-IHK.jpg

HERSBRUCK – Ob bei den vielen Gesprächen an den Stehtischen im Foyer des Showrooms der Création Gross wohl oft das Thema „Energiewende“ gefallen ist? Wohl kaum. Denn, wie Dirk von Vopelius, Präsident der IHK Nürnberg für Mittelfranken, beim Jahresempfang des Hersbrucker Gremiums der Industrie- und Handelskammer bemerkte, sind Energiewende, Kosten und Versorgungssicherheit aus der aktuellen Diskussion verschwunden. Wie brisant der Themenkomplex aber ist, zeigte der Fachvortrag von Robert Schmidt.

Gekommen waren die rund 100 Unternehmer und Geschäftsinhaber nicht nur deshalb. Vielmehr nutzten sie die Gelegenheit, von Tisch zu Tisch zu schlendern, hier und da zu plaudern, Ideen und Kooperationen anzustoßen oder Kontakte herzustellen. Nicht nur der Vorsitzende der IHK Hersbruck, Swen Heckel, freute sich daher, dass dieses Angebot zum Netzwerken – auch zwischen Wirtschaft und Politik – so gut angenommen wird.
Gastgeber Peter Gross meinte, ihm sei wichtig, dass Unternehmer, die im Alltag sehr eingebunden seien, in lockerer Atmosphäre Gedanken austauschen können – beispielsweise zur Energiewende. Er kritisierte die aktuelle Wirtschaftspolitik vor allem im Bereich Umwelt aufgrund einer „ex-tremen Kostensteigerung“: Die Verantwortlichen hätten die Mischung aus Wirtschaftlichkeit und Gewinnsteigerung bei den Firmen aus den Augen verloren. Dabei müssten Auflagen finanzierbar sein, mahnte Gross an.

Ähnliches gab auch Swen Heckel zu bedenken. Wie die Konjunkturumfrage der IHK Anfang des Jahres zeigte, ist die Geschäftserwartung „deutlich besser“ als 2017, so dass kräftig investiert wird. Trotz der „sehr guten Rahmenbedingungen“ für die heimische Wirtschaft werden als Themen der Zukunft Heckels Meinung nach der Fachkräftemangel sowie Energieversorgung und -sicherheit bestehen bleiben.

Dass Firmen letztere Herausforderung nicht aus dem Blickfeld verlieren sollte, leitete IHK-Präsident von Vopelius auch von der Verantwortung der IHK für die Gesellschaft ab. Zugleich nahm er die hiesigen „Hidden Champions“ in die Pflicht, Firmenmarketing zu betreiben, um so an Fachkräfte zu gelangen und das Ausbildungsweekend der IHK dafür zu nutzen, „das Profil zu schärfen“.

Dass die Nachfrage nach spezialisierten Mitarbeitern die rund 7000 Unternehmen im Landkreis bewegt, weiß Landrat Armin Kroder seit einer entsprechenden Umfrage des Landratsamts. Der Landkreischef sparte übrigens nicht mit Lob für die Firmen, die „ohne Geschrei“ Höchstleistungen brächten und seit rund zehn Jahren für Prosperität im Nürnberger Land sorgten. Neben der Arbeitnehmerfrage liegen den Geschäftsinhabern laut der Befragung noch Digitalisierung und bezahlbare Wohn- und Gewerbeflächen auf dem Herzen.

Damit bestätigt die heimische Wirtschaft die Eingangsaussage von Referent Robert Schmidt, Leiter des Geschäftsbereichs Innovation und Umwelt der IHK Nürnberg: „Die Energiewende hat etwas an Sexappeal verloren, auch wenn wir mitten drin sind.“ Dies veranschaulichte Schmidt mit einer Reihe von Zahlen und Fakten, allesamt unterlegt mit einer Vielzahl an Grafiken, was den lockeren und gut nachvollziehbaren Vortrag lebendig und kurzweilig machte: So sank – entgegen der Befürchtung – nach der Energiewende 2011 die Zahl der Netzunterbrechungen von weniger als drei Minuten von rund 15 Minuten im Jahr auf knapp 13 Minuten.

Schmidt erläuterte zudem, dass keine Stromknappheit herrsche, sondern „wir in Deutschland nur nicht immer dann produzieren, wenn wir ihn brauchen“. Derzeit exportiere das Land sogar 200 000 bis 300 000 Megawattstunden im Jahr. Gerade die Zusammensetzung der Strompreise aus Kosten für Erzeugung und Beschaffung sowie Verteilung, Abgaben und Steuern sorgte bei den Zuhörern für offene Ohren, schließlich sei eine Erwartung der Wirtschaft an die Bundesregierung die Senkung der Stromabgaben, so Schmidt.

Dabei sei mit diesen Geldern in Sachen Senkung der Treibhausgase schon einiges erreicht worden – mit Potenzial nach oben, betonte Schmidt: Waren es 1990 noch 1200 Mil-lionen Tonnen Treibhausgase in Deutschland im Jahr, so sank der Wert auf 900 Millionen Tonnen. Gründe seien die Reduzierung an „verschiedenen Baustellen“ wie Verkehr, Industrie, Landwirtschaft, Gebäude und Energiewirtschaft sowie die verstärkten Eigeninitiativen von Unternehmen für mehr Energieeffizienz.

Dennoch steht Bayern vor großen Strukturherausforderungen bei der Energie- oder besser gesagt Stromwende, denn der Bereich „Wärme“ komme bislang zu kurz, so Schmidt. Ab 2022 wird im Freistaat kein Atomkraftwerk mehr betrieben werden. Nach jetzigem Stand werden dann 35 Prozent zur maximalen Netzlast fehlen, die die erneuerbaren Energien alleine nicht stemmen werden können, machte Schmidt klar: „Das wird jährlich importiert werden müssen, sonst gehen die Lichter aus.“

Lösungsansätze seien steuerliche Anreize, der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien, dezentrale Versorgungsstrukturen und ein Netzausbau für den Transport. „Hier jedoch ist das Problem die Akzeptanz der Bevölkerung.“ Sollte das nicht gelingen, könnte es so kommen wie bei der ironischen Schlusskarikatur: „Wir haben Ökostrom – dann war es ein natürlicher Tod.“

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch