Autor Christian Nürnberger warnt vor Facebook und Co.

Hass, Hetze und Halbwahrheiten

SPD-Landtagskandidatin Andrea Lipka spricht mit Christian Nürnberger über soziale Medien, Pressefreiheit und Objektivität in den Medien. | Foto: Mock2018/10/Schwarzenbruck-Christian-Nuernberger-Andrea-Lipka.jpg

SCHWARZENBRUCK – Werden wir noch richtig informiert? Diese Frage beschäftigt Christian Nürnberger in seinem Buch „Die Meinungsmaschine“. Der preisgekrönte Publizist ist der Einladung der SPD nach Schwarzenbruck gefolgt und hat vor der vollbesetzten Bürgerhalle daraus gelesen. Er sprach außerdem mit Landtagskandidatin Andrea Lipka über Pressefreiheit, die Rolle von sozialen Medien und die Bedeutung von Presse und Rundfunk im Zuckerberg-Zeitalter.

„Die Welt wird umgepflügt von einem Wechsel von analog auf digital“, verkündet Christian Nürnberger den Zuhörern, die zu seiner Lesung in die Schwarzenbrucker Bürgerhalle gekommen sind. Vergleichen könne man den sich derzeit vollziehenden Wandel nur mit der revolutionären Erfindung von Gutenbergs Buchdruck. Der Publizist ist auf Einladung der Schwarzenbrucker SPD aus Mainz angereist, um aus seinem Buch „Die Meinungsmaschine“ zu lesen.

Das Buch hat er zusammen mit seiner Frau, der ZDF-Moderatorin Frau Petra Gerster, geschrieben. Seine Themen: Digitalisierung, Pressefreiheit, Demokratie. Der Wechsel von der Guten- in die Zuckerberg-Galaxis werde von vielen als verunsichernd empfunden, sagt Nürnberger. „Immer mehr Menschen beschleicht das Gefühl, dass uns die Dinge entgleiten. Statt dass wir den Wandel uns unterwerfen, besteht die Gefahr, dass wir ihm unterworfen werden.“ Er erinnert sein Publikum an die beiden großen Dystopien des vergangenen Jahrunderts: George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Brave New World“.

„Heute verfügen wir über die technischen Mittel, um beide Katastrophenszenarien, ja sogar deren Verschmelzung zu realisieren“, sagt 67-Jährige düster. Gleichzeitig sei gerade dank der neuen Technologien auch eine sehr positive Zukunft denkbar. In dem Zusammenhang sei eine zuverlässige und umfassende mediale Berichterstattung unerlässlich. Denn nur wer gut informiert und aufgeklärt sei, könne sich an der Gestaltung der digitalen Zukunft beteiligen und mit entscheiden, ob sie sich in Richtung Dystopie oder Utopie bewegt. Nur, wie steht es heutzutage um die Qualität von Information?

Internet – Segen und Fluch

Nürnberger zeigt in seinem Vortrag, welche enorme Rolle das Internet bei der Beschaffung von Informationen spielt. Jeder könne jederzeit Google befragen und online verschiedenste Zeitungen lesen, auch ausländische. „Das Internet hat einen Demokratisierungsschub mit sich gebracht, indem es jeden Einzelnen ermächtigt, Dinge zu tun, die früher der Presse und großen Institutionen vorbehalten waren“, erklärt der Publizist.

Jeder kann Meinungen, Berichte, Fotos, Videos online stellen und sie für jeden anderen auf der Welt verfügbar machen. „Es ist prinzipiell immer gut, wenn Monopole gebrochen werden, Macht geteilt werden muss, der Einzelne gestärkt wird. Daher ist das Internet ein Segen für die Demokratie. In letzter Zeit erleben wir es aber zunehmend als Fluch“, bewertet Nürnberger die Entwicklung.

Mit den neuen sozialen Medien wie Facebook, Twitter, Instagram und Co. hätte sich außerdem etwas Neues etabliert, das der Autor angelehnt an die Gewaltenteilung als fünfte Macht bezeichnet. Problematisch sei, dass statt demokratischem Diskurs in letzter Zeit vor allem Hass und Hetze auf den sozialen Foren zu finden seien. Halbwahrheiten und frei Erfundenes werden zu Fakten. Auch der Trend zur digitalen Abschottung findet Nürnberger besorgniserregend.

Leidenschaftlich hält er ein Plädoyer für die klassischen Medien wie Zeitung, Radio, Fernsehen, die alte vierte Gewalt. Hier gäbe transparente Regeln und Journalisten, die Quellen auf Zuverlässigkeit prüfen. „Wenn der kritische, seriöse Qualitätsjournalismus stirbt, stirbt als nächstes die Demokratie“, postuliert er.

Unabhängigkeit und Überleben

„Aber können selbst Journalisten objektiv sein?“, fragt Andrea Lipka im an die Lesung anschließenden Gespräch. Hundert Prozent objektiv zu bleiben sei in der Tat schwierig, gibt Nürnberger zu. Schon allein die Auswahl der Themen, die Platzierung der Artikel sei individuell und subjektiv. Deswegen sei es wichtig, dass sich die Redaktionen aus Journalisten mit unterschiedlichen Hintergründen zusammensetzen.

Das Thema Pressefreiheit liegt dem 67-Jährigen am Herzen. Politisch sei sie in Deutschland zwar gewährleistet, doch die Finanzierung der privatwirtschaftlichen Medien über Anzeigen sei ein Dilemma. Kritische Artikel über Konzerne, die gleichzeitig große Werbekunden sind, seien daher schwierig. Auf Lipkas Nachfrage hin, zitiert er einen ehemaligen Vorgesetzten: „Pressefreiheit endet, wo der Selbstmord beginnt.“ Nürnberger bricht daher eine Lanze für die öffentlich rechtlichen Sender und wehrt sich gegen den Begriff der „Zwangsgebührensender“.

Großkonzerne wie Google und Facebook graben privatwirtschaftlichen Medien das Wasser ab. Dies führt dazu, dass dort gespart werden muss, besonders beim Personal. Weniger Personal zieht Qualitätsverlust nach sich. Lässt die Qualität nach, springen die Leser ab. Weil dadurch die Reichweite sinkt und sich der Anzeigenpreis nach der Reichweite richtet, bekommt die Zeitung noch weniger Geld für Anzeigen. „Diese Abwärtsspirale ist eine Todesspirale“, sagt er.

Die öffentlich rechtlichen Fernseh- und Radiosender seien davon befreit und könnten dadurch unabhängiger berichten. Nürnberger und Lipka schließen den Abend mit einem Appell ans Publikum: Es sei die Minimalpflicht jeden Bürgers sich Informationen zu beschaffen, die er braucht, um sich eine kritisches eigenständiges Urteil zu bilden. „Aufwachen. Aufstehen. Wählen gehen. Hauptsache demokratisch“, fordert Lipka leidenschaftlich.

N-Land Magdalena Mock
Magdalena Mock