Olga Grjasnowas Lesung

Vom Ende der Heimat

BR-Moderator Tom Viewegh im Gespräch mit Olga Grjasnowa. | Foto: Krieger2018/05/Olga-Grjasnowa.jpg

LAUF — Kann man realistisch von einem Krieg erzählen, den man selbst nicht erlebt hat? Kann man fiktiv Menschen in ihrer Verzweiflung beschreiben, ohne dass es nur nachempfunden wirkt? Man kann. Mit „Gott ist nicht schüchtern“ hat Olga Grjasnowa 2017 eine dramatische Geschichte über zwei syrische Flüchtlingsschicksale veröffentlicht. Im Gespräch mit Tom Viewegh vom Bayerischen Rundfunk gab die gebürtige Aserbaidschanerin in der Laufer Stadtbücherei nicht nur dazu Einblicke und Einschätzungen.

„Gott ist nicht schüchtern“ ist der dritte Roman von Olga Grjasnowa. Erschienen ist er im Aufbau-Verlag. 2012 hatte die 33-Jährige mit „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ ihr Debüt gegeben. In Lauf hat sie ihren aktuellen Roman dabei. Im Stil einer Dokumentation schildert sie darin die Geschichte von Hammoudi und Amal, die, aus der privilegierten syrischen Oberschicht stammend, im Zuge des Bürgerkriegs schreckliche Erfahrungen in ihrer Heimat machen und nach Folter und Flucht alles verlieren.

Zwei Schicksale, die stellvertretend stehen für das, was sich seit dem Scheitern des arabischen Frühlings in Syrien abspielt. 12 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Eine anonyme Zahl und deshalb eine umso berührendere weil nachvollziehbare Geschichte, gerade oder trotz des unprätentiösen, dokumentarischen Erzählstils, den die Autorin pflegt.

Ein Roman, der mit der Fiktion so realistisch spielt, als sei er eine Live-Dokumentation der BBC. Ganz weit weg ist das auch nicht, wie im Gespräch mit Tom Viewegh deutlich wird, denn Olga Grjasnowa, mit einem Syrer verheiratet, nutzte für ihre Recherchen Podcasts von Nachrichtensendungen, Youtube-Videos und vieles mehr. Durchaus zu rechtfertigen, denn die sozialen Medien haben in Krisengebieten eine existenzielle Bedeutung: Sie zeigen das, was nicht in den normalen Nachrichten läuft, was nicht gesagt werden darf. Häufig beliefern sie auch westliche Nachrichtenredaktionen mit News.
In ihrem Roman bleiben die beiden Protagonisten über Facebook und Youtube auf dem Laufenden, erfahren von Verhaftungen von Freunden, neuen Demonstrationen. Ein Live-Ticker der Unterdrückung und des Krieges in Syrien, dessen Brutalität die 33-Jährige in einigen sehr drastischen und mitnehmenden Szenen schildert.

Grjasnowa sieht sich bei ihrem Antikriegsroman durchaus in der Tradition von Autoren wie Anna Seghers oder Erich Maria Remarque, die dem Entsetzen des Krieges vor Jahrzehnten schon eine literarische Stimme gaben. Für Renate Grabmeier, die im Auftrag der Bücherei begrüßt, gehört sie damit aktuell zu den wichtigsten deutschen Autorinnen.

Liebe zum Schreiben, Sprachgefühl und Abstraktionsfähigkeit

Liebe zum Schreiben, Sprachgefühl, Abstraktionsfähigkeit: In ihren Geschichten kombiniert Olga Grjasnowa alle Faktoren guten Handwerks. Immer wieder hat sie die einzelnen Kapitel überarbeitet, Überflüssiges gestrichen, bis sich Zeit und Raum am Ende zu einer einzigen großen Szene, einem Schicksal verdichteten:

Das pure Leben sei nun mal nicht geeignet, eins zu eins abgebildet zu werden, meint sie im Hinblick auf Autobiografisches, „zu langweilig“. Deshalb sind die Handlungsstränge in ihrem Roman Zuspitzungen der ohnehin schon bedrückenden Realität.

Dass sie das Thema Syrienkrieg so interessiert hat – ursprünglich, verrät sie, wollte sie als nächstes ein Kochbuch schreiben – lag am Zusammentreffen mehrerer Faktoren: Ihrem syrischen Mann und seiner Biografie, an geflüchteten Freunden, die sie an ihren Erfahrungen Teil haben ließen, einem neu erwachten politischen Interesse, das auch ihre eigene Herkunft nach vielen Jahren wieder mehr ins Bewusstsein rückte:

Die jüdischen Großeltern waren vor Unterdrückung einst aus Russland geflüchtet, sie selbst kam als 11-Jährige mit ihren Eltern als Kontingentflüchtling aus Aserbaidschan nach Deutschland. Die Freunde leben bis heute in aller Welt. Sie reist viel. „Aber ich war nie in Syrien“.

Dass sich die Verhältnisse dort wieder stabilisieren, hält Olga Grjasnowa momentan nicht für wahrscheinlich: Dafür müsste nicht nur das Regime, sondern auch der ganze Geheimdienstapparat aufgelöst werden. Hinzu komme die überall präsente Korruption. Nur wer zahlt, bekommt. Heimat sieht für Menschen anders aus.

Wie sehr das Regime und der Staat miteinander verwoben sind, schildert der Roman in vielen Szenen. Kaum ein Ort, in dem Baschar al-Assad nicht überlebensgroß präsent ist oder direkt Einfluss nimmt.

„Die Geschichte wiederholt sich“, ist Olga Grjasnowa überzeugt. Sie selbst hat im Zuge der Recherchen zu ihren Roman vor allem erschüttert, „wie schnell es gehen kann, dass das Leben ein anderes ist. Wie schnell Minderheiten kreiert werden“.

Ihr Blick auf die aktuelle Welt ist ein klarer. Es geht ihr um Freiheit und Menschenwürde. Da würde sie sich in Deutschland manchmal mehr Bewusstsein dafür wünschen, wie viel es bedeutet, in einem Rechtsstaat zu leben.

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger