Stehende Ovationen für Gauck

Joachim Gauck verneigte sich vor dem Laufer Publikum – darunter Bürgermeister Benedikt Bisping (r.) und Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt (Mite) , die in Nürnberg lebt2010/11/11148_New_1289747763.jpg

LAUF — Manchmal hat das Wetter Symbolkraft: Als die ersten Zuhörer kurz vor 13 Uhr die Aula der Bertleinschule verlassen, umfängt sie draußen die strahlende Sonne eines frühlingshaft anmutenden Novembertages und wärmt sie mit ihren Strahlen. Drinnen, vor mehr als 600 Menschen, hat in den beiden Stunden zuvor Joachim Gauck mit einem sehr persönlichen Plädoyer für Freiheit und Würde die Seelen der Menschen erwärmt. Ergriffen und voller Respekt zollen sie dem großen Mann des Ostens, Bürgerrechtler, Pastoren und ehemaligen Präsidenschaftskandidaten stehend Ovationen.

Am Ende steht Joachim Gauck da und verneigt sich vor seinem Publikum. Eine Haltung, voller Ergriffenheit und Demut, so als ob er dankbar sei, dass er all das, was er bei dieser Matinee erzählt, geschildert und gelesen hat, sagen konnte. Das war nicht immer so. Und deshalb ist auch zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung die Freiheit für ihn keine Selbstverständlichkeit, sondern das höchste Gut, das es gilt, zu bewahren. Sie verliere im Alltag oft ihren Glanz, sei nicht immer nur Glück, sondern oft auch Beschwernis, „aber sie wird mir immer leuchten“, sagt er zum Schluss.

Dass sich dieses starke Gefühl entwickelt hat, ergibt sich zwangsläufig aus seinem Leben, das er in seinen Memoiren, „Winter im Sommer, Frühling im Herbst“, die er noch vor dem ganzen Trubel um seine Präsidentschafts-Kandidatur im Jahr 2009, zusammen mit seiner Co-Autorin Helga Hirsch, aufgeschrieben hat. Kein exemplarisches Leben sicher, denn die Gaucks gehörten zu den Intellektuellen und Distanzierten im DDR-System, aber eines, das wie bei tausenden anderen Ostbürgern vom Staat bestimmt war und von der Sehnsucht nach der Freiheit lebte.

In anschaulichen Bildern und nachvollziehbaren Rückblenden lässt Gauck dieses Leben Revue passieren. Er erzählt von der Kindheit an der Ostsee im Dörfchen Wustrow, einem seiner Sehnsuchtsorte, wo der Junge und seine Familie die Ferien verbrachten, „frühes Glück“. Das jäh unterbrochen wurde von der Abholung des Vaters, 1951, da war Joachim elf, und wie die Familie danach nie wieder dieselbe war. Wie die Angst und die Ungewissheit alles überstrahlten und wie die Familie fortan mit dem Stempel leben musste, dass der Vater interniert war. Seine Rückkehr aus Sibirien, ein weiterer Wendepunkt, der Vater erschöpft, aber Gott sei dank ungebrochen. Doch das Land ist im Auflösen begriffen, um die Gaucks herum zieht es die Massen in den Westen, die DDR „ein Abschiedsland“, tausende gehen, bis die Mauer 1961 die Bürger einschließt. „Der Staat war ab da eine Burg, deren Burgherr sich das Recht genommen hatte, über Zugang, Abgang und über den Gang des Lebens im Inneren zu entscheiden“, schreibt er in seinem Buch.

Gehen oder bleiben, diese Frage wird zur zentralen auch in der Familie Gauck und verursacht schwere Krisen. Für Joachim Gauck selbst aber stellte sie sich nie. „Ich wollte immer bleiben“, sagt er, „von innen heraus etwas bewirken“ – und es war gut so, wie sich 1989 zeigte. Doch er hat viele Abschiede nehmen müssen, die Nischen und Rückzugsmöglichkeiten, die sich die Menschen als Gegenentwurf zum System etwa in der Kirche oder im Freundeskreis aufgebaut hatten, genügten den meisten irgendwann nicht mehr. Auch seine beiden Söhne, denen das Studium wegen des aufmüpfigen Pastorenvaters und fehlender Parteimitgliedschaft verwehrt bleibt, reisen 1987 aus. An Heiligabend sitzt die Familie unterm Tannenbaum und trauert, mit Schwiegertöchtern und Enkelkindern sind sieben der ihnen wichtigsten Menschen auf einmal weg: „Einerseits wollte ich, dass sie ihr Leben leben, andererseits wollte ich, dass sie bleiben.“

Dies aufzuschreiben, bekennt Joachim Gauck, sei ihm unendlich schwer gefallen, wie es überhaupt, nicht leicht war, sein bewegtes Leben zu Papier zu bringen. 25 Jahre vergingen, bis er sich damit auseinandersetzen konnte, bei der Lesung in Lauf muss er bei der Passage, in der seine Söhne abreisen, schwer schlucken, die Trauer um den Verlust und die verpassten Lebens-Chancen seiner Familie hat er wie viele DDR-Bürger lang verdrängt.

Doch statt sich zurück zu ziehen, bekämpfte er das System mit trotzigem Optimismus und auch mit Worten – als Pastor in Gemeinden in Mecklenburg, als Leiter der Kirchentagsarbeit und später als Kopf und Sprecher des Neuen Forums in Rostock, von dem aus der Widerstand und letztlich die friedliche Revolution maßgeblich mit ausging. Diese Zeit, der er in seinem Buch wichtige Kapitel widmet, fasst er in der Lesung lebhaft und in anschaulichen Bildern zusammen. Es seien Tage gewesen, „in denen es im Osten ausnahmsweise spannender war als im Westen“. Und es waren „Tage des Glücks“, endlich einmal wieder.

Die nachfolgenden Jahre überspringt Joachim Gauck, seine Zeit als Abgeordneter und Beauftragter für die Stasi-Unterlagen, oft genug hat er sie aufgearbeitet, ist seither auch im Westen als Institution des Widerstandes und der Aufklärung ein fester Begriff. Eines aber ist ihm wichtig: Dass die Menschen die Unzulänglichkeiten der Demokratie und der Freiheit nicht höher einstufen als ihren Wert. „Es ist nicht selbstverständlich, dass wir Bürgerrechte haben“, mahnt er, und mit Blick auf die Wahlmüdigkeit vieler Bürger, „gehen sie hin“. Gauck war 50, als er das erste Mal wählen durfte, und als es vorbei war, kamen ihm die Tränen, vor Glück.

Joachim Gauck sei jemand, so hatte Bürgermeister Benedikt Bisping zu Beginn der Lesung gesagt, der die Demokratie weit über die Blätter des Grundgesetzes hinaus erfülle und lebendig halte. Er hat Recht. Glaubwürdiger, persönlicher und wärmer als der Beinahe-Bundespräsident und heimliche Präsident der Herzen hat schon lange keiner mehr den Sinn von Freiheit und Demokratie vermittelt.

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger