Simone Solga im DHT

Spitzen für die Republik

Simone Solga im Dehnberger Hof Theater: 100 Minuten politisches Kabarett vom Feinsten. | Foto: Krieger2017/11/Solga.jpg

DEHNBERG — Die Kanzlerinsouffleuse hat die Berliner Republik verlassen — und kann doch nicht loslassen. Mit ihrem neuen Programm „Das gibt Ärger“ bewies Simone Solga im Dehnberger Hof Theater einmal mehr, dass Frauen ins politische Kabarett gehören. Der weibliche Blick verhindert die scharfe Analyse nicht, im Gegenteil, er verstärkt sie noch. Bei Simone Solga so leger, dass es richtig Spaß macht.

Seit über zehn Jahren ist die 54-jährige Kabarettistin, die etliche Jahre Mitglied bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft war, schon als Kanzlersouffleuse unterwegs. Die heimliche weibliche Doppelspitze im Berliner Kanzleramt bescherte dem Kabarett-Publikum bereits in mehreren abendfüllenden Programmen Einblicke ins Zentrum der Macht, von oben und unten und vor allem schräg. Im Zweifel fanden sich dabei die bestgehütetsten Geheimnisse von Merkel und ihrer Souffleuse stets im Inneren überdimensionaler Handtaschen.

Auch diesmal gewichtige Dinge darin. Die Kündigung: Die Souffleuse hat nämlich genug von der Politik, von Jammern, Wahlen, Versprechungen, Jamaika und Co. Berlin ein Krisengebiet. Da kann man nur flüchten. In Dehnberg gewährt das Publikum der ebenso charmanten wie spitzzüngigen Blondine gerne Asyl: Nur wenige Minuten, da hat die Solga den vollen Saal um den Finger gewickelt. Spätestens nach dem ersten Lied, das sie mit rauchiger Stimme ins Mikrofon haucht, will sich so schnell keiner mehr trennen. Die Frau hat Stil und Stimme. Und verdammt schicke Pumps an.

Das neue Programm ist gelungen. Von der ersten Minute an gibt Simone Solga auf der Bühne Vollgas. Wahlanalyse mit Watschen im Sekundentakt. „Die SPD hat noch so viel Prozent wie eine Flasche Eierlikör“, Andrea Nahles ist „die Stradivari unter lauter Arschgeigen“. Erkennbare Zweifel an den Kompetenzen der politischen Klasse aber auch bei allen anderen Parteien und ihren Akteuren, von Gauland über Dobrindt, Özdemir, Lindner bis von der Leyhen.

Die „schnelle Brüterin von Niedersachsen“, Söder „der evangelische Schläfer aus Franken“ und vor allem Kanzlerin Angela Merkel bündeln ihren Zorn: „Merkel ist wie ein Mauerschwamm, sie bleibt für immer drin im Kanzleramt“. Das sagt im Übrigen die Oma aus Russland. Die muss es mit 100 ja wissen. „Sie mochte Egon Krenz am liebsten. Der war am kürzesten da“.

Das alles ist gut ausgependelt, sprachlich ausgefeilt und bestens zugespitzt. Frech, respektlos, aber stets mit Chic. Kabarett als Gottesdienst für die Linken ist nicht ihr Ding. Statt auf moralische Vorfahrt zu plädieren, drückt Solga aufs Gaspedal, stichelt in alle Richtungen, gegen den eigenen Schweinehund inklusive: Es ist halt nicht leicht, ein guter Mensch zu sein.

Und überhaupt: Wer macht`s mit wem und warum? Männer mit Frauen? Der Westen mit dem Osten? Oder umgekehrt? Und was war zuerst da? Die Macht oder die Libido? Sind Tattoos im Altenheim eine Lösung? Wo doch am Ende der Treppenlift uns nur noch in den ersten Stock fährt. Der elektrische Stuhl als Schleudersitz. Bleibt nur eines: Keine Diät, und sich auf die Pflichten besinnen. „Frau zu sein, heißt, die Welt aufzuräumen“. Na dann.

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger