Früherer Bremer Bürgermeister Scherf stellte Buch in Lauf vor

Selbstbestimmt bis ins hohe Alter – wie geht das?

Jovial und ohne jeden Spickzettel: Henning Scherf lud in Lauf zum Mit-Denken ein. | Foto: Dorn2018/12/henning-scherf-bucherei-lauf.jpg

LAUF — Henning Scherf kann auf ein bewegtes Politikerleben zurückblicken; er war Vorsitzender der Bremer SPD, gehörte dem Bundesvorstand dieser Partei an, war Senator und Regierender Bürgermeister der Hansestadt. Seit gut 30 Jahren lebt er in einem Mehrgenerationenhaus. Seit seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik schreibt Scherf Bücher und referiert über „positives Altern“. In Lauf stand jetzt sein Buch „Wer nach vorne schaut, bleibt länger jung“ im Fokus.

Scherf, ein jovialer und sehr agiler schlanker Mann, der just seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, aber viel jünger wirkt, trinkt in der Laufer Stadtbücherei erst einmal seine Tasse heißes Wasser zu Ende und steigt gleich damit ein, dass er diesen Brauch in China kennen- und schätzen gelernt hat.

Dann wandelt er die angekündigte Lesung in ein lebhaftes Gespräch um, das natürlich erst in Gang kommt, nachdem er seine Thesen propagiert und mit anschaulichen Beispielen untermauert hat. Das themagebende Buch mag den roten Faden darstellen, aber Scherf liest keine Zeile daraus. Bei seiner Lebenserfahrung und Wortgewandtheit ist das auch kaum nötig.

Die gut 100 Zuhörer verwickelt er aber zunächst in ein Mit-Denken, wenn er seine zwei Voraussetzungen für ein erfülltes Leben im Alter nennt. Erstens: Nicht allein bleiben, sozial aktiv sein. Zweitens: Immer etwas zu tun haben. Hilfreich erscheinen ihm Mithilfe im Familienkreis, Arbeit in Vereinen, Sport, Singen und Malen.

Scherf selbst ist das beste Beispiel für seine Thesen. Er braucht kein Konzept, keinen Spickzettel – er lebt, was er propagiert, das ist seiner frischen Redeweise zu entnehmen, der klaren Struktur seines Vortrags und dem Eingehen auf jede Wortmeldung, der direkten Ansprache einzelner Personen, der Art, wie er sich jedem Redebeitrag widmet.

Dieses Aufgreifen jedes Beitrags führt allerdings mehrfach dazu, dass die Wortbeiträge – insbesondere in der zweiten Hälfte des Abends – zusehends vom propagierten „Die Sache selbst in die Hand nehmen“ in den Bereich „Der Staat muss mehr für die Alten tun“ abdriftet.

Scherf kontert derartige Aussagen mit vielen Hinweisen auf positive Zusammenarbeit von politischen und gesellschaftlichen Institutionen, führt aber immer wieder auf seine Kernthese zurück, sein Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu gestalten.

In der Diskussion wird deutlich, dass sich die Anwesenden mit der Thematik auseinandergesetzt haben und sie Fragen umtreiben, die Scherfs beinahe grenzenlosen Optimismus mit fränkischer Nüchternheit konfrontieren: Was gegen Vereinsamung im Alter, bei Krankheit tun? Wie die Wohnungsprobleme, die aus geringer Rente und steigenden Mieten resultieren, lösen? Wie pessimistischen, zurückgezogenen Alten helfen?

Scherf präsentiert hierzu so unermüdlich Ideen und Gegenbeispiele, dass man sich fragt, wie viele Stunden sein Unruhestandstag hat. Allerdings gerät er dabei gelegentlich ins allzu Formelhafte.

Als Fazit bleibt, dass positives Altern eine akzeptierende Einstellung voraussetzt, viel Eigenaktivität verlangt und dass nicht allen Menschen so viele Türen offen stehen wie einem früheren Spitzenpolitiker.

Für Scherf war es schon der zweite Aufenthalt in Lauf, dort las er bereits 2012 bei den Literaturtagen. Der jetzige Auftritt war eine Gemeinschaftsveranstaltung von Stadtbücherei und Landratsamt Nürnberger Land.

N-Land Reinhard Dorn
Reinhard Dorn