Raiba-Weihnachten

Querschnittstation Rummelsberg

Manuela bekommt endlich Hilfe

Patientin Manuela Schindler (Mitte) mit Dr. Ponfick (rechts) und dessen Behandlungsteam. | Foto: Engelhardt2017/11/Rummelsberg-Zentrum-1.jpg

RUMMELSBERG – 1987: Manuela Schindler verunglückt als Beifahrerin eines Motorrads. Der Fahrer kommt mit ein paar Schürfwunden davon, die 17-Jährige aber bricht sich das Kreuzbein, entwickelt ein chronisches Schmerzsyndrom. Das Laufen muss sie mühsam neu lernen. Eine Fehlheilung schädigt die Nerven, die Blase und Mastdarm versorgen, doch Orthopäden und Urologen reden das Problem klein. 30 Jahre leidet Schindler an Inkontinenz. Jetzt bekommt sie endlich Hilfe: Dr. Matthias Ponfick, leitender Arzt des neuen Querschnittzentrums am Krankenhaus Rummelsberg, nimmt sich ihrer an – mit großem Erfolg.

„Ich bin ja nie von einer Querschnittslähmung ausgegangen. Es hieß immer, das gebe sich mit der Zeit.“ Nach ihrem Unfall wird Manuela Schindler bereits nach 13 Wochen entlassen, beide Beine sind zu diesem Zeitpunkt noch gelähmt. „Heute würde man mich in so einem Zustand niemals entlassen, aber damals war eben alles noch anders.“ Die gelernte Reisekauffrau leidet seit dem Unfall unter einer Blasen- und Mastdarmstörung, und damit ist sie nicht alleine. Bei 90 bis 95 Prozent der Querschnittsgelähmten liegt ein solcher Defekt vor. „Diese Lähmung der Blase und des Schließmuskels ist ganz häufig beim Querschnitt, wird aber gerade in der Akutphase häufig negiert, da der Patient in den meisten Fällen erstmal einen Dauerkatheter bekommt“, erklärt Dr. Ponfick. Er weist darauf hin, dass man bereits in der Anfangsphase, während des sogenannten spinalen Schocks, den Patienten diesbezüglich versorgen müsse.

Die neue Rummelsberger Querschnittstation ist die einzige Mittelfrankens. | Foto: Engelhardt2017/11/Rummelsberg-Zentrum-2.jpg

„Wie eine Zwangsjacke“

Manuela Schindler jedoch ist durch das Raster gefallen. Befunde zu einer schwachen Blasenlähmung sind damals beim Gutachten zwar erhoben worden, das war es dann aber auch. „Die haben mich nach Hause geschickt“, erinnert sich Schindler. Auch Behandlungen bei Urologe und Orthopäde brachten sie nicht weiter. Wegen der neuronalen Störung entleeren sich Blase und Darm unkontrolliert. „Man geht dann irgendwann nicht mehr aus dem Haus. Ich kam mir vor, als hätte ich eine Zwangsjacke an.“ Alles drehte sich nur noch um die Frage, wo die nächste Toilette ist. Selbst wenn sie im Sommer nur ein Eis essen wollte, tat sie dies vorsichtshalber zu Hause. „Man bekommt Einladungen zu einem Geburtstag oder zu einer Hochzeit, im ersten Moment freut man sich, doch im nächsten denkt man nur: Oh Gott, wie mach ich das bloß?“ Als sie am 27. September mit dem Chefarzt des neuen Zentrums, Dr. Uwe Vieweg, spricht, schaut der über den Tellerrand und sagt, dass sie „etwas komplett anderes braucht“. So kommt sie zu Dr. Ponfick. „Ich hab das gar nicht fassen können, dass sich da ein Arzt so viel Zeit nimmt“, sagt Schindler. Nach der anderthalbstündigen Sprechstunde sei dem Arzt klar gewesen, dass ihr das Zentrum helfen könne.

Katheter für die Handtasche

Der Arzt forscht zunächst nach den Ursachen Schindlers Probleme. „Die damals verwendete Behandlungsmethode, bei der die sogenannte Bauchpresse dafür sorgt, dass die Blase durch Druck entleert wird, setzt die Nieren einem viel zu großen Risiko aus“, erläutert Dr. Ponfick. „Früher oder später könnte da eine Nierenschädigung kommen.“ Die Bauchpresse sei wohl auch daran Schuld, dass die Inkontinenz entstanden ist. Um dies zu vermeiden, setzt der Arzt auf die sogenannte drucklose Entleerung der Blase via Selbstkatheterismus. Bei dieser Methode wird die Bauchdecke nicht angespannt, der Katheter wird also vom Patienten selbst eingeführt und die Blase entleert sich durch die Schwerkraft. Für die Patientin ändert sich durch die neue Methode viel: An den geregelten Wechsel des Katheters im Vier-Stunden-Takt muss sie sich zwar erst gewöhnen, dafür kann Schindler mit dem Katheter nun auch unterwegs auf die Toilette gehen. „Es gibt eine riesige Bandbreite an Kathetern, ich hab mich für einen entschieden der ganz gut in die Handtasche passt, ähnlich wie ein Mascara.“ Dr. Ponfick wird Schindler auch nach deren Entlassung betreuen, um sicher zu stellen, dass sie die drucklose Entleerung in den Alltag integriert. Neben dieser Umstellung bot das Querschnittzentrum Schindler eine intensive Therapie: Täglich trainierte sie drei Stunden in Ergo- und Physiotherapie. „Die Therapeuten gehen wirklich jedem bisschen auf den Grund, die haben Sachen entdeckt, die ich eigentlich gar nicht mehr wahrgenommen hab“, sagt die 47-Jährige schwärmerisch.

„Wichtig, Zentren zu schaffen“

Erst Anfang September eröffnete die neue Querschnittstation in Rummelsberg, in der Ärzte, speziellausgebildete Pflegekräfte und Therapeuten zusammenarbeiten. Bis Ende dieses Jahres sollen bis zu 25 Querschnittpatienten behandelt werden und so viel Selbständigkeit wie möglich erlangen. Momentan belegen fünf Patienten die Station, ausgelegt ist sie für maximal 24. Eine vollständig rollstuhlgerecht eingerichtete Übungswohnung wird im Moment noch eingerichtet. Diese soll es den Patienten erleichtern, das Erlernte in den Alltag zu übertragen. Dr. Ponfick arbeitet bereits seit mehreren Jahren im Querschnittbereich. „Es ist ein
fach auch eine Affinität zu dem Thema, weil man den Patienten ganzheitlich betrachten kann“, erzählt der Facharzt für Neurologie. „Die oberste Prämisse lautet: wir müssen eine hervorragende Patientenversorgung leisten. Dieser Gedanke zieht sich durchs ganze Haus.“ Die Zusammenarbeit der verschiedenen Fachdisziplinien habe einen entscheidenden Vorteil: Im Ambulanten werde der Querschnitt oft nicht allumfassend widergespiegelt. Um nichts zu versäumen, bräuchte der Patient zig Ärzte, er wäre nur noch unterwegs.
Deswegen sei es gerade beim Querschnitt wichtig, Zentren zu schaffen. Auch wenn Schindler die Station nun verlässt, könne sie jederzeit wiederkommen, sei es für Check-ups oder einfach nur um einen Ansprechpartner zu haben. „Dass ich für den Rest meines Lebens nicht mehr allein gelassen werde, das ist schon ein tolles Gefühl“, sagt sie gerührt. Auch Dr. Ponfick bedeute es viel, seine Patienten nicht nur ein paar Tage zu behandeln, sondern Beziehungen zu ihnen aufzubauen, sie zu begleiten, bei Komplikationen für sie da zu sein.
Jetzt freut sich Schindler aber auf ihr Zuhause in Kemnath, auf ihre Kinder, auf einen Ausflug in die Stadt. „Ich möchte mir ein Kleid kaufen, das sind so Kleinigkeiten im Leben.“ Zum Abschied spricht sie Dr. Ponfick und seinem Team noch einmal ihren Dank aus. „Ich hätte mir gewünscht, dass ich diese Hilfe schon eher bekommen hätte, dann hätte ich schon vor 20 Jahren ein komplett anderes Leben führen können“, sagt sie mit stockender Stimme. Dr. Ponfick reicht ihr ein Taschentuch – wie bei ihrem allerersten Gespräch.

Luca Engelhardt

N-Land Der Bote
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