Doris Cramers Roman „Wolkenfrauen“

Ein Familienrätsel und das Los der Sahraouis

Autorin Doris Cramer | Foto: Hesse2018/01/schwarzenbruck-cramer.jpg

NÜRNBERGER LAND – Mit ihrer Marokko-Saga hat Autorin Doris Cramer bereits in den vergangenen Jahren Aufsehen in der Literaturwelt erregt. Darin hat sie es geschafft, mit schriftstellerischem Talent und enormem Hintergrundwissen, die Biografie einer jungen Frau im Spannungsfeld von Okzident und Orient vor dem Hintergrund historischer Gegebenheiten des 16. Jahrhunderts zu einer spannenden dreiteiligen Romanserie zu verarbeiten. Bereits in dieser Trilogie wurde spürbar, wie sehr Cramer von Nordafrika und speziell Marokko fasziniert ist und wie gut sie das Land und die Strukturen im Maghreb kennt.

Nun hat die ehemalige Leiterin der Schwarzenbrucker Bücherei ein weiteres Werk veröffentlicht, das wiederum die aufregende Geschichte einer jungen Frau mit europäischen Background in Marokko erzählt, das aber noch eine Spur politischer ist und in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts spielt, aber kein bisschen weniger packend ist. In „Die Wolkenfrauen“ schildert sie eine beginnende Liebesgeschichte, löst ein Familiengeheimnis und thematisiert den in der Öffentlichkeit wenig beachteten Westsahara-Konflikt.

Zahllose Reisen

In unzähligen Reisen hat die Autorin die Menschen in Nordafrika kennen und schätzen gelernt und sich immer wieder auf die sinnliche Vielfalt der Farben, Gerüche und Geräusche eingelassen und ist dabei tief in Kultur und Traditionen der Region eingetaucht.

Mit viel Sachkenntnis, Liebe zum Detail und dem richtigen Gespür für spannende Themen lässt sie nun dem Drei-Teiler, der zwischen 2012 und 2015 entstand, ihren vierten Roman folgen. Auch in ihm versteht es die Autorin wieder meisterhaft, eine spannende Lovestory vor dem Hintergrund komplizierter politischer, historischer und kultureller Realitäten zu entwickeln. Ein geheimnisvolles Amulett spielt darin eine Rolle, das sich als Motiv und Symbol durch eine Handlung zieht, die zum Politthriller taugt.

Das Buch „Die Wolkenfrauen“ ist wie die Marokko-Saga im Blanvalet-Verlag erschienen2018/01/wolkenfrauen1.jpg

Im Plot werden die Machtverhältnisse in der Westsahara aufgedröselt, sensibel die Charaktere und Entwicklungen der Protagonisten gezeichnet und nebenbei lässt die Schriftstellerin die Szenerie der nordafrikanischen Landschaft und der städtischen und dörflichen Gemeinschaften lebendig werden.

Und wie in jedem gut recherchierten und klug aufgebauten Roman sieht sich der Leser irgendwann mit der Frage konfrontiert: Wo enden die historisch belegten Fakten, wo beginnt die Fiktion? Und wiederum wie in jedem packenden und elegant mit Herzblut geschriebenen Werk der Belletristik ist das dem Leser irgendwann herzlich egal.

Er lässt sich forttragen vom Geschehen, absorbiert das orientalische Flair und kommt nebenbei mit Tabuthemen und einem politischen Konfliktherd in Berührung, der in der Öffentlichkeit angesichts zahlreicher weiterer weltweiter Krisen aktuell kaum Beachtung findet.

Geheimnisvoller Fund

Die Story schreitet schnell voran. Die junge Dorothea sichtet den Nachlass ihrer früh verstorbenen Mutter und stößt dabei auf eine Kiste, die nicht nur Malskizzen und Tagebuchnotizen mit Bezug zu Marokko enthält, sondern auch ein ganz besonderes Amulett. Da sie sich nicht darüber im Klaren ist, wie ihr weiteres Leben verlaufen soll, beschließt sie, eine ehemalige Lehrerin in Marokko zu besuchen, die dort ein Bildungsprojekt für junge Mädchen aufbaut und ihr Entscheidungshilfen geben könnte.

Ein kurzer Flirt, ein Ausflug in die Sahara, in dessen Verlauf sie entführt wird und vor den Karren der Volksbefreiungsarmee der besetzten West-Sahara-Gebiete gespannt werden soll, und einige verhängnisvolle Begegnungen binden sie schon nach kurzer Zeit in einen Strudel der Ereignisse ein, der weit über ein touristisches Abenteuer hinausweist.

Doro gerät von einer gefährlichen Situation in die nächste, und nicht immer kann Amir an ihrer Seite sein, der Sheik, der sich für die Unabhängigkeit des Berbervolkes der Sahraouis einsetzt, westliche Bildung besitzt und bei seinem Anliegen auf Verhandlungen setzt. Im Gegensatz dazu steht sein Gegenspieler Mahmud, der die Interessen der Unterdrückten und Flüchtlinge mit Waffengewalt durchzusetzen versucht. Diese beiden unterschiedlichen Konkurrenten und ihre legitimen Vorhaben versteht Cramer ebenso differenziert zu zeichnen wie die drei zentalen Frauengestalten Doro, Ingrid und Betty.

Politische Verwicklungen

Neben den komplexen politischen Verwicklungen entwickelt die Autorin eine zarte Liebesgeschichte mit fraglicher Zukunft und löst das Geheimnis um das Amulett durch eingestreute Flashbacks in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Sie überlässt es zunächst dem Leser, die Puzzleteile zusammenzusetzen, und fügt am Ende der Story alles zu einem stimmigen Ganzen.

Ohne ein Happyend zu konstruieren, das angesichts der Situation doch sehr gewollt erscheinen müsste, endet sie mit einem optimistischen Ausblick in die Zukunft – sowohl für das Machtgefüge des unterdrückten Volkes als auch für das Liebespaar, für das es zunächst aufgrund der unterschiedlichen Herausforderungen kein gemeinsames Leben zu geben scheint.

In ihrem geschliffenen, sachlichen und doch leidenschaftlichen Stil gelingt es Doris Cramer in „Wolkenfrauen“, ein lebendiges Bild der Verhältnisse und gesellschaftlichen Strömungen im Nordafrika des vergangenen Jahrhunderts zu schildern, aber eben auch, eine nicht alltägliche Familiengeschichte mit markanten Persönlichkeiten in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.

Ein umfangreiches Glossar, ein historischer Abriss über Stationen des Westsahara-Konflikts und eine Zusammenstellung von Quellen und Links, die zum Thema informieren, betonen das hohe Interesse der Autorin an einer umfänglichen und wahrheitsgetreuen Darstellung der Situation vor Ort. Dass unabhängig davon die Geschichte von Doro, Ingrid, Betty, Amir, Ibrahim und Co. einen Filmstoff par excellence darstellt – nicht unbedingt für einen Low-Budget-Streifen, versteht sich von selbst.

Lesungen

Doris Cramer liest aus ihrem neuen Buch am Donnerstag, 18. Januar, um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Lilliput in Altdorf (Karten in der Buchhandlung) und am Donnerstag, 8. Februar, um 19.30 Uhr in der Gemeindebücherei (Telefon 09183/950932, info@buecherei-burgthannn.de) in Burgthann, Karten gibt es im Rathaus und in der Bücherei.

Doris Cramer, Die Wolkenfrauen, Blanvalet-Verlag, München, 2017.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler