Schnaittach startet Leerstandsinitiative

Neues Leben im alten Haus

Ein Beispiel für ein Sanierungsobjekt in Schnaittach: Das sogenannten „Vogelhaus“ in der Bayreuther Straße 9 ist ein eindrucksvolles Sandsteingebäude, nicht nur mit absolut erhaltenswerter Fassade. | Foto: Dorn2017/03/Leerstandsinitiative-schnaittach-Ein-Beispiel-fur-ein-Sanierungsobjekt.jpg

SCHNAITTACH — Ein altes Haus kaufen und sanieren? Davor schrecken viele, die an ein eigenes Haus denken, zurück. Die Risiken, die in alter Bausubstanz stecken, machen solche Renovierungen zum Abenteuer, wird argumentiert. Wenn dann noch der Denkmalschutz hinzukommt, schießen Gerüchte und Ängste nur so ins Kraut. Mit einem in Bayern bislang einmaligen Projekt, mit einer so genannten „Leerstands­initiative“, will die Marktgemeinde Schnaittach jetzt alte Bausubstanz neu beleben. Zum ersten Mal trafen sich jetzt Politik, Fachleute und Immobilienbesitzer.

Eine Gemeinde wie Schnaittach, die zum einen über einen hohen Bestand von etwa 60 denkmalgeschützten Objekten verfügt, zum andern einen Leerstand von rund 14 Prozent der Häuser im Kerngebiet beklagt und zum dritten noch Wohnraummangel hat, muss da aktiv werden. Aber wie?

Über mehr als ein Jahr hat Bürgermeister Frank Pitterlein viele Gespräche mit Kreisheimatpflegerin Karin Raab geführt, bis eine Idee konkrete Gestalt angenommen hat, eine Idee, die in Deutschland  einige Vorreiter hat, aber in dieser Form in Bayern erstmals praktiziert wird: Unter der Überschrift „Leerstands­initiative“ werden Menschen und Firmen, die von der Thematik berührt und an ihr interessiert sind, zusammengebracht.

Ziele der Initiatoren sind: Ressentiments gegen die Altbausanierung mit sachlichen Argumenten abbauen; die Lust auf ein Haus mit Charakter und Charme wecken; vorhandene Bausubstanz nutzen; bezahlbaren Wohnraum für fast jeden Geldbeutel schaffen; die energetische Sanierung vorantreiben und die Chancen, welche die derzeitig historisch niedrigen Zinsen bieten, für eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Geldanlage nutzen. Die aktuelle Veranstaltung, so Pitterlein, sollte der Auftakt, die ­Ini­tialzündung sein, dass aus ungenutztem Leerstand nutzbringender Wohnraum mit Pfiff wird.

Netzwerken ist wichtig

Deswegen wurden für den Sonntagnachmittag die verschiedensten Personengruppen in den Badsaal eingeladen, um nach einigen kurzen Fachvorträgen miteinander zu reden, sich zu finden und, wie es der Rathauschef formulierte, „Netzwerke zu Sanierungsvorhaben zu installieren“.
Dabei waren viele Eigentümer von älteren und oft renovierungsbedürftigen Gebäuden, potentielle ­Investoren und solche, die bereits in Schnaittach entsprechend aktiv geworden waren, Handwerker mit Sanierungserfahrung, die Kreisheimatpflege, der Denkmalschutz, die Energieberatung Nürnberger Land, eine Steuerkanzlei, die beiden ansässigen Banken, die Sanierungsberatung Topos, das Bauamt, Bauherrn bereits abgeschlossener und noch laufender Altbausanierungen sowie eine überraschend große Anzahl von Interessenten, die gekommen waren, obwohl Sonne und laue Luft durchaus zu andern Aktivitäten lockten.

Bürgermeister Pitterlein führte in die derzeitige Situation in der Gemeinde ein. Ihm folgten fünf fachliche Vorträge zu verschiedenen Aspekten des Sanierens und Renovierens.

Den Auftakt machte Dieter Blase von der Sanierungsberatung, der sich dem formalen Ablauf vom Sanierungskonzept bis Baubeginn widmete. Dazu stellte er die vielfältigen Möglichkeiten vor, mit denen unterschiedliche Baumaßnahmen gefördert werden können. Wichtigste Aussagen waren, dass bei jedem Schritt zunächst die Gemeinde eingeschaltet und mit dem Bau erst begonnen wird, wenn die Förderzusagen vorliegen.

Josefine Lutz von der Steuerkanzlei Schleicher stellte als nächste die finanziellen Vorteile einer Sanierung bei selbstgenutzten und vermieteten Objekten anhand von Beispielen vor. Auch sie verwies darauf, dass die Maßnahme vor Baubeginn mit den Behörden abgeklärt sein muss, um die Steuervorteile zu bekommen.
Denkmalschutz

Wolfgang Werther zeigte die Vorteile des Wohnens in einem ehrwürdigen Gebäude, aber auch die Notwendigkeit des Denkmalschutzes auf und verwies auf die Partnerschaft von Bauherrn, Architekten und Denkmalschützern.

Karin Raab umriss die vielen Baudenkmäler in Schnaittach, dass es hier eine große Zahl historisch interessierter Menschen gibt und zeigte mit Bildern aus Schnaittach und dem Nürnberger Land auf, wie individuell, schmuck und wohnlich sanierte Altbauten sein können, wie stolz ihre Besitzer auf das Geschaffene seien und wie das Ensemble solcher Häuser die Seele eines Ortes bilden.

Der Schnaittacher Bürgermeister Frank Pitterlein (rechts) bedankte sich am Ende der Veranstaltung mit einem kleinen Geschenk bei den Fachreferenten für die gelungenen Vorträge. | Foto: Dorn2017/03/Leerstandsinitiative-schnaittach-Die-Fachreferenten-Wolfgang-Werther-Karin-Raab-Josefine-Lutz-Dieter-Blase-Joachim-Pietcker-und-Bgm-Pitterlein.jpg

Joachim Pietzcker, der mit seiner Frau in Schnaittach das Badhaus sanieren ließ (die PZ berichtete mehrfach), bekräftigte, dass er die Ausführungen seiner Vorredner bestätigen könne, wenn er auch die Unwägbarkeiten eines derartigen Vorhabens nicht ganz unterschlagen wolle. Sein Fazit war, dass die derzeitige Niedrigzinspolitik tatsächlich wirtschaftliche Chancen eröffnet und dass die Abschreibungen zum Finanzieren auch der Erhaltungsinvestitionen notwendig seien. Erich Goller berichtete in diesem Zusammenhang noch kurz über die Variante eines Bauherrn, der die meisten handwerklichen Arbeiten selbst ausführt.

Die Stellvertretende Landrätin Cornelia Trinkl verfolgte die Ausführungen mit großem Interesse, denn sie sieht darin tatsächlich ein Modell und eine Chance für den gesamten Landkreis Nürnberger Land, wie sie sagte.

Mit dem Appell, dass sich an Sanierungsobjekten interessierte Personen und Firmen an die Gemeinde wenden sollen, die dann den Kontakt zu Eigentürmern herstellt, falls diese ebenfalls interessiert sind, schloss Pitterlein den Vortragsteil und gab den Startschuss zu anregenden Gesprächen an den Ständen der Firmen und Institutionen, die zahlreich angenommen wurden und noch lange andauerten. Die Initiative greift, das Netzwerk ist im Werden.

N-Land Reinhard Dorn
Reinhard Dorn