Zehn Jahre Schnaittacher Tafel

Anpacken statt reden

Die Helfer der Schnaittacher Tafel mit den Ehrengästen bei einer kleinen Feierstunde zum Zehnjährigen. | Foto: Braun2018/03/10-jahre-tafel-in-schnaittach-gruppenbild.jpg

SCHNAITTACH — Ob „Zehn Jahre Schnaittacher Tafel“ ein Grund zum Feiern sind, darüber lässt sich streiten. Ist es doch ein Armutszeugnis, dass in einem der reichsten Länder der Welt eine solche Einrichtung überhaupt notwendig ist. Was aber sehr wohl gefeiert gehört, ist das Engagement der Ehrenamtlichen für Menschen in Not. Darin waren sich die Gäste der kleinen Feierstunde am Marktplatz 13 einig.

Die Arbeit bei der Tafel ist für die Helfer eine Herzensangelegenheit, das merkt man sofort. Seit 11.30 Uhr sind sie im Einsatz, haben Nudeln, Mehl und Konserven in die Regale gestapelt, frisches Obst und Gemüse ansprechend drapiert, Backwaren am Vorabend von den Bäckereien abgeholt, portioniert und feinsäuberlich verpackt. Die Tische in der Café-Ecke sind liebevoll gedeckt.

Nach der Feierstunde werden hier die Kunden der Tafel Platz nehmen, um sich bei Kaffee und Kuchen zu stärken. Danach zahlen die Abholer drei Euro und dürfen ein Los ziehen, das entscheidet, wer als erstes einkaufen darf.

Ausgerechnet heute haben die Fahrer zu wenig Wurst mitgebracht, erzählt Gunda Thiel, die zusammen mit Susanne Gscheidl die Schnaittacher Ausgabestelle leitet. Doch auch das wird auf dem kurzen Dienstweg gelöst: Wolfram Bauer, der 2. Vorsitzende der Tafel Nürnberger Land, hat zur Feierstunde kurzerhand mehr Wurst mitgebracht.

Alle helfen mit

Die Waren stammen von großen Supermärkten, örtlichen Bäckereien, Metzgern und privaten Initiativen. Regelmäßig liefert die Nachbarschaftshilfe Selbstgestricktes – auch heute haben die Vertreterinnen eine Kiste mit Socken, Mützen und Kuscheltieren mitgebracht. Auch die Kindergärten, Kirchen und die Gemeinden helfen mit. „Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken“, sagt Thiel.

Die Leiterin ist, wie 16 ihrer ehrenamtlichen Kollegen, seit der ersten Stunde der Schnaittacher Tafel dabei. Diese schlug am 26. Februar 2008. Zunächst fand die Ausgabe für die Bedürftigen aus Schnaittach, Neunkirchen und Simmelsdorf in der Caritas-Sozialstation statt, vor drei Jahren dann der Umzug in den ehemaligen „Lebensmittel Kroder“ am Marktplatz. Die Mitarbeiter wechseln sich im zweiwöchentlichen Turnus ab. Die Ausgabe findet immer donnerstags von 15.30 bis 17 Uhr statt. „Kein einziges Mal hat uns jemand im Stich gelassen“, sagt Thiel stolz und etwas gerührt.

Zahl der Bedürftigen steigt

Und es wird jede Hand gebraucht. Die Einrichtung ist zehn Jahre nach dem Start gefragter denn je. Die Zahl der Abholer steigt stetig – „leider“, findet Thiel. Kamen zu Beginn 15 bis 18 Personen, stehen inzwischen 40 vor der Tür. Und es wären noch mehr, wenn die Schnaittacher Tafel nicht einen Aufnahmestopp verhängt hätte. „Irgendwann geht es einfach nicht mehr“, sagt Thiel.

Allerdings, und darauf besteht sie: Das gilt für alle Neuanmeldungen. Einen Aufnahmestopp nur für Ausländer, für den die Essener Tafel kürzlich massiv kritisiert worden war, gebe es nicht. Obwohl auch im Schnaittachtal die gestiegenen Abholerzahlen vor allem im Zusammenhang mit den geflüchteten Neubürgern stehen. 2016 kamen noch 2775 Menschen zur Ausgabestelle, 2017 bereits 3602 – eine Steigerung von fast 30 Prozent.

„Das sind fast so viele Bürger, wie im Hauptort Schnaittach leben“, kommentiert ein erschütterter Bürgermeister Frank Pitterlein, der auch im Namen seiner anwesenden Kollegen, Martina Baumann aus Neunkirchen und Perry Gumann aus Hüttenbach, spricht. Es sei ein „Alarmsignal, dass es in unserer reichen Gesellschaft mit ihrem guten sozialen Netz trotzdem Menschen gibt, die dieses Angebot wahrnehmen müssen“, so Pitterlein. Die Integration der Geflüchteten sehe er als „gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der wir uns stellen müssen und werden“. Umso mehr Respekt gebühre den Menschen, die dies bereits tun. „Manche schauen weg, wenn es Menschen schlecht geht, ihr schaut hin.“

„Sie verteilen nicht nur Lebensmittel, sie gestalten auch Gesellschaft. Sie sind Mahner, Sinnstifter, Integrationsbeauftragte, Nothelfer und mehr“, formuliert es Helmut Doyen, der 1. Vorsitzende der Tafel Nürnberger Land. Leider gerieten immer wieder Menschen in Notsituationen, „und oft nicht nur vorübergehend“. Doyen weiter: „Sie kämpfen gegen die Auswirkungen von Armut in einer reichen Gesellschaft, leben Integration in einer Zeit, in der über das Thema viel diskutiert wird, und sorgen dafür, dass wertvolle Lebensmittel nicht verschwendet werden.“

„Allerhöchster Respekt“

Dass die Tafeln seit 25 Jahren wachsen, stimmt auch Landrat Armin Kroder nachdenklich. „Wir haben schon oft gesagt, es wäre schön, wenn keiner mehr kommt.“ Doch weil dies nicht so ist, sei er froh, dass es Menschen gibt, die nicht nur reden, sondern handeln. „Dafür verdienen Sie allerhöchsten Respekt.“ Er wünsche den Helfern, dass sie trotz manchem Ärger und Stress auch viel Freude an der Arbeit haben. Und Pfarrer Hans Eisend zitiert das Matthäusevangelium: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.“

Gunda Thiel freuen nicht nur die lobenden Worte, sondern auch die Geldgeschenke. Denn nur Spenden können sicherstellen, dass die Tafel auch in weiteren zehn Jahren so aktiv arbeiten kann. Und das wird leider wohl auch dann noch nötig sein. 

N-Land Tina Braun
Tina Braun