Beobachtungen in Belgrad

Weiter Weg für Flüchtlinge

Am Belgrader Busbahnhof campieren die Flüchtlinge aus Syrien, ehe sie nach Ungarn weiterreisen. Foto: Pürner2015/09/Belgrad_Taxis_vor_Camp_pu__rner.jpg

RÖTHENBACH/BELGRAD — Eine der klassischen Routen für Flüchtlinge, die nach Deutschland wollen, führt über den Balkan. Skopje in Mazedonien und Belgrad in Serbien sind Zwischenstationen. Stefan Pürner aus Röthenbach ist ein Balkan-Fachmann. Der Jurist arbeitet für die Deutsche Stiftung für Internationale Rechtliche Zusammenarbeit (IRZ). Für die Pegnitz-Zeitung schildert er, welche Szenen sich derzeit in Belgrad abspielen.

Skopje und Belgrad in nur drei Tagen: Manche beruflichen Reisen sind knapp kalkuliert. Aber man gewöhnt sich an das Unterwegssein, und die regelmäßigen Ziele werden einem zunehmend zur zweiten Heimat, in der man auch seine Lieblingslaufstrecke hat. Skopje und Belgrad, zwei Städte, die ich seit Jahrzehnten kenne und in denen ich beruflich fast jeden Monat zu tun habe. Dieses Mal aber ist vieles anders. Wegen Ereignissen, die sich zunehmend auch auf meine frühere Heimatgemeinde Röthenbach auswirken. Bis hin in das Tanzlokal, das ich als Teenager öfter besucht habe: die „Krone“, die später als Altenheim genutzt wurde und heute Durchgangsheim für Asylbewerber ist.

Etwas war anders, auf dieser Reise, sowohl in Skopje wie in Belgrad. Das Thema Flüchtlinge ist allgegenwärtig. Und das kam nicht aus heiterem Himmel. In Mazedonien sah man bereits vor Monaten, als noch keine deutsche Zeitung darüber schrieb, entlang der Autobahn Gruppen von Menschen, meist Männer, die von Syrien aus auf dem Fußweg in die EU waren. Flüchtlinge sind auf dem Westbalkan, nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens, leider nichts Ungewöhnliches. Das Zentrum von Skopje selbst liegt nicht auf ihrem Weg. Deshalb ist dort ihr Schicksal zwar Gegenstand vieler Gespräche, bleibt aber letztlich seltsam abstrakt. Dennoch sieht man schon beim Joggen vor dem Frühstück in der Innenstadt Heimatlose wie die vier Jungs zwischen ungefähr sieben und fünfzehn Jahren, die sich nach einer Nacht unter einem Baugerüst gerade fertig für den neuen Tag machen. Zum Frühstück teilen sie sich einen Kanten Brot und zwei Zigaretten.

Großes Lager am Busbahnhof

Ganz anders in Belgrad. Auch dort kann man zwar monatelang leben, ohne das Elend der Flüchtlinge zur Kenntnis zu nehmen. Wenn man aber zum Busbahnhof geht, stolpert man über die Flüchtlinge. Im wahrsten Sinne des Wortes. Frühmorgens sitzen und liegen sie überall in den Nebenstraßen und bereiten sich auf den Tag, der Temperaturen weit über 30 Grad bringt, vor.

Schon jetzt wird klar: „Flüchtlinge“ sind keine einheitliche Gruppe. Da gibt es diejenigen, die nach Wochen oder vielleicht Monaten auf der Flucht – zumindest auf den ersten Blick – immer noch einigermaßen adrett daherkommen und in ihren Smartphones nach der besten Alternative für den Rest des Wegs surfen. Und diejenigen, die sichtlich am Ende sind. Lehm und Blätter an der Kleidung von den vielen Nächten, die sie schlafend auf dem Boden verbrachten. Die meisten scheinen in Kleingruppen zu reisen, wenn man es denn überhaupt reisen nennen kann. Familien sind darunter, aber auch Schicksalsgemeinschaften, die sich wohl erst für die oder auf der Reise gebildet haben. Viele dieser Gruppen bestehen ausschließlich aus jungen Männern, es gibt aber auch welche, die männliche mit weiblichen Teenagern, Letztere in Jeans und T-Shirt, gemeinsam bilden. Islamische Terroristen auf Reisen sind das bestimmt nicht.

Schon jetzt ist man beklommen. Vollends erschüttert ist man, wenn man am Vorplatz des Busbahnhofs ankommt. Ende der Achtziger, als ich hier studiert habe, war das ein ruhiger, schattiger Park, in dem sich auch am Ende des Sommer das Gras behauptete und sich eine überschaubare Anzahl von Rentnern und Busreisenden die Zeit vertrieb. Jetzt ist hier eine Wüste aus betonharter Erde, übersät mit niedrigen, handelsüblichen Zwei- bis Viermannzelten und wohl an die ein- bis zweitausend Menschen. Auf den ersten Blick ähnelt das dem Campingplatz eines Open-Air-Festivals. Auf den zweiten sieht man dann die Unterschiede. Diese sind dramatisch.

Zeit hat hier keiner

Fleißige Hände sind am Werk, um den Flüchtlingen die Bedingungen wenigstens etwas zu erleichtern. Zwischen den Zelten wird noch vor sieben Uhr Müll eingesammelt, Dixie-Klos werden gelehrt, ein Lastwagen mit Trinkwasser fährt vor. Zwei Kilometer weiter soll es auch die Möglichkeit geben, sich zu duschen. Für den Weg zu den Duschen nimmt sich jedoch keiner Zeit. Die Ungarn machen die Grenze zu, da will man keine Stunde vergeuden. Und auch die Toiletten reichen nicht aus. Ein strenger Geruch liegt in der Luft.

Die schlechte Luft um das Behelfs­camp hindert die Taxifahrer jedoch nicht, in den Straßen um das Gelände in langen Reihen zu warten. Einige der Flüchtlinge haben noch Geld. Nicht wenige von ihnen verhandeln hitzig über Preise für die schnelle Fahrt zur ungarischen Grenze. In manchen Fällen wechselt sicher der letzte Rest der lebenslangen Ersparnisse den Besitzer.

Ein Greis sitzt in einem primitiven Rollstuhl vor einem Zelt, in dem gerade eine Familie erwacht. Woher der Rollstuhl? Ist das in dem Zelt die Familie, die mit ihm flieht? Und: Wieso sitzt er schon (noch?) im Rollstuhl, wenn die anderen gerade erwachen? Hat er etwa die Nacht über draußen geschlafen? Vor allem aber: Wie flieht man mit Rollstuhl?

Kinder brauchen Sicherheit, brauchen Normalität, brauchen gemeinsames Lachen. Eine Familie albert vor einem Igluzelt auf einer gelben Schaumstoffmatratze, die man nicht anders als „versifft“ bezeichnen kann, mit ihrem etwa vierjährigen Kind. Woher die Matratze kommt, bleibt unklar. Sicher aber gehört sie nicht zum Reisegepäck, dazu ist sie zu sperrig. Das Kind gluckst vor Lachen und kichert. Auch die Eltern strahlen. Für einen Moment scheinen für sie alles weit weg: der Krieg in ihrer Heimat und ihr ungewisses Ziel.

Eine Gruppe hat sich mit einem der Taxifahrer geeinigt. Schnell sind die Sachen zusammengerauft und die vier Männer drängen sich in den Kleinwagen, der allerdings nicht gleich losfahren kann. Ein doppelstöckiger Bus blockiert die Straße. Er bringt neue Flüchtlinge von der mazedonischen Grenze. Als der Bus vorbei ist, startet das Taxi mit quietschenden Reifen.

Zu Fuß nach Ungarn

Andere haben nicht das Glück, gefahren zu werden. Später am Tag laufe ich von der Neustadt von Belgrad zurück in die Altstadt. Auf der Sava-Brücke kommt mir ein Paar in den Zwanzigern entgegen. Kleine Rucksäcke, die adrette Frau trägt Kopftuch, dazu Jeans und T-Shirt, der Mann hinkt, kommt aber trotzdem gut voran. Ob sie Chancen haben, als Anhalter mitgenommen zu werden? Wenn nicht, ist den beiden zuzutrauen, dass sie trotz des Handicaps vielleicht sogar 25 Kilometer am Tag schaffen. Das bedeutet weitere acht bis zehn Tage bis zur ungarischen Grenze.

N-Land Pegnitz-Zeitung
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