Massenkollaps: Schüler wieder wohlauf

Keine erhöhte Chlorkonzentration im Becken: Valeri Horn, Fachangestellter für Bäder bei der Stadt Röthenbach, nimmt eine Wasserprobe im Hallenbad. Das macht er normalerweise zwei- bis dreimal pro Tag. Foto: Müller2011/02/17216_New_1298654762.jpg

RÖTHENBACH — Den 15 Röthenbacher Schülern, die am Donnerstag mit Kreislaufbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert worden sind, geht es gut. Der Massenkollaps nach einer Schwimmstunde war laut Informationen beteiligter Ärzte ein „psychologisches Phänomen“. Absicht kann man den Jugendlichen nach jetzigem Kenntnisstand nicht unterstellen.

Noch am Donnerstagabend waren 14 der 15 betroffenen Schüler des Gymnasiums und der Mittelschule aus den Krankenhäusern entlassen worden. Ein Kind musste bis Freitag zur Beobachtung in der Cnopfschen Kinderklinik in Nürnberg bleiben, inzwischen ist es auch wieder wohlbehalten zu Hause. Die 12- bis 18-Jährigen seien gesund, hieß es gestern sowohl aus dem Staatlichen Gesundheitsamt in Lauf als auch aus dem Südklinikum, in dem ein Großteil der Jugendlichen behandelt wurde.

Jan-Holger Schiffmann, der Chefarzt der dortigen Kinderklinik, hat eine Erklärung für den Massenkollaps, der sich nach einer Schwimmeinheit in den ersten beiden Stunden ereignet hat: „Solche Situationen bekommen eine gewisse Eigendynamik“, sagt der Professor der Medizin. „Für mich war relativ schnell klar, dass sich hier ein psychologisches Phänomen abspielt.“ Demnach hätten sich die Schüler also in ihre Symptome hineingesteigert.

Den Betroffenen könne man jedoch keinen Vorwurf machen, so Schiffmann: „Subjektiv haben die das geglaubt.“ Ein böser Scherz der Zehntklässler, die an der Schwimmstunde teilgenommen haben, und mehrerer Schüler der Mittelschule kann damit ausgeschlossen werden. Derlei Phänomene seien gar nicht so selten, sagt der Chefarzt, der einen ähnlichen Massenkollaps bereits in Göttingen erlebt hat. Es sei eine „Frage des Managements vor Ort“, ob die Situation eskaliere.

Organisatorischer Leiter des Rettungsdienstes war Peter Gebhard. „Wir mussten situationsabhängig entscheiden“, äußert er sich im Gespräch mit der Pegnitz-Zeitung. „Die Patienten hatten entsprechende Gesundheitsstörungen.“ Vier Schüler wurden von den Helfern – die mit 19 Fahrzeugen inklusive mobiler Leitstelle vor Ort waren – sogar als schwer verletzt eingestuft. „Und ich bleibe bei meiner Einstufung“, so Gebhard. Zum Einsatz kam in Röthenbach das sogenannte Triage-System, das für den Katastrophenfall entwickelt wurde.

Spricht man mit Behördenvertretern, kritisieren diese den ihrer Ansicht nach überdimensionierten Einsatz. Öffentlich äußert sich allerdings niemand dazu. Schiffmann gibt zu bedenken: „Die Verantwortlichen werden natürlich einen Teufel tun, die ganze Angelegenheit nachlässig zu behandeln.“

„Schülern ging es schlecht“

Im Direktorat des Geschwister-Scholl-Gymnasiums verweist man auf die Ärzte, die die jungen Patienten am Donnerstagmorgen nach der Schwimmstunde noch im Schulgebäude versorgt haben. Auf deren Urteil habe er sich verlassen müssen, so Schulleiter Hans Wittmann. „Ich habe außerdem mit eigenen Augen gesehen, dass es den Schülern schlecht ging.“ Die Zehntklässler würden sich gewaltig darüber ärgern, dass ihnen direkt nach dem Vorfall unterstellt worden war, sie hätten simuliert. „Für einige, die ich gut kenne, lege ich meine Hand ins Feuer“, so Wittmann, der vor allem froh darüber ist, dass der Vorfall am Ende doch relativ glimpflich ausgegangen ist.

Eine objektive Ursache für den Massenkollaps lässt sich indes nicht feststellen: Die umgehend verständigte Feuerwehr hat im Hallenbad eine Chlorkonzentration in der Luft von unter 0,03 Teilchen auf eine Million anderer Teilchen gemessen. Erste Symptome zeigen sich laut Experten erst bei drei bis sechs Teilchen. Selbst eine Kohlenmonoxidvergiftung, sagt Uwe Drochner vom Staatlichen Gesundheitsamt, sei in Betracht gezogen worden. Doch dafür hätten sich ebenfalls keine Beweise finden lassen.

Chlorgas wird nach Auskunft der Stadt Röthenbach in dem Hallenbad, das Teil des Schulzentrums am Steinberg ist, nicht verwendet. Zum Einsatz kommt ein Granulat, das dem Wasser beigemischt wird. Dessen Konzentration wird von einer modernen Computeranlage überwacht. Zusätzlich werden zwei- bis dreimal am Tag manuelle Proben entnommen

„Alle Werte waren unauffällig“, sagt Drochner, der angesichts der Diagnose der Ärzte im Südklinikum nun nicht mehr weiß, wonach er in dem Becken suchen soll. In Absprache mit dem Gesundheitsamt wird die Stadt schon am Samstag den Badebetrieb wieder aufnehmen.

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel