Ingo Appelt gastierte in Röthenbach

Ein Provokateur erster Klasse

Ingo Appelt parodiert in Röthenbach Herbert Grönemeyer und das Publikum tobt. | Foto: Dorn2019/01/Ingo-Appelt-Rothenbach-Foto-Dorn.jpg

RÖTHENBACH — Ingo Appelt feiert 2019 sein 20-jähriges Bühnenjubiläum. Seit seinem ersten Auftritt bei der Bundesjugendkonferenz der IG Metall ist der schwarze Humor seine Spielwiese, den er um eine derbe, direkte Sprache und boshafte Parodien erweitert hat. Das ist auch in Röthenbach spürbar, wo er ein echtes Kontrastprogramm zum Konzert von Oswald Sattler am Vorabend bot.
Ingo Appelt ist kein Thema zu heilig und zu heikel, kein Fettnäpfchen zu klein und keine Beleidigung zu grob, um sich nicht darin zu suhlen. Darin ist er besser denn je, aber es wäre zu kurz gegriffen, wollte man ihn nur auf seine Sauereien reduzieren. Appelt ist ein moderner Eulenspiegel. In seiner Show dürfen die Besucher nicht zimperlich sein. Dafür müssen die Lachmuskeln Schwerstarbeit leisten.

Er kommt bei diffusem blauem Licht auf die Bühne geschlichen, die weißen Sohlen der Schuhe scheinen vor dem blauschwarzen Hintergrund ein Eigenleben zu führen, baut sich im Zentrum auf und haut dem Publikum gleich eine abfällige Bemerkung über die typisch fränkischen Hinterwäldler um die Ohren, die einen Ingo Appelt nicht standesgemäß zu begrüßen wissen. Dann dreht er auf, ist sofort auf 100 und schießt mit seinem Schnellfeuermundwerk eine Grobheit nach der anderen auf die Zuhörer ab, die vergnügt mitspielen. Er springt von seiner Hassliebe zu Franken, wo er 15 Jahre gelebt hat, zu seinen Comedy-Kollegen und persifliert alles, was Rang und Namen hat. Er karikiert die fränkische Sprache ebenso wie die sächsische, veräppelt dumpfbackige Nazis mit derselben Plastizität wie „die armen Sozis“, deren er selbst einer ist, wie er bekennt.

Skurril, aber auf den Punkt

Überhaupt ist dieser erste Teil eine Mischung aus temporeichen Wortspielen, leichtzüngig dahingenuschelten Parodien und ungeschminkter Offenlegung menschlichen Verhaltens. Immer wieder scheinen die schwarzen Seiten unseres Sozialverhaltens deutlich durch. Appelts Vergleiche sind zugegebenermaßen skurril, aber in seiner unverblümten Art und der mehr als eindeutigen Gestik unmissverständlich.

Es dauert auch nur ein paar weitere Minuten, dann ist er in seiner Lieblingsgegend unmittelbar unter der Gürtellinie angekommen, und dort treibt er sich genussvoll und mit kleinen Mini-Schauspielen vorzugsweise herum. Appelt provoziert auf Teufel komm raus und bindet sein Publikum, das aus dem Lachen fast nicht mehr herauskommt, immer wieder ein, lässt sich von ihm bestätigen, ein bisschen selbstverliebt beklatschen und wirft Zwischenbemerkungen ironisch zurück, wie man Raubtieren einen Happen zuwirft, damit sie mit dem Dompteur brüllen.

Es ist fast Halbzeit, bis er auf sein Anliegen zu sprechen kommt, Männern so deutlich den weiblichen Spiegel vorzuhalten, bis sie kapieren, wie sie sich Frauen gegenüber besser zu benehmen haben. Es ist seine Sicht auf männliche Verhaltensweisen, aber sie muss verdammt nahe am Empfinden der anwesenden Damen liegen, weil diese heftig applaudieren. Im Gegenzug nimmt er sich jedoch die weiblichen Gewohnheiten mit ähnlicher Souveränität vor.

Im Sprüche-Dauerfeuer

Seine Sprüche hämmern meist kerzengerade im Dauerfeuer auf den Saal ein, aber unversehens wird er spitzfindig, doppeldeutig, hintersinnig. So legt er den Herren der Schöpfung dar, dass sie Dienstleister sein müssen, um die Damen bei Laune zu halten oder um sie ins Bett zu kriegen, nach seinem Verständnis das Hauptanliegen aller Männer. Was dann geschieht, wenn es soweit ist, auch das holt er aus dem verschämten Dunkel heimischer Schlafzimmer. Das ist beste Realsatire über Realszenen, damit packt Appelt sein Publikum beim allerletzten Lachnerv und kitzelt ihn, bis die Tränen der Heiterkeit in hellen Strömen die Wangen herunterlaufen.

Als alles vorbei zu sein scheint, legt der Entertainer noch eine Schippe drauf und beschäftigt sich minutenlang mit Herbert Grönemeyer, strapaziert sogar den Flügel für die perfekte Illusion, die perfekte Parodie und schickt bei behutsam ins Dunkelrot wechselndem Licht unter pausenlosem Kichern ein selbst komponiertes Liebeslied als Schlagerschnulze hinterher.

Auch dann ist noch nicht Schicht im Schacht, denn zum Finale greift Appelt noch einmal tief in die Sexkiste und zu den Verbalsauereien, für die ihn das Auditorium so schätzt. Tosender Applaus nach zweieinhalb Stunden. 

N-Land Reinhard Dorn
Reinhard Dorn