Mit Marcus Maximilian Wöhrl im Schloss

Tradition mit „fancy Spirit“

Mit Schloss wie Park verbindet Marcus Maximilian Wöhrl viele Kindheitserinnerungen. | Foto: A. Pitsch2017/09/IMG_1222.jpg

REICHENSCHWAND – Redakteurin Andrea Pitsch ist gebürtige Reichenschwanderin und hat die Veränderungen am dortigen Schloss in den vergangenen Jahren verfolgt. Jetzt wollte sie gerne wissen, wer dahintersteckt und welche Beziehungen diese Person zu dem historischen Ort hat.

Die schwarze sportliche Hose flattert um seine Beine, die graue lässige Sweaterjacke lässt den durchtrainierten und sonnengebräunten Oberkörper durchspitzen: Wer Marcus Maximilian Wöhrl in seinen roten – die Markenfarbe der Dormero-Hotels – Joggingschuhen ins Gebäude schlendern sieht, würde ihn eher für einen Athleten, als den Chef der Kette halten.

In diesem Auftreten steckt neben einer deutlichen Spur Marketing auch eine Portion Natürlichkeit. „Ich habe mit Mode nichts am Hut“, sagt Wöhrl gleich. So ganz glauben kann man das einem ehemaligen Hobbymodel nicht. Mit 30 Jahren hat er aufgehört. Warum? „Ich wollte mich nicht mehr vor anderen ausziehen“, meint er scherzhaft. Noch öfter wird er im Gespräch in dieser ehrlichen, lockeren Art antworten, die zugleich sein Inneres geschickt verbirgt.

Doch Wöhrl zielt mit dieser Selbsteinschätzung zum Thema Mode eher darauf ab, dass er eben nicht wie der klassische Hotelmanager in Anzug und mit Einstecktuch aussieht. „Ich habe halt einen sportlichen Stil.“ Sport spielt neben seinem Beruf eine wichtige Rolle: Wöhrl kickt beim FCR, wandert, läuft und verbringt seinen vierwöchigen Jahresurlaub auf dem Jakobsweg, „um abzuschalten“.

Das ist für den „Natur-Menschen“, wie er sich selbst nennt, ein Ausgleich zum Job, bei dem er viel in Städten und auf Autobahnen („Das Auto ist mein Wohnzimmer“) unterwegs ist. Zwar findet er Berlin, wo er lebt, cool, weil dort jeder so sein kann, wie er ist, aber eigentlich sei er ein Landkind: „Ich bin froh, wenn ich mal keinen Asphalt sehe.“

So wie im Reichenschwander Schlosspark. In gemütlichem Schritt und mit wachen Augen spaziert Wöhrl vom Dormero Richtung Schloss. „Wir müssen unbedingt diese Giraffensitzkissen austauschen“, meint er im Vorbeigehen zu Michael Berger, seinem Experten in Sachen Presse. Am liebsten würde der „fancy Unternehmer“, so das Motto der Hotelkette, selbst zupacken. „Bevor ich lange frage, mache ich vieles selbst“, erzählt er. Als Chef musste er das Delegieren lernen. Die Zügel hat der ehrgeizige und zielstrebige 31-Jährige, der mit 22 Jahren das erste Haus übernommen hatte, fest in der Hand.

Vor dem Springbrunnen bleibt Wöhrl kurz stehen. „Da sind wir als Kinder mal eingebrochen, als er vereist war“, erinnert er sich und lacht. Auch mit dem Wasser der Pegnitz hat der junge Wöhrl Bekanntschaft gemacht, denn nicht jede Kanu-Runde auf dem Seitenarm verlief trocken. „Das ganze Gelände war ein großer Abenteuerspielplatz“, sagt er und lässt den Blick über das historische Gebäude schweifen.

Aber wie passt ein altes traditionelles Schloss in das moderne Hotelkonzept? „Wir definieren uns nicht über eine äußere Hülle, es kommt auf die Spielart und den etwas verrückten Charakter an“, stellt Wöhrl klar. Er selbst mag historische Bauten sogar lieber als moderne – vielleicht eine Prägung aus Kindheitstagen. Wöhrl verbindet das mit Traditionen: „Die sind mir wichtig so wie Tugenden, Ehre zum Beispiel.“

Wöhrl, der bemerkt, dass die Reichenschwander stolz auf ihr Schloss sind, zieht es zum Kapellenturm. Dort erinnert eine kleine Tafel an seinen 2001 verstorbenen jüngeren Bruder Emanuel. „Ich vermisse ihn.“ Gerade hier ist das Gefühl besonders stark, dem Ort der tollen Erlebnisse und vielen Keilereien, die auch mal eine gebrochene Nase zur Folge hatten.

Nicht nur draußen, auch im Inneren tobten sich die Jungs früher aus. „Wir haben die weiße Frau gejagt.“ Die hat ihm und einem Kumpel vielleicht auch einen „seltsamen Moment“ am Dachboden beschert: Als die beiden diesen mit Taschenlampen durchstöberten, stießen sie auf zwei Zeitungen – jeweils von genau ihrem Geburtsdatum.

„Ich glaube an Parapsychologie und Übersinnliches“, gibt Wöhrl preis. Wer weiß, was sich noch alles auf und unter dem Schlossgelände verbirgt? Er hat über die unterirdischen Gänge gelesen, die aber nicht erforscht werden können, weil die Pegnitz sie überflutet hat. „Da sind sicher noch Geheimnisse zu entdecken.“ Fast huscht ein Anflug jugendlicher Abenteuerlust über sein Gesicht.

Ein bisschen Erinnerungen ausleben kann Wöhrl seit rund einem Jahr. Seitdem hat Dormero das Anwesen gemietet. Wöhrl brachte sich bei der Renovierung und Neugestaltung der Räume mit ein. So heißen die Säle nach Bruder Emanuel, Großvater Rudolf, Kater Pamper oder Hündin Tschenga. „Das Schloss war eine Begegnungsstätte unserer Familie.“ Heute nächtigen in den luxuriösen Türmen Minister oder Hollywoodstars.

Dass der Ort Bedeutung für den relaxten und ruhigen 31-Jährigen hat, für den das Führen eines Unternehmens wie „legaler Krieg“ ist und der immer der Beste sein will, liegt wohl auch daran, dass der Nürnberger damit groß geworden ist, dass er Mutter Dagmar und Vater Rudolf nicht viel gesehen hat. „Wir telefonieren viel und sind Kummerkasten für den anderen“, gibt Wöhrl, der sich als provokant und extrovertiert beschreibt, Einblick ins Privatleben.

Ein Enfant terrible
Auch wenn mit der bedachten Mutter und dem anpassungsfähigen Vater die Charaktere des Trios sehr verschieden sind, „unser Zusammenhalt ist sehr intensiv“. Ob die Familienbande einen Anteil an seinem Ausstieg aus der CSU 2009 hatten, als Mama Dagmar nicht mehr zur Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium berufen wurde, lässt er offen: „Ich konnte mich mit der damaligen politischen Richtung nicht mehr identifizieren.“

Dabei sagt Wöhrl, der nicht von Scheitern, sondern dem „Durchlaufen von Lernprozessen“ spricht, von sich, dass er mit seiner Meinung niemals hinter dem Berg halten würde. Das, gepaart mit seiner Jugend und betonten Lässigkeit, macht Wöhrl samt seiner Kette zum „Enfant terrible der Hotellerie“. Ein Chef in Joggingkleidung fällt aus dem Rahmen – und fällt zugleich auf. „Ich muss nicht allen gefallen“, sagt Marcus Maximilian Wöhrl da nur, „sonst würde ich Rückgrat, Stolz und Ehrbarkeit verlieren“.

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch