Besuch beim Kettensägenschnitzer

Meister an der Säge

HARTMANNSHOF – Einen Wanderstecken haben sich bestimmt viele schon einmal geschnitzt. Einen Bären oder eine Eule wohl eher weniger. Und mit einer Motorsäge schon gar nicht. Steffen Zieger greift regelmäßig zu diesem Gerät, erschafft detailreiche Figuren und nimmt sogar an Wettbewerben teil. Ein Besuch auf dem Holzplatz.

Die Motorsäge knattert laut, es riecht nach Benzin. Sägespäne fliegen durch die Luft, wenn sich die scharfen Zähne in das helle Holz fressen und ihm Stück für Stück eine neue Form geben. Immer wieder tritt Steffen Zieger ein paar Schritte zurück und wirft einen prüfenden Blick auf das, was er da gerade erschafft. Die Säge schaltet er nur ab, wenn er eine andere für die Feinarbeiten braucht. Oder wenn der Tank leer ist. So erfüllt das Knattern seines Arbeitsgerätes gut eineinhalb Stunden die Stille auf dem Holzplatz in der Einöde bei Högen und wird fast zur Gewohnheit. „Hier störe ich keinen mit meinem Lärm“, weiß der Hartmannshofer.

Steffen Zieger zaubert mithilfe von Kettensägen Figuren aus Baumstämmen. Adler, Fische, Schlangen, Bären, aber auch meterhohe Gallionsfiguren hat er schon erschaffen und in einem Fotoalbum festgehalten, das stetig wächst. Seit 2009 greift er regelmäßig zu den lauten Maschinen, mit denen normalerweise Bäume gefällt werden, anstatt sie in detailreiche Kunstwerke zu verwandeln.

Als der 54-Jährige mit dem Sägen anfing, war zunächst der Hof vor seinem Haus in Hartmannshof sein Arbeitsplatz. Aus Rücksicht auf seine Nachbarn wechselte er allerdings nach einiger Zeit den Standort und fand auf der Wiese eines Freundes in der Nähe von Högen den idealen Platz für sein Hobby. Von dem kleinen Ort Hellberg geht es holprig an einer Pferdeweide entlang und ein paar Meter über Stock und Stein, bis schließlich der Platz auftaucht, auf dem Zieger „viele seiner Urlaube“ verbringt.

„Tiere liegen mir am meisten. Eulen und Adler schnitze ich besonders gerne, weil ich sie mag und sie mir am schnellsten von der Hand gehen“, lächelt der Hartmannshofer. Viele Leute, die zu ihm kommen, haben schon konkrete Vorstellungen von einem Motiv. „Sie bringen Bilder mit, manchmal auch ihren Hund, den sie verewigen lassen wollen.“

Eiche am haltbarsten
Auch Holz haben einige dabei, aber nicht jedes eignet sich für eine Schnitzerei. „Fichte fault zum Beispiel schnell“, weiß Zieger. Deshalb verwendet er am liebsten Eiche, weil sie sehr haltbar ist und Wind und Wetter trotzt. Wenn Bekannte aus der Umgebung mal wieder ein paar Stämme herumliegen haben, sagen sie ihm gerne Bescheid.
Für diesen Samstagvormittag hat sich Zieger eine Eule vorgenommen. Die Rinde hat er schon vom Baumstamm entfernt und ihn auf einen hölzernen Sockel gestellt. „Voraussetzung ist, dass man zeichnen kann“, beginnt er und legt ein kleines Blatt Papier mit einer vorgezeichneten Eule neben sich. Dann malt er den Vogel auf den Stamm, ohne einmal auf seine Zeichnung zu schauen. Fünf Minuten später fängt die erste Motorsäge an zu knattern.

Zieger arbeitet sich vor: erst das Grobe, dann das Feine. Er sägt die ungefähre Körperform des Tieres aus, bevor er zu einer kleineren, spitz zulaufenden Säge greift. „Sie schlägt nicht zurück, wenn man das Holz mit der Spitze bearbeitet“, erklärt er weiter. Mit ihr macht er sich als erstes am Schnabel zu schaffen, „weil der am weitesten heraussteht“.

Er bringt die Augen, das Gesicht, den Kopf und die Ohren in Form, arbeitet sich nach hinten weiter, wechselt die Seite, geht in die Knie, tritt einen Schritt zurück und macht tief versunken weiter, höhlt das Holz hinter dem Vogel aus, damit er zum größten Teil frei steht. Und so verwandelt sich ein Stück Stamm nach und nach in ein Tier, das vielleicht vor einiger Zeit noch in lebendiger Form auf ihm gesessen hat.

„Gezeichnet hab‘ ich schon immer gerne“, erzählt der gebürtige Sachse in einer der wenigen kurzen Schnitzpausen. Aber obwohl das sogenannte chainsaw carving in seiner ursprünglichen Heimat schon damals verbreiteter war als hier zu Lande, entdeckte er erst durch seine Frau die Kunst mit der Kettensäge: „Sie hatte so hässliche Holzskulpturen im Garten stehen, da dachte ich mir, das muss doch besser gehen.“ Er nahm eine beliebige Säge in die Hand und fing einfach an.

Teilnahme an Meisterschaften
Die ersten Versuche gingen gehörig schief, es dauerte knapp drei Jahre, bis seine Figuren für seinen Geschmack „nicht mehr ganz so hässlich“ waren. Zieger holte sich Inspiration von professionellen Kettensägenkünstlern aus dem Internet. Er besuchte internationale Wettbewerbe im thüringischen Triptis, kam mit den Profis ins Gespräch und nahm schon drei Mal selbst daran teil. Als Hobbyschnitzer sei er mit seinen Platzierungen im Mittelfeld ganz zufrieden. Bei den Meisterschaften müssen die Teilnehmer ein großes Projekt in drei Tagen verwirklichen und sich auch im „Speed carving“ beweisen: Dabei soll eine Figur innerhalb einer Stunde geschnitzt werden. „Das ist aber nicht mein Ding, ich lasse mir lieber Zeit“, verrät Zieger.

Eine kurze Zigarettenpause, Tank auffüllen, und schon wird es wieder laut auf dem Holzplatz hoch über Weigenhofen und Högen. Die Eule ist jetzt schon gut zu erkennen, Zieger macht sich an die Feinarbeit: Mit der Spitze der Säge arbeitet er die Federn an den Flügeln und am Bauch heraus, schneidet die Füße aus, gibt den Augen und der Stirnpartie den letzten Schliff. Dann, nach gut eineinhalb Stunden, ist das Werk fast fertig.

Mit dem Pick-up geht’s zurück zu seinem Haus nach Hartmannshof, wo er dem Vogel noch etwas „Patina“ verpasst: Mit braunem Acrylspray verleiht er der Eule Farbe und geht grob mit einem Schleifgerät über die Oberfläche, damit sie Struktur bekommt. Der Schnabel und die Augen werden mit schwarzer Farbe angepinselt, und fertig ist die lebensgroße Eule aus Holz.

Daran gedacht, sein Hobby zum Beruf zu machen, hat der gelernte Dreher noch nie. „Ist mir viel zu anstrengend und zu viel Druck“, gibt er in seinem sympathischen fränkisch-sächsischen Dialekt zu verstehen. So kann er immer wenn er Lust hat zur Säge greifen, ohne die Freude daran zu verlieren. Obwohl die Nachfrage durchaus da wäre: Er ist über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannt, das Nürnberger Südklinikum hat er schon beliefert, und sogar in Berlin steht eine seiner Figuren.
Und weil sein Material leicht wiederverwertbar ist, hat sein Hobby einen klaren Vorteil gegenüber anderen, denn: „Wenn’s nix wird, wird’s Brennholz!“

N-Land Marina Wildner
Marina Wildner