Wunderbare Bilder im Kopf

Poetry Slam zum Auftakt der Laufer Literaturtage

Literaturtage-Auftakt (von links): Michael Jakob moderierte, Stella Reiss war hemmlungslos ehrlich und Jens Hoffmann würdigte seine Mutter. | Foto: Scharrer2018/11/Bildschirmfoto-2018-11-06-um-17.09.01.png

LAUF — Höchstens sieben Minuten lang, selbst verfasst und ohne Requisiten vorgetragen – das sind die Vorgaben bei einem „Poetry Slam“. Ein solcher läutete im Jugendzentrum Lauf auf erfrischend andere Weise die 23. Literaturtage ein.

Dass Beschränkungen zu Höchstleistungen führen können, zeigte sich im Laufe des kurzweiligen Abends. Moderator Michael Jakobs Ermahnung „Respect the Poet – Sieben Minuten gehen schnell vorbei!“ erwies sich als unnötig, die Dichter verschafften sich ihren Respekt bei den Zuhörern ganz schnell selbst. Etwa ein Drittel der um die 80 Gäste waren „Frischlinge“, die noch nie einem solchen Dichterwettstreit beigewohnt hatten. Renate Grabmeier von der Stadtbücherei Lauf, die zusammen mit dem Jugendzentrum die Veranstaltung auf die Beine gestellt hatte, hofft, dadurch junges Publikum auch für die Veranstaltungen in der Bertleinaula zu gewinnen.

Die „Slammer“, die Michael Jakob aus ganz Franken eingeladen hatte, hatten ein in der Szene ungewöhnliches Schmankerl für ihr Publikum vorbereitet: Im weltweit ersten „Poetry Slam to go“ gab es ein Büchlein mit den vorgetragenen Texten zum Mitnehmen, zum Nachlesen und vielleicht auch zum Nachspielen im Freundeskreis. Das Booklet können Interessierte auch nachkaufen.

Dass die eigentlich sehr lesbaren Texte tatsächlich nur die halbe Miete sind, zeigte sich in dem Moment, als die jungen Dichter auf die „1,8 Zentimeter hohe Bühne“ traten, um ihre nur in den seltensten Fällen in Versform abgefasste „Poetry“ vorzutragen: Mal laut, mal leise, witzelnd, nachdenklich, ätzend und einmal nicht ganz jugendfrei, hauchten die jungen Schreiber ihren Worten am Mikrofon auf ganz persönliche Art Leben ein.

In eklektischer Stil- und Themenvielfalt schafften sie es sehr häufig, durch krasse Übertreibung, ätzende Satire oder groteske Fakten eine ernste und ernst zu nehmende, engagierte Botschaft ans Publikum heranzutragen.

Nicht aus seiner dichterischen Farce brach Markus Riks aus, der höchst unterhaltsam den in Lebensgefahr ausufernden „Männerschnupfen“ beschrieb und Max Schulle-Herrmann, der sich in kernigem Tonfall als bekennender Fleischesser outete und mit spürbarem Genuss der „regenbogenfarbigen Gemeinde der Ingwerschlecker und Bohnenfresser“ auf alle zehn Zehen trat.

Wunderbare Bilder im Kopf erzeugte Heide Roser, die frei eine Ode an die wahre Freundschaft vortrug, und Jens Hoffmann, der mit seiner poetischen Würdigung dessen, was seine Mutter alles für ihn getan hat, die meisten Punkte beim Publikum machen konnte und den Poetry Slam gewann.

Die Bilder im Kopf, die Stella Reiss mit ihren hemmungslos ehrlichen Worten zu mehr „Gesprächskultur“ beim Thema Sex erzeugte, dürften für manchen ungewohnt gewesen sein, ihr Vortrag überzeugte trotzdem.

Immens unterhaltsam waren die fiktiven „Posts“ im mittelalterlichen „Anlitzbuch“, mit denen Dominic Hopp die Gleichgültigkeit der digitalisierten Welt aufs Korn nahm. Martin Hönl und Dorothee Röder machten mit ihren engagierten Texten über die Leiden und Freuden übergewichtiger Menschen drastisch klar, dass es wichtigere Themen gibt als Kleidergrößen und Fitnesswahn.

Die peinlichen Pausen und Leerstellen im Kopf beim kneipenüblichen Small-Talk nahm sich Raphael Breuer in seinem fluffig-heiter geschauspielerten Beitrag vor und Barbara Gerlach schlug über die abstrusen Auswüchse von Gesetzestexten den Bogen zu der Schlussfolgerung, Mitmenschlichkeit könne keine Vorschrift der Welt erzeugen.

Moderator Michael Jakob, der Franken als den Ort mit der weltweit höchsten Poetry-Slam-Dichte bezeichnete, war zum Wettkampf nicht angetreten. Sein sehr persönlicher Text über Mobbing, Depression und die Grausamkeit sozialer Netzwerke bildete aber kurz vor der Ehrung des Siegers Jens Hoffmann noch einen Schlusspunkt für einen Abend, der sich unterhaltsam ins Ohr der Zuhörer schlich und dort eindringliche Appelle für mehr Menschlichkeit setzte. Verdienter Applaus für ein tolles Format und grandiose junge Texter.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer