Schadstoff an immer mehr Stellen

PFOS – ein Faß ohne Boden?

Über 100 Zuhörer waren zu der Infoveranstaltung im Röthenbacher Rathaus gekommen.
Über 100 Zuhörer waren zu der Infoveranstaltung im Röthenbacher Rathaus gekommen. | Foto: Sichelstiel2018/11/pfos-info-rothenbach.jpg

RÖTHENBACH/LEINBURG — Die Belastung des Birkensees mit dem Schadstoff PFOS sorgt seit 2015 für Schlagzeilen. Doch dass sich die Chemikalie in dem Badesee im Reichswald findet, ist wohl noch das geringste Problem – sie taucht an immer mehr Stellen rund um Röthenbach und Leinburg auf.

Das Trinkwasser in Röthenbach und Leinburg ist „einwandfrei“, es ist sogar „von bester Qualität“: Das war die Botschaft der Bürgermeister und Wasserversorger sowie der zuständigen Behörden – Wasserwirtschafts­amt und Landratsamt – bei einem Infoabend vergangene Woche im Röthenbacher Rathaus.

Trotzdem gingen die meisten der Zuhörer wohl nicht beruhigt nach Hause. Denn obwohl hohe Werte von Perfluoroctansulfonat (PFOS) erstmals 2012 gemessen wurde, damals an der Kläranlage der Gemeinde Leinburg, sind bis heute viele Fragen ungeklärt. Hinzu kommt: An immer mehr Orten wird der Stoff festgestellt, der trotz eines weltweiten Verbots in Ausnahmefällen noch in der Industrie eingesetzt werden darf. PFOS fördert im Tierversuch das Wachstum von Tumoren, ob das auch bei Menschen so ist, gilt als ungeklärt.

Neu in der Reihe der auffälligen Messstellen ist ein Brunnen, der von dem Grafitelektrodenhersteller Graphite Cova betrieben wird, dem Nachfolgeunternehmen der Röthenbacher Conradty-Firmengruppe. Gegenüber der Pegnitz-Zeitung bestätigte das Unternehmen, dass die Behörden in einem von insgesamt drei firmeneigenen Brunnen 1,3 Mikrogramm PFOS pro Liter Wasser nachgewiesen haben.

Die Konzentration ist relativ hoch, und die Messstelle liegt näher als alle bisherigen am Röthenbacher Trinkwasserreservoir. Hinzu kommt: Der Graphite-Cova-Brunnen ist nach Firmenangaben rund 100 Meter tief, er zapft das Grundwasserstockwerk an, das auch die Stadtwerke benutzen.

„Keine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen“

Graphite Cova glaubt, dass die Schadstoffquelle „in etlichen Kilometern Entfernung“ liegen muss, „wir haben überhaupt keine Möglichkeit, irgendeinen Einfluss zu nehmen“. Doch das Wasserwirtschaftsamt Nürnberg sieht derzeit keinen Zusammenhang mit den erst 2015 öffentlich gewordenen Funden an der Leinburger Kläranlage und im Birkensee. Selbst diese haben wohl nach allen vorliegenden Daten nichts miteinander zu tun.

Bekannt ist, dass PFOS bis vor sechs Jahren vom Diepersdorfer Galvanikhersteller Bolta eingesetzt wurde und – ganz legal – auch ins Abwasser gelangte. Das Unternehmen hat inzwischen erklärt, eine Filteranlage einzusetzen, die Werte an der Kläranlage sind nachweislich rückläufig.
Die Behörden gehen von mehreren Verursachern aus. PFOS fand sich unter anderem auch an der A 3 am Autobahnkreuz Nürnberg, in einer nahen Sandgrube und nun eben bei Graphite Cova. Selbst wenn derzeit „alle am Netz befindlichen Brunnen“ sauber sind, wie der Leinburger Bürgermeister Joachim Lang unterstreicht, so tauchte der Stoff auch schon in der Trinkwasserversorgung der Gemeinde auf, wenn auch in geringer und nach Expertenmeinung unbedenklicher Konzentration.

Röthenbach will vorbeugen

Die Nachbarn in Röthenbach wollen trotzdem vermeiden, dass es ihnen ähnlich geht. Sie wollen vorbeugen. Der Betriebswasserbrunnen könnte dabei zum Problem werden. Stefan Bertelmann, Abteilungsleiter im Wasserwirtschaftsamt, vermutet, dass das PFOS „von der Oberfläche kommt“, also entweder vom Firmengelände im Röthenbacher Süden oder aus dessen Umgebung. Stimmt das, ist der Brunnen eine direkte Verbindung zwischen einem belasteten Areal und dem Grundwasser. „Wir müssen dem mit Nachdruck nachgehen, damit es nicht in die Tiefe verschleppt wird“, sagt Bertelmann.

Skeptisch ist vor allem die Röthenbacher CSU. Auf ihren Antrag hin wird die Stadt einen eigenen Gutachter einschalten. Stadtrat Wolfgang Gottschalk fühlt sich schlecht informiert: „Beim Grundwasser fängt es bei mir zum Zittern an, wir haben es hier mit einem Lebensmittel zu tun.“

Was ist mit der zweiten Probe?

Munition für die Kritiker ist, dass nach wie vor keine zweite Wasserprobe aus dem Graphite-Cova-Brunnen ausgewertet wurde. Der Befund gilt damit als noch nicht verifiziert. Erstmals war der erhöhte PFOS-Wert schon im Frühjahr 2018 aufgefallen, also vor mehreren Monaten.

Er würde das Wasser in Röthenbach und in Leinburg trinken, sagte Dr. Hans-Peter Kubin, der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamts im Nürnberger Land, bei der Infoveranstaltung. Trotzdem klang auch er nicht allzu optimistisch: Chemikalien wie PFOS „werden wir nicht mehr los auf dieser Welt“. Es ist ein reines Laborprodukt und wird deshalb in der Natur nicht abgebaut. Bertelmann vom Wasserwirtschaftsamt: „Diese Stoffe findet man auch schon am Nord- und am Südpol.“

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel