Abfallvermeidung im Nürnberger Land

Schwieriger Kampf gegen Pappbecher und Co.

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NÜRNBERGER LAND — Einwegbecher für Kaffee und in Plastik verpackte Lebensmittel: Für Umweltschützer sind das Beispiele für eine Gesellschaft, die immer mehr Müll produziert. „Wir als Kommune müssen unsere Abfallkörbe mittlerweile auch sonntags leeren“, sagt Laufs Bürgermeister Benedikt Bisping und fordert eine „Bildungsoffensive“ oder eine „Abfall-Charta“. Doch die Behörden im Landkreis tun sich mit dem Thema Abfallvermeidung schwer, weil sie kaum Vorgaben machen können. Ihnen zufolge ist jeder einzelne Verbraucher gefordert.

Die offiziellen Zahlen geben dem Laufer Bürgermeister, der eine deutliche Zunahme der Abfallberge sieht, nur zum Teil recht: Die jährliche Müllmenge, die statistisch gesehen auf jeden Landkreisbewohner entfällt, ist seit zehn Jahren ungefähr konstant, sie pendelt um die 450 Kilo. Damit steht das Nürnberger Land im bayernweiten Vergleich gut da, der Durchschnitt im Freistaat liegt bei 529 Kilo pro Person und Jahr. Der Landkreiswert ist selbst dann noch gut, wenn man berücksichtigt, dass ohnehin umso weniger Müll anfällt, je weniger städtisch oder großstädtisch eine Region geprägt ist. Der Anteil der sogenannten Leichtverpackungen allerdings ist von 18,9 Kilo pro Einwohner im Jahr 2008 auf aktuell 21,4 Kilo gestiegen. Leichtverpackungen, das ist der Fachbegriff für den Inhalt der Gelben Säcke.

Metallkapseln statt Kaffeefilter

Auch wenn die Statistik nicht für eine „Kunststoffschwemme“ oder gar für die von Bisping ausgemachte „Einwegbecherflut“ spricht, sondern allenfalls für einen allmählichen Anstieg: „Wir betrachten es durchaus mit einem weinenden Auge, dass auf dem Markt Produkte vorherrschen, die das Abfallaufkommen steigern“, konstatiert Michael Oberleiter, Sachgebietsleiter Abfallwirtschaft im Landratsamt Nürnberger Land. Als Beispiel nennt er die Metallkapseln, die nach und nach den klassischen Kaffeefilter ersetzen.

Zum Auftrag der Behörde gehört zwar die Abfallvermeidung, sie tut sich damit dennoch schwer, denn sie kann – um beim Beispiel „Coffee to go“ zu bleiben – Einwegbecher nicht einfach verbieten. Das wäre höchstens in der Landratsamtskantine oder in den kreiseigenen Schulen möglich. Selbst auf Bundesebene zweifeln Experten an der Durchsetzbarkeit eines Verbots. Und auch bei der Einführung von Mehrwegbechern, die gegen Pfand ausgegeben werden, gibt es hohe Hürden. Nürnberg hat es geprüft: „Die Stadt darf aus rechtlichen Gründen kein Pfandsystem in eigener Regie aufbauen“, zitieren die Nürnberger Nachrichten den städtischen Umweltreferenten Peter Pluschke. Inwieweit jedoch Kooperationen mit Mehrweganbietern möglich sind, ist eine juristische Frage, die nicht nur der Laufer Sachgebietsleiter mit Interesse verfolgt.

„Alle zwei Jahre neues Handy“

Dass der Landkreis in Sachen Abfallvermeidung gleich kapituliert, wie es der Laufer Bürgermeister im Juli im Kreisausschuss formuliert hat (die Pegnitz-Zeitung berichtete), stimmt zwar laut Oberleiter nicht, aber was können „Umwelttheater“-Aufführungen in Grundschulen und Führungen über Wertstoffhöfe schon gegen „veränderte Lebensgewohnheiten“ ausrichten? Oberleiter: „Die Produktzyklen werden immer kürzer, es gibt mittlerweile alle zwei Jahre ein neues Handy.“ In der Kreis­ausschuss-Sitzung Anfang dieser Woche gab er einen Rechenschaftsbericht als Reaktion auf die Kritik. Wichtigste Botschaft: „Zentral ist, dass sich jeder an die eigene Nase fasst“, wie Landrat Armin Kroder zusammenfasst.

Noch am erfolgreichsten ist die Förderung privater Kompostierung. Laut Oberleiter „nehmen das 43 Prozent der Haushalte wahr“. Wer selbst kompostiert, bezahlt bei einer 60-Liter-Restmülltonne etwa drei Euro im Monat weniger Gebühr. In den Carisma-Gebrauchtwarenmärkten in Hersbruck und Altdorf, die von der Caritas betrieben werden, wurden 2016 insgesamt 163 Tonnen Möbel und Gebrauchsgegenstände verwertet. Zur Einordnung: Landkreisweit fielen im gleichen Zeitraum 76 491 Tonnen Abfall an. Oberleiter: „Das zeigt, wie aufwändig es ist, Abfall zu vermeiden.“ Die Märkte der Carisma unterstützt der Landkreis mit rund 200 000 Euro im Jahr. Ein weiteres Instrument der Behörde ist der Stoffwindelzuschuss: Eltern, die ihre Sprösslinge nicht mit Pampers und Co. wickeln, erhalten dafür einmalig 50 Euro. 40 bis 50 Anträge pro Jahr gehen im Landrats­amt ein.

Überkommunale Kooperation?

Der Laufer Rathauschef Bisping möchte diese Liste gerne noch um eine „Bildungsoffensive“, ein „Pilotprojekt“ oder eine „Charta“ zur Abfallvermeidung ergänzt wissen. Er stellt sich, ohne das zu konkretisieren, „eine regionale, überkommunale Kooperation“ vor. Bei der Landkreisverwaltung stieß er zwar auf offene Ohren, euphorische Geschäftigkeit löste der Vorschlag aber nicht unbedingt aus. Landrat Kroder versprach, das alles wenigstens zu prüfen. Das Thema müsse, da sei er mit Bisping einer Meinung, an „Sexyness“ gewinnen.

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel