Kältewelle

Eiseskälte macht Mensch, Tier und Natur zu schaffen

Die beste Medizin gegen die Kältewelle: viel trinken, dick einpacken und raus an die frische Luft. | Foto: PZ-Archiv/Fischer2018/02/kalte-winter-mutzen-frost-eis-lauf.jpg

NÜRNBERGER LAND — Bis zu minus 15 Grad in der Nacht, dazu Sonnenschein und eine steife Brise: Eine kräftige Ost-Strömung bringt seit Tagen eiskalte Luft aus Sibirien nach Deutschland. Die Kälte setzt auch Mensch, Tier und Natur im Nürnberger Land ordentlich zu. Wie kann man sich am besten schützen und was ist jetzt besonders wichtig? Die PZ hat bei Experten nachgefragt.

Das Wartezimmer in der Laufer Praxis von Allgemeinarzt Matthias Leniger ist voll. Patienten mit Blasenentzündungen, gereizten Schleimhäuten und Atemwegserkrankungen muss der Mediziner zurzeit gehäuft behandeln. Etwa ein Drittel mehr, so schätzt er, sind es im Vergleich zum Vorjahr. Vor allem bei den Influenza-Fällen, die klassischerweise im Februar auftreten, hat Leniger seit etwa 14 Tagen einen „massiven Anstieg“ bemerkt. Mit der Kälte habe dies aber wenig zu tun. „Es sind zurzeit einfach mehr Grippeviren aktiv“, erklärt Leniger.

Sein Gefühl täuscht ihn nicht. Das Gesundheitsamt des Landratsamts hat von 1. Januar bis 27. Februar 2018 353 Influenza-Fälle im Nürnberger Land gezählt. Ungewöhnlich ist dabei, dass nur 72 davon auf den Typ A des Virus entfallen, 216 dagegen auf den Typ B, der Rest ist unidentifiziert. Normalerweise überwiegen die A-Fälle deutlich, wie Hanspeter Kubin, der Leiter des Gesundheitsamts weiß. So auch 2017, als 410 der 443 Grippefälle im Kreis auf das Virus des Typs A zurückzuführen waren. Woher das kommt, sei schwer zu sagen. Die hohe Zahl der B-Fälle ist jedenfalls deshalb problematisch, weil die Dreifach-Grippeimpfung, die von den meisten Krankenkassen übernommen wird, vor allem gegen den Typ A wirksam ist. Und so kann es durchaus vorkommen, dass man trotz Impfung an Influenza erkrankt. „Einen hundertprozentigen Schutz gibt es eben nicht“, sagt Kubin.

Jetzt noch eine Grippeimpfung?

Eine Impfung ist trotzdem sinnvoll, findet Matthias Leniger. Etwa 75 Prozent seiner Grippepatienten hätten keine Impfung bekommen. Er selbst lasse sich aus beruflichen Gründen bereits seit 20 Jahren impfen und empfiehlt das auch seinen Patienten. Allerdings ist es dafür jetzt ein bisschen spät. Denn selbst wenn die Grippewelle noch drei bis vier Wochen andauern kann, braucht eine Impfung rund zwei Wochen, bis sie wirkt. „Wir empfehlen, sich im November oder Dezember impfen zu lassen, dann kommt man gut über die klassische Grippezeit“, so Leniger. Bereits geimpfte Risikopatienten könnten aber durchaus über eine Auffrischung nachdenken.

Doch es muss nicht gleich eine handfeste Influenza sein, die einen Patienten ans Bett fesselt. Auch eigentlich banale grippale Infekte nehmen in diesem Jahr oft einen heftigen Verlauf, weiß Leniger aus seinem Praxisalltag. „Viele Patienten liegen mit einer normalen Erkältung zurzeit zwei bis drei Wochen flach.“ Schuld daran sind unter anderem die durch die trockene Luft stark gereizten Schleimhäute, die anfälliger für Viren und Bakterien machen.

Dagegen hilft nur viel Feuchtigkeit und frische Luft. Viel trinken, drei Mal am Tag fünf Minuten Stoßlüften und einen Spaziergang in der Sonne empfiehlt der Mediziner. Von größerer sportlicher Belastung im Freien rät er ab. „Die kalte Luft sollte nicht in die Lunge gelangen.“

Alles in allem sei die trockene Kälte für den Organismus aber einfacher wegzustecken als die nasse Kälte, wie wir sie zum Beispiel im Januar hatten, sagt Leniger. Unter ihr leiden vor allem Rheuma- oder Arthrosepatienten. Und das Ende der Kältewelle ist ohnehin in Sicht. Bis fast zehn Grad plus sollen die Temperaturen am Wochenende steigen. Allerdings kann ein solcher Wetterumschwung vor allem für Menschen mit Migräne, niedrigem Blutdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beschwerlich werden. Ihnen rät Leniger: „Einfach langsam tun.“

Pflanzen richtig schützen

Nicht nur für die Menschen, auch für die Natur können starke Temperaturschwankungen belastend sein. „Das Problem ist eigentlich, dass der Januar sehr mild war und viele Pflanzen schon Saft gezogen haben“, sagt Erich Bräunlein von der gleichnamigen Baumschule in Rückersdorf. Wenn dieser nun gefriert, kann das zu Schäden führen. Denn während Tulpen beispielsweise den Frost sogar brauchen, um auszutreiben, reagieren andere Pflanzen sehr empfindlich. Hinzu komme aktuell die starke Sonnen­einstrahlung. Vor allem die Morgensonne sei gefährlich. „Sie müssen sich das so vorstellen, als ob sie Erdbeeren aus dem Gefrierfach nehmen und in der Mikrowelle erhitzen“, erklärt Bräunlein. „Da zerreißt es die Zellen.“ Um das zu verhindern, sei es wichtig, vor allem immergrüne Pflanzen gut vor der Sonne zu schützen. Das kann durch ein Fleece oder Tannenzweige geschehen, mit denen man sie abdeckt, oder durch Kalkfarbe, die vor allem die Stämme junger Obstbäume vor Sonnenbrand schützt.

In der Baumschule Bräunlein in Rückersdorf zeigt Judith Raptis die mit Fleece geschützten Pflanzen. | Foto: Schück2018/02/baumschule-braunlein-judith-ruck-raptis-foto-schuck-e1519749880527.jpg

Und weil die Pflanzen aus dem trockenen Boden zurzeit kein Wasser ziehen können, drohen einige sogar zu vertrocknen. Deshalb sollte man die zu erwartenden milden Temperaturen am Ende der Woche nutzen, um seine Pflanzen zu gießen, rät Bräunlein.

Schwankungen sind ein Problem

Auch für die Landwirtschaft ist weniger die Kälte ein Problem, als es die Temperaturschwankungen sind, weiß Werner Wolf, Direktor des Amts für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten in Roth. Da die Äcker gerade im Laufer Raum nicht durch eine isolierende Schneedecke geschützt sind, kann die Oberfläche am Nachmittag durch die starke Sonneneinstrahlung antauen. Durch den ständigen Wechsel zwischen Frost und Tauen kann es zum Beispiel beim Wintergetreide zu Auswinterungsschäden kommen.

Gut ist die Kälte dagegen für noch nicht bestellte Äcker. „Wenn das Wasser gefriert, bricht es verfestigte Brocken in der Erde auf. Man spricht von der sogenannten Frostgare. So wird der Boden gelockert und kann im Frühjahr besser bearbeitet werden“, erklärt Wolf. Und auch bei der Holzernte sind gefrorene Wege von Vorteil, weil Waldbesitzer mit ihren Fahrzeugen nicht im matschigen Boden einsinken und diesen schädigen.

Eine Belastung kann die Kälte dagegen für Tiere sein. Während freilebende Tiere zwar durch ihr Fell oder Gefieder geschützt sind, kann es für deren Junge durchaus brenzlig werden. Einige Babys werden es wohl nicht durch den Winter schaffen, fürchtet Wolf.

Geduldsprobe für Bauern

Bei der Stallhaltung kommt hinzu, dass das Wasser in den Trögen gefrieren, Melkroboter ausfallen und automatische Mistmaschinen die gefrorenen Exkremente nicht mehr entfernen können. „Das ist eine große Belastung für Mensch und Tier“, sagt Wolf. Viele Bauern erwarteten den Temperaturanstieg deshalb sehnsüchtig. „Extreme sind immer schwierig“, sagt Wolf.

N-Land Tina Braun
Tina Braun