Urteil im Prozess um Anschlag im Jugendamt

29-Jährige erwartet Psychiatrie statt Gefängnis

Im zweiten Stock des Jugendamts, das in dem Containeranbau neben dem Landratsamt in Lauf untergebracht ist (vorne im Bild), platzte Angelika K. in einen Besprechungsraum und bedrohte elf Menschen. | Foto: Braun2017/02/landratsamt-container-nebengebaude-winter.jpg

NÜRNBERG/LAUF — Die 29-Jährige, die Mitarbeiter des Laufer Jugendamts mit Spiritus bespritzt und bedroht hat (die PZ berichtete mehrfach in ihrer Printausgabe), ist zu vier Jahren Haft und der Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik verurteilt worden. Ein mildes Urteil – hatte die Anklage doch auf versuchten Mord in elf Fällen gelautet. 

Zwei Faktoren sind für die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth entscheidend, erklärt vorsitzende Richterin Gabriele Eckert bei der Urteilsbegründung. Das Gericht sei nicht davon überzeugt, dass Angelika K. (Namen geändert) tatsächlich die Absicht hatte, zu töten. Zudem sei die Frau wegen einer schweren kombinierten Persönlichkeitsstörung im Stil von Borderline „erheblich eingeschränkt in ihrer Urteilsfähigkeit“. 

Das Gericht folgt mit dem Urteil auch der Einschätzung von Psychiaterin Verena Klein. Diese ist der Meinung, dass die Täterin, die eine lange Geschichte psychischer Erkrankungen hat, ohne Behandlung weiter „sehr gefährlich und zu gravierenden Straftaten fähig“ sei. Zudem habe sie den Verlust des Sorgerechts für ihren Sohn noch nicht verarbeitet. Daher bleibt sie weiter in der Psychiatrie – seit der Tat ist sie in einer Klinik in Taufkirchen untergebracht. Außerdem muss Angelika K. die Kosten des Verfahrens und der Nebenklägerin tragen. 

Drei Tage lang hat die Kammer Zeugen und Sachverständige gehört, um zu klären, was sich am 16. Februar 2016 im Laufer Jugendamt zutrug. Für das Gericht ist erwiesen, dass Angelika K. nach einem Gespräch mit Jugendamtsmitarbeiterin Andrea L. wutentbrannt aus dem Amt stürmte und in der nahen Tankstelle eine Flasche Spiritus und ein Feuerzeug kaufte. Dann kehrte sie in das Jugendamt zurück, holte sich ein Messer aus einer Mitarbeiterküche, schlitzte damit die Plastikflasche auf und machte sich auf die Suche nach Andrea L., die zu diesem Zeitpunkt mit zehn Kollegen bei einer kleinen Feier in einem Besprechungsraum zusammensaß. 

Spätestens als Angelika K. die Tür aufriss mit den Worten „Jetzt zeige ich es euch allen. Jetzt habt ihr wohl Angst“ sei sie von ihrer Absicht zu töten zurückgetreten, sagt die Richterin – so sie diese Absicht denn jemals gehabt hätte. Denn: Sachbearbeiterin Andrea L. saß unerreichbar für Angelika K. auf der anderen Seite des Tischs, zudem waren zehn weitere Personen im Raum. Dass sie ihre Tötungsabsicht auf alle Anwesenden ausgeweitet habe, glaubt die Kammer im Gegensatz zu Staatsanwaltschaft und Nebenklage nicht. „Dafür hatte sie kein Motiv“, so Eckert.

Keine Mordabsicht

Auch die Ausführung der Tat spreche gegen den Mordgedanken. Denn Angelika K. verspritzte nur einen Bruchteil der Liter-Flasche Spiritus – etwa 350 Milliliter. Sechs Anwesende wurden getroffen, das meiste landete jedoch auf Tisch und Teppich. Diese geringe Menge habe laut des Sachverständigen keine akute Gefahr bedeutet. Selbst wenn die 29-Jährige ein Feuer verursacht hätte, wäre dies leicht zu löschen gewesen, so Eckert weiter. Angelika K. habe daher auch nicht billigend in Kauf genommen, dass jemand sterben könnte. Ob sie das Feuerzeug tatsächlich betätigte, sei nicht bewiesen. Nur eine Zeugin will gesehen haben, dass sie das Zünd­rädchen drehte. 

Für Angelika K. spreche zudem, dass sie sich widerstandslos von zwei Mitarbeitern habe entwaffnen lassen. Allerdings, betonte die Richtern, habe die 29-Jährige durchaus Menschen verletzten wollen – und zwar nicht nur Andrea L., sondern alle im Raum. Deshalb habe sie den Spiritus großflächig verteilt und nach ihrer Entwaffnung gesagt: „Ich hätte doch Streichhölzer nehmen sollen.“ Sie sei auch nicht freiwillig von der Tat zurückgetreten, wie es die Angeklagte selbst zu Beginn des Prozesses geschildert hatte. Das Gericht glaubt ihr aber, dass sie nicht töten, sondern nur „erschrecken und schockieren wollte“. Auch die Zufriedenheit, die Zeugen im Gesicht von Angelika K. sahen, spreche für diese Variante. 

Den für versuchte gefährliche Körperverletzung möglichen Strafrahmen – zwischen einem Monat und fünf Jahren und sieben Monaten – schöpfte das Gericht nicht voll aus. Für Angelika K. spreche, dass sie keine Vorstrafen hat, die Tat einräumt und sich bei (fast allen) Zeugen entschuldigte. Zudem hatte sie zum Tatzeitpunkt ihren eineinhalbjährigen Sohn seit acht Wochen nicht gesehen. Als sie dann erfuhr, dass das Kind auch weiter bei der Pflegefamilie leben sollte, sei sie in einem emotionalen Ausnahmezustand gewesen, dem sie laut Richterin „weniger entgegenzusetzen hatte, als eine gesunde Person“. 

Schwer wiege allerdings das Leid, das Angelika K. bei den Opfern verursacht habe. „Die psychischen Folgen für die Betroffenen sind gravierend“, so Eckert. Zumal sie jeden Tag am Arbeitsplatz an die Ereignisse erinnert würden. „Das ist sehr belastend im Arbeitsleben.“

Opfer sind schockiert

Wie richtig diese Einschätzung der Richterin ist, zeigt sich nachdem alle den Gerichtssaal verlassen haben.  Da bricht Nebenklägerin Andrea L. weinend zusammen. Sie kann nicht verstehen, dass Angelika K. keine höhere Strafe bekommen hat. Auch die Anwälte der Nebenklägerin, Elke Zipperer aus Neunkirchen und Ingo Wamser aus Passau, sind über das Urteil enttäuscht. „Ich gehe davon aus, dass wir in Revision gehen“, sagt Zipperer.

Zufrieden ist dagegen Dirk Schaller, der Verteidiger von Angelika K., die den Urteilsspruch ruhig entgegennimmt. Das Gericht habe die Tat zu Recht als versuchte Körperverletzung und nicht als versuchten Mord eingestuft und die schwierige persönliche Situation seiner Mandantin berücksichtigt.           

N-Land Tina Braun
Tina Braun