Helmut Schleich im DHT

Nicht für dumm verkauft

Sinniert und grantelt gern: Helmut Schleich in Dehnberg.2018/06/Helmut-Schleich.jpg

DEHNBERG — Helmut Schleich gehört zu den Großen der deutschen Kabarett-Szene. Als Gastgeber des „SchleichFernsehen“ im BR ist der Münchner weithin bekannt. In seinem neuen Programm, das er jetzt im Dehnberger Hof Theater zeigte, vollzieht Schleich eine 180-Grad-Wende: weg von den Typen hin zum Rundumschlag. Im Großen ist das gelungen, im Detail noch gewöhnungsbedürftig.

„Kauf, du Sau!“ lautet der provokante Titel des Programms, das im Frühjahr im Münchner Lustspielhaus Premiere hatte. Man hatte ihm geraten, das etwas zu entschärfen, behauptet Schleich. Natürlich ist das nicht ernst gemeint. 50 ist er, ein Alter, in dem man kein Blatt mehr vor den Mund nehmen will. Er kann es sich leisten. Und hat ja auch recht: Konsum ist die neue Philosophie, der Mensch im Amazon-Universum dabei nicht selten eine arme Sau. Wer Kabarett mag, scheut klare Worte ohnehin meist nicht.

Die Beine lustvoll in die Bretter der Bühne in Dehnberg gestemmt, den kräftigen Körper gut ausbalanciert, serviert Helmut Schleich dem Publikum in der ersten Hälfte des Abends weniger Sonderangebote mit Kaufanreiz als vielmehr lästige Ladenhüter der täglichen politischen Debatte: Dieselfahrzeuge, Brexit, Kruzifix, Asylproblematik, Waffen, SPD, Trump, Merkel: Die Themen sind so zäh wie schwer aktuell. Alle hätten sie gern los. Doch sie füllen endlos die Regale.

Das Tempo, in dem der Münchner da durchgaloppiert, macht fast schwindlig. Die Antworten erfreuen. Horizontal und vertikal löst er im Schweinsgalopp das „unkorrekte Kreuzworträtsel“, kreiert listig immer neue, oft „saugute“, um im Terminus zu bleiben, Wortschöpfungen.

Das Lösungswort heißt am Ende allerdings nicht „Kauf du Sau“, sondern vielmehr „Vieles ungelöst“: Natürlich steht das Abendland nicht vor dem Untergang, obwohl Jesus nicht bewaffnet war. Natürlich sind Grenzen wichtig. Wie sollte man kleinen Kindern sonst den Schnuller abgewöhnen? Aber so richtig schön ist es auch nicht gerade. Und wirds wohl auch nicht mehr. Und das liegt nicht nur daran, dass so segensreiche Erfindungen wie das „Zieh“, Schleichs Eindeutschung der „Lokomotive“, im Nahkampf mit der Autolobby wohl auch in Zukunft verlieren wird.

Im Hinblick auf die Deutung dieser macht die Medienschelte richtig Spaß, weil die gelegentliche Eitelkeit der Akteure ja oft kongruent zu den bedeutungsschwangeren Analysen derselbigen über den Zustand der Welt geht. Aus denen zitiert Schleich genüsslich hinter der Kanzel.

Selber denken erwünscht

Unter der Lupe des Kabarettisten gesehen, geben die Hohepriester da nicht selten echte Plattitüden von sich. Und manchmal vermischen sich schon gewaltig die Zitate der Fortschrittsgläubigen und ewig Gestrigen. Vielleicht sollte nicht nur unter Leitartikeln, sondern auch unter Bühnenprogrammen, politischen Reden und Predigten am Ende öfter mal stehen: Selber denken erwünscht.
Auch Schleich will, dass mitgedacht wird. „Nicht einfach da hocken und warten, bis der Strauß kommt“, frotzelt er das Publikum gleich zu Beginn an.

Das alles ist gut, aber auch anstrengend. Strukturierter und luftiger wird es erst nach der Pause, als dann doch noch Franz-Josef Strauß den Söder zusammendampfen darf. Der steht ja aus seiner Sicht für Sinnsprüche mit Ewigkeitscharakter: „Bayern ist ein Land mit einer wunderbaren Heimat.“ Na dann.

Doch nicht nur in der Politik arbeitet sich Schleich an der jungen Generation ab: Ob die Rhabarbersaft-Schorle, die der Vorbildpapa mit Nachwuchs im Münchner Biergarten zum Sushi bestellt, oder sprachliche Gender-Korrektheit in Bilderbüchern, die so Skurrilitäten wie „Vatsie“ und Muttsie produziert: Irgendwie kommt seiner Meinung nach nicht so viel Gescheites nach.

Wie gut, dass es in Bayern wenigstens noch den Dialekt gibt. „Mia san mia“ schreibt sich allerdings eigentlich „Mir san Mir“. Im Russischen heißt „Mir“ „Frieden“: Mit Bayern und den in großem Umfang verkauften „Patronen aus Bavaria“ geht das nicht zusammen.

Es war immer die hohe Kunst des Münchners, anders als klassische Politkabarettisten, seine stets originellen Typen, die ebenso feinsinnige wie verbal mit der Keule schwingende Berseker sind, die Fallstricke der Thesen formulieren zu lassen, die die Welt erklären sollen. Die vermisst man in diesem Programm. Er hat sie wohl zugunsten politischer Aktualität geopfert.

Als Zugabe gibt es dann aber doch noch die „Ratzinger-Brüder“. Damit ist das Publikum nach einem langen und intensiven Abend wieder sehr versöhnt.

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger