Im Speikerner Tiefkühllager hat es konstant -21 Grad

Eiskalter Arbeitsplatz

Sieht aus wie die Vermummung eines Bankräubers, ist aber die normale Arbeitskleidung im Tiefkühllager. Uwe Lehniger schützt sich so vor der Kälte.
Sieht aus wie die Vermummung eines Bankräubers, ist aber die normale Arbeitskleidung im Tiefkühllager. Uwe Lehniger schützt sich so vor der Kälte. | Foto: Sichelstiel2017/01/leonhard-speikern-kuhlhaus-kalt-lehniger.jpg

SPEIKERN — Nach dem Schnee kommt die Kälte. Bis auf minus -16 Grad soll das Thermometer fallen. Uwe Lehniger und seine Kollegen zucken bei dieser Nachricht nur mit den Schultern. Sie arbeiten Tag für Tag bei -21 Grad im Tiefkühllager eines Speikerner Großhändlers für Bäckereibedarf. Das härtet ab.

Zur Arbeitskleidung von Uwe Lehniger gehören gefütterte Handschuhe und eine schwarze Sturmhaube, die nur die Augen freilässt. Dick vermummt ist der 43-Jährige, und doch kein Bankräuber oder Einbrecher. Er muss sich vielmehr gegen Kälte schützen. „Unseren Eisbär“, nennt ihn sein Chef, der Lager- und Fuhrparkleiter Lothar Meisel. Die beiden Männer arbeiten bei Leonhard & Saalfrank in Speikern. Das Familienunternehmen mit rund 70 Angestellten beliefert Bäcker und Konditoren in Bayern und Mitteldeutschland mit allem, was sie für ihre Arbeit brauchen. Dazu gehören neben Geräten und Verpackungsmaterialien in erster Linie die Zutaten: Mehl, Nüsse und Gewürze, aber auch Teiglinge und Früchte. Dafür gibt es in Speikern zwei Tiefkühllager. Dort herrschen rund ums Jahr -21 Grad.

Beim Betreten des mit 700 Quadratmeter größten der beiden Lager erschlägt einen der Temperaturunterschied fast, raubt einem für eine Sekunde die Luft. Wie muss das erst im Sommer sein, wenn die Differenz zwischen Innen und Außen bei 40 oder gar 50 Grad liegt? Lehniger hat sich daran gewöhnt. Krank sei er eher seltener, seit er hier arbeite, sagt er. „Manchmal wollen Lastwagenfahrer ohne Schutzkleidung nur schnell einen Karton mitnehmen oder bringen, die holen sich dann schon mal eine Erkältung“, so Lagerleiter Meisel. Sein Mitarbeiter trägt hingegen unter der Spezial­jacke nur ein T-Shirt, „sonst komme ich zu schnell ins Schwitzen“, sagt Lehniger.

Eiskristalle im Bart

Wenn er mit dem Gabelstapler durch die Regalreihen fährt, weht ihm ein eisiger Luftzug ins Gesicht. Mitunter hat der 43-Jährige dann Kristalle im Bart oder gar einen kleinen Eiszapfen an der Nasenspitze. Aber eigentlich ist die Luft im Tiefkühlager recht trocken, weshalb sich dort, anders als in der heimischen Kühl­truhe, keine Eisschicht bildet.

Der Lagerleiter schätzt, dass 80 bis 100 Tonnen Ware das Speikerner Firmengelände pro Tag verlassen. Etwa die Hälfte davon ist gekühlt. Längst nicht alle Produkte gehen dabei durch Lehnigers Hände, für Butter oder Sahne reichen Temperaturen über dem Gefrierpunkt. Die Kollegen, die damit arbeiten, können auf die Sturmhauben verzichten. Handschuhe tragen sie aber auch.

Maximal 90 Minuten am Stück

Weil die Arbeit bei -21 Grad schlaucht, gelten strenge Regeln. Maximal 90 Minuten dürfen die Männer am Stück im Tiefkühllager arbeiten, danach müssen sie sich aufwärmen. „Wenn man erst einmal durchgefroren ist, kann es schwer sein, wieder warm zu werden“, sagt Meisel. Profis haben dafür ihre Tricks, etwa einen zweiten Satz Schuhe, den sie an die Heizung stellen. Wegen der vorgeschriebenen Stahlkappen speichert das Schuhwerk die Kälte besonders gut. Lehniger setzt obendrein auf eine Tasse Kaffee. Am wichtigsten aber ist wohl dieser Tipp: „Immer in Bewegung bleiben.“

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel