Michael Lerchenberg im DHT

Marsch durch die Revolution

Sie blasen den Revolutionären im Dehnberger Hoftheater den Marsch: Die Musiker der Revolutionskapelle und Michael Lerchenberg erzählen vom November 1918. | Foto: Krieger2018/11/Lerchenberg.jpg

DEHNBERG — Ein Wintermärchen, das im Chaos endete – das war die Bairische Revolution von 1918. Michael Lerchenberg zeichnet die turbulenten Monate der bayerischen Geschichte im Dehnberger Hof Theater als sensibles Panorama einer von Hoffnungen, Träumen und Verzweiflung geprägten Zeit. Eine dichte Geschichtsstunde, aufgelockert von Musik, die feinfühlig auch die Gründe für das Scheitern der Revolutionäre nachvollzieht.

Seit Jahren widmet sich Michael Lerchenberg, der als Fastenprediger beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg und als Intendant der Luisenburgfestspiele in Wunsiedel einem breiten Publikum bekannt wurde, kleineren literarischen Darstellungsformen, zuletzt erfolgreich Programmen zu Ludwig Thoma und Karl Valentin, die er auch im Dehnberger Hof Theater zeigte.

Dass der 65-Jährige die bayerische Revolution aufgearbeitet hat, war sicher nicht Kalkül, weil das fast vergessene Kapitel der Geschichte gerade mit viel Tamtam seinen 100. Jahrestag feiert. Die erste und einzige bayerische Revolution ist vielmehr ein Stoff, der auch heute noch spannend zu lesen ist, weil er alles enthält, was Geschichte interessant macht: Träume, Scheitern, Kampf und Versöhnung. Und er ruft nach präziser Analyse.

Stapelweise Papier

Michael Lerchenberg gelingt dieser Spagat. Die Bühne des Dehnberger Hof Theaters, wo das Programm in diesen Tagen Vorpremiere feierte, ist allein der Thematik gewidmet. Lerchenberg als Vorleser lässt die Aufzeichnungen der Beobachter und Akteure der Revolutionsmonate für sich sprechen, stapelweise Auszüge aus Notizen, die die bewegten Tage in München mit der Entmachtung des letzten Königs Ludwig III. aus verschiedenen Blickwinkeln schildern. Lerchenberg hat die Dokumente chronologisch gegliedert, das Publikum im voll besetzten Saal wird mitten hineingeworfen in den November 1918 und die Zeit danach.

Trotzdem sich der Abend, unterbrochen nur von den Auftritten der Revolutionskapelle, eng an den historischen Dokumenten entlang hangelt, ist er alles andere als kommentarlos. Vielmehr ergeben sich aus der Zusammenschau und den zahlreichen Originalzitaten immer wieder fast schon erschreckende Bezüge zum Heute, wo Revolutionen aller Ortens ähnlich wie 1918 in letzter Konsequenz immer wieder an zu hohen Erwartungen und Unvermögen der Verantwortlichen scheitern, die ihrerseits alsbald in dieselben politischen Verhaltensmuster fallen wie die, die sie umzustürzen versuchen.

Frauen mit hohlen Augen

Bayern im November 1918 – das ist ein vom Krieg ausgemergeltes Volk, das Hunger und Not leidet. Nicht nur in München, in vielen Städten Bayerns haben die Menschen genug vom Krieg und wollen einen Neuanfang. Wie dieser aussehen soll, davon gibt es keine konkrete Vorstellung, einzig die Not soll endlich enden, die Erwartungen an den überzeugten Pazifisten Kurt Eisner und seine handvoll Mitstreiter sind hoch.

Vor allem, und das wird in den vielen kurzen Sequenzen, die Beobachter der Revolution wie der Schriftsteller Oskar Maria Graf, zu Papier bringen, deutlich, sind es die Frauen, die, „ausgemergelt vom Hunger“ des Krieges und der schweren körperlichen Arbeit in den Munitionsfabriken, die Revolution vorantreiben. Sie sitzen mit „hohlen Augen“ in den Versammlungen, wollen ihre Kinder endlich wieder satt sehen. 90 Prozent von ihnen gehen im 12. Januar 1919 zur Wahl des ersten Bayerischen Landtages, das Wahlrecht gilt nun endlich auch für Frauen, sie wollen nicht länger schweigen.

Doch die Revolutionäre bleiben die Antwort auf die Frage, wie es besser werden kann, schuldig, im Februar wird Kurt Eisner ermordet. In München brechen Unruhen aus, am Ende übernimmt ein vom Rätekongress eingesetzter Zentralrat die Macht und ruft am 7. April 1919 die Räterepublik aus. Landtag und die Regierung ziehen sich nach Bamberg zurück. Reaktionäre Freikorps schlagen die Revolution brutal nieder und beenden den Traum einer neuen Zeit, von Solidarität, Gerechtigkeit und Freiheit. Mehr als tausend Menschen haben diesen mit ihrem Leben bezahlt.

Im Kreuzfeuer der Kritik

Dass es letztlich auch die Revolutionäre selbst waren, die die bairische Revolution zum Scheitern brachten, weil sie um sich selbst kreisten und ihre in Hinterzimmern geborenen Ideen nicht unters Volk bringen konnten, ist eine Erkenntnis des Abends. Nur wenige Wochen dauerte es, bis Kurt Eisner nach der historischen Nacht des 7. November selbst im Kreuzfeuer der Kritik stand – der Revolutionär und Gründer der sozialistischen USPD macht, was viele selbst ernannte Befreier vor und nach ihm taten: Er erlaubt keine Kritik an seinem Programm, zieht sich in den Kreis der Unterstützer zurück, klammert das Volk aus.

Statt den freiheitlichen Sozialisten toben sich die Kommunisten aus, die hehren Ideen der Revolutionäre gehen unter im Wust der Theorien und Ideologien. Am Ende blieb von der Revolution die bis heute in Bayern tief verwurzelte Abneigung gegen linke Ideen jeglicher Art. Mit der großen Gefahr, auf dem rechten Auge blind zu sein, so das Fazit von Michael Lerchenberg.

Der Abend ist lehrreich und spannend, weniger Lesung, denn Schulstunde, unmittelbar und aufklärend. In der zweiten Hälfte hat das Programm Längen, hier würde sich die Straffung mancher Passagen empfehlen, um die Aufnahmefähigkeit des Publikums nach gut zweieinhalb Stunden nicht über zu strapazieren. Dieses applaudiert Michael Lerchenberg und den jungen Musikern der Revolutionskapelle, die mit Liedern etwa von Weiß Ferdl für Auflockerung sorgen, am Ende eines langen Abends kräftig, aber auch müde.

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger