Mal öfter „Danke“ sagen

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HERSBRUCK (kp) — Ist Arbeit lediglich Mittel zur Geldbeschaffung, gibt sie menschlichem Dasein einen tieferen Sinn oder ist sie – wie in Zeiten der Wirtschaftskrise von vielen Seiten zu hören – schlicht das, um das sich alles dreht? Beim 1. Hersbrucker Sozialforum des Bündnisses gegen Depression im Nürnberger Land diskutierten Politiker, Unternehmer, Kirchenvertreter und Mitglieder von Selbsthilfegruppen lebhaft und durchaus kontrovers über den „Wert der Arbeit “.

Bevor der ehemalige Grünen-Bezirksrat Paul Brunner die Diskussionsteilnehmer aufs Podium bat, stellten Christina Gietl vom Sozialpsychiatrischen Dienst und Erica Metzner von der Suchtberatungsstelle der Diakonie zwei exemplarische Fälle aus ihrer täglichen Arbeit vor. Dr. Alfred Schubert führte kurz ins Thema ein. Schließlich geht es ihm und seinen Mitstreitern im Vorstand des Bündnisses gegen Depression darum, mit dem in unregelmäßigen Abständen fortgeführten „Sozialforum “ den Blick auf die stetig wachsende Zahl psychischer Erkrankungen und deren Ursachen zu lenken.

Depressionen, Stress und Angst

Dass es zwischen Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Störungen und „Arbeit “ einen Zusammenhang gibt, sei keineswegs neu, sagte der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Schon 1993 stellte Michael Frese fest, dass „Arbeitslosigkeit zur schlechteren psychischen Gesundheit und geringeren Eigeninitiative beiträgt “. Noch gut zehn Jahre älter ist der (Lehr-)Satz: „Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto tiefer ist die Depression. “ Auch wer eine Stelle hat, ist nicht vor seelischen Erkrankungen gefeit – sei es wegen übermäßigen Stresses oder nagender Angst um den Arbeitsplatz.

Andererseits habe Arbeit auch etliche positive Auswirkungen auf die Psyche, sagte Schubert: sie strukturiert unseren Tagesablauf, ermöglicht soziale Kontakte, beeinflusst Status und Identität. Allerdings folge daraus nicht, dass „jede Arbeit besser ist als keine Arbeit “ – denn wer nicht von seiner Hände Lohn leben kann, wird sicher auch nicht glücklich.

Den Trend zu Ein-Euro-Jobs, Dumpinglöhnen und immer mehr Teilzeitstellen nannte Friedemann Breu vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der evangelischen Kirche Bayerns denn auch eine „gefährliche Entwicklung “, die es zu stoppen gilt. „Arbeit ist nicht alles “, sagte der Seelsorger, „und darf nicht unseren Wert und unsere Würde ausmachen. “

Genau das musste Uwe Rothämel von der „Freundeskreis “-Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke schmerzlich erfahren. „Ich habe mich immer nur über meine Arbeit definiert, und schließlich ein Alkoholproblem bekommen “. Dank eines Chefs, der sich seiner Verantwortung stellte und seinen Angestellten in die Therapie „zwang “, fand er einen Weg weg von der Flasche. Heute trocken, arbeitet er wieder in seiner ehemaligen Kellner-Stelle. Sein Selbstbewusstsein ziehe er nicht mehr aus einem Gläschen zwischendurch, sondern aus der Anerkennung von Kollegen und Kunden.

Wie wichtig die Wertschätzung anderer für unsere Psyche ist, unterstrichen alle Diskussionsteilnehmer. „Jeder meiner 18 Mitarbeiter weiß, wie wertvoll er für die Firma ist und wie wichtig für den Erfolg des Ganzen “, sagte Werner Kreuz, Inhaber eines Sanitär- und Heizungsbetriebs in Schnaittach. Das sage er seinen Bediensteten auch immer wieder einmal.

Arbeit ist auch die „Basis für unsere Gesundheit “, befand Hersbrucks Bürgermeister Wolfgang Plattmeier, und „ein wesentlicher Faktor des Wohlbefindens eines Menschen “. Sie sichere unsere Existenz und verschaffe uns Bestätigung. Die findet Thomas Reichelsdörfer von der Carisma-Arbeitstherapie, wenn er in der Werkhalle an der Ostbahnstraße psychisch-kranke Menschen auf ihrem Weg zurück auf den ersten Arbeitsmarkt begleitet: „Das gibt mir Zufriedenheit, und ich weiß, dass ich am richtigen Platz bin. “

Brigitte Richter von „Pandora “, einem Selbsthilfeverein Psychiatrie-Erfahrener, hält das unbedingte Drängen auf den ersten Arbeitsmarkt gleichwohl für „unsinnig “, weil dieser „die Leute erst krank macht “. Sie selbst arbeite seit elf Jahren nach einer psycho-affektiven Störung als Beschäftigungstherapeutin – die letzten sechs davon ehrenamtlich: „Da kann ich den Leuten viel besser helfen als in einem System, das sie nur noch kränker macht. “

In allen Beiträgen der von Michael Domes (stellv. Leiter des Luisenhauses in Vorra) und Michael Schubert (Leiter des Caritas-Langzeitwohnheims für psychisch Kranke in Hersbruck) co-moderierten Runde und auch in den Wortmeldungen der gut 30 Zuhörer spielte immer wieder ein Begriff eine zentrale Rolle – Anerkennung. „Und dafür gibt es zwischen einem simplen Danke und einer Gehaltserhöhung einen breiten Spielraum “, sagte Uwe Rothämel.

N-Land Hersbrucker Zeitung
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