Interview zu Einwohnerrekord im Landkreis

„Lieber vernünftig wachsen als schrumpfen“

Landrat Armin Kroder freut sich über die Rekordzahl von 169 332 Einwohnern im Nürnberger Land. „Ein vernünftiges Wachstum ist mir lieber, als eine Schrumpfung“, sagt er. | Foto: Braun2018/04/kroder-armin-einwohnerzahlen-nurnberger-land-e1523363285631.jpg

NÜRNBERGER LAND — 169 .332 Menschen, und damit so viele wie nie, lebten zum 30. Juni 2017 im Nürnberger Land (die komplette Tabelle mit allen Zahlen findet sich am Ende dieses Interviews). Warum der Landkreis so beliebt ist und wo noch Verbesserungsbedarf besteht, beantwortet Landrat Armin Kroder im PZ-Interview.

Herr Kroder, die Einwohnerzahlen im Nürnberger Land steigen kontinuierlich und kratzen schon an der 170 .000er Marke. Das dürfte sie als Landrat freuen.
Kroder: Das freut mich sogar sehr. Denn es zeigt, dass das Nürnberger Land beliebt ist. Mir ist jedenfalls ein vernünftiges Wachstum lieber als eine Schrumpfung. Es gibt genügend andere Landkreise in Bayern und bundesweit, die einen Bevölkerungsschwund beklagen, das ist eine deutlich größere Herausforderung, als die, vor der wir jetzt stehen.

Welche Herausforderungen sind das?
Kroder: Wir als Landkreis richten den Blick vor allem auf unsere Bildungseinrichtungen. Die Hauptaufgaben liegen aber in den Kommunen. Sie müssen für ausreichend Kinderbetreuung, Arbeitsplätze, schnelles Internet oder eine gute Mobilfunkabdeckung sorgen. Dabei geht es vor allem darum, Flächen zu finden, um Wohnen zu ermöglichen und Betriebe anzusiedeln, die wiederum Arbeitsplätze mit sich bringen. Hier brauchen die Kommunen die kräftige Unterstützung durch den Staat. Wir versuchen über Gremien wie den Gemeinde- oder den Landkreistag auf solche Themen aufmerksam zu machen.

2018/04/Bildschirmfoto-2018-04-10-um-14.36.50-e1523364590537.png
Wenn man sich die Entwicklung der Zahl ausländischer Bürger im Landkreis anschaut (siehe Infokasten) könnte man fast meinen, der Zuwachs liege allein an ihnen.
Kroder: Unsere ausländischen Mitbürger sind sicher ein Faktor. Neben anerkannten Asylbewerbern sind darunter auch viele EU-Ausländer, die bei uns heimisch geworden sind. Sie sind aber nicht alleine für die Steigerung verantwortlich. Wir haben auch einen starken Zuzug aus den Städten und es kommen auch wieder deutlich mehr Kinder auf die Welt.

Warum ist das Nürnberger Land für viele so attraktiv?
Kroder: Wir bieten die ideale Mischung aus Stadt und Land. Wir leben in einer der schönsten Gegenden Deutschlands und profitieren gleichzeitig von der unmittelbaren Nähe zur Großstadt Nürnberg. Bei uns findet man gute Arbeitgeber und noch bezahlbare Lebenshaltungskosten. Es gibt Statistiken, die zeigen, wie viel die Menschen sich mit ihrem Einkommen leisten können – da schneidet der Landkreis immer ganz gut ab. Auch wenn die Preise für Wohn- und Gewerbeflächen im Speckgürtel deutlich gestiegen sind. Von Münchner Verhältnissen sind wir zum Glück weit entfernt.

Sie sprechen es an: Während Kommunen wie Schwaig, Lauf oder Feucht wachsen, schrumpfen viele Gemeinden im Osten des Landkreises weiter. Ich denke da an Vorra, Hartenstein, Happurg oder Alfeld. Was tun Sie gegen diese Zweiteilung?
Kroder: Wir betreiben bewusst seit Jahren ein Regionalmarketing, das sich auf den ganzen Landkreis bezieht. Wir versuchen, die Vorzüge jeder Kommune hervorzuheben. Und da gibt es in den ländlichen Gemeinden viele, sie müssen mit ihren Pfunden nur wuchern. Zum Beispiel sind der Zusammenhalt und das Engagement für die Gemeinde am Land oft stärker ausgeprägt. Man lebt dort in einer wunderschönen Landschaft bei wesentlich günstigeren Preisen. Und selbst in den entlegensten Orten des Landkreises sind die Entfernungen zu den Städten überschaubar. Am Ende entscheidet aber jeder Bürger selbst, wo und wie er leben möchte. Ich kann nur jeden ermutigen, sich alle Gemeinden genau anzuschauen.

Glauben Sie, dass die ländlichen Gemeinden künftig wachsen werden?
Kroder: Auf jeden Fall. Weil immer mehr aufs Land ziehen wollen oder müssen. Zunächst aber wäre eine Stabilisierung das Ziel.

Wie hinderlich sind da Entscheidungen wie die geplante Schließung des Hersbrucker Krankenhauses?
Kroder: So etwas gibt natürlich eindeutig negative Impulse. Hier geht es um einen wichtigen Baustein der Daseinsvorsorge. Deshalb kämpfen wir ja auch so für Ziel A, den Erhalt des Krankenhauses, oder wenigstens Ziel B, ein Ärztehaus mit Bereitschaftsdienst. Zumindest bei letzterem sind wir einigermaßen zuversichtlich, dass es gelingt.

Sind Sie für Nachverdichtung oder die Ausweisung neuer Baugebiete?
Kroder: Für beides. Nachverdichtung ist immer gut, auch wenn es manchmal wegen Eigentumsfragen oder Bürokratie schleppend voran geht. Dann muss eine Gemeinde aber auch die Möglichkeit haben, sinnvoll neues Bauland auszuweisen.

Fürchten Sie dabei nicht, dass der Landkreis „zugebaut“ wird?
Kroder: Nein, diese Befürchtung habe ich überhaupt nicht. Zum einen gibt es hier viele wichtige Beschränkungen im Hinblick auf den Natur- und Landschaftsschutz. Zum anderen sehe ich, dass unsere Gemeinden dabei sehr behutsam vorgehen. Keiner holt da die Brechstange raus. Und die Wahlen sind doch die beste Kontrolle für die Bürger, um vor Ort Einfluss zu nehmen.

Was sagen Sie Bürgern, die sich über neue Nachbarn ärgern?
Kroder: Dass sie das Glück der Anderen zulassen sollten und dass Glück für jeden anders aussieht. Wenn neue, vielleicht recht eng ausgelegte Baugebiete entstehen, muss das nicht jedem gefallen. Mein Wahlspruch ist da: Leben und leben lassen. Ich glaube, dass das die meisten Menschen so sehen. Es ist aber auch wichtig, anzusprechen, was einem nicht passt. Das bringt die Gemeindepolitik voran. Wir wollen über das richtige Maß sprechen und uns gemeinsam weiterentwickeln.

2018/04/einwohnerzahlen-2017-landkreis.png

N-Land Tina Braun
Tina Braun