Ahmed aus Somalia hat Schreckliches vor und während seiner Flucht erlebt

Wenn es in der Heimat zu gefährlich wird

Die Wege der jungen Flüchtlinge sind auf einer Karte markiert. Der große dunkelblaue Pin rechts unten markiert den Beginn von Ahmeds Flucht. Über Äthiopien und den Sudan kam er nach Libyen. Von dort ging es weiter mit dem Boot nach Sizilien. Auf dem Landweg gelangte er nach München. Von dort wurde er nach Zirndorf gebracht und landete schließlich in Rummelsberg. Foto: Degenhardt2014/05/rummelsbergfluechtlingfluchtstrecke_New_1399449901.jpg

RUMMELSBERG – Ahmed aus Somalia hat eine eineinhalbjährige Flucht durch fünf Länder hinter sich. Dabei hat er Unvorstellbares erlebt. Ein Jahr davon verbrachte er in Gefängnissen. Seit Januar lebt er nun in der Abteilung für minderjährige Flüchtlinge im Berufsbildungswerk Rummelsberg. Was hat den damals 14-Jährigen bewegt, seine Heimat zu verlassen?

Ahmed (Name geändert) ist auf den ersten Blick ein normaler Junge: Er trägt ein weißes Puma T-Shirt und eine verwaschene Jeans. Er hat eine modische Frisur. Seine Haare sind an den Seiten kurz, in der Mitte länger. Er kam am 18. April 1997 zur
Welt. Seine großen braunen Augen erscheinen ausdruckslos. Während des Treffens lächelt er kein einziges Mal. Das ist nicht verwunderlich. Auf seinen Unterarmen hat er zwei wulstige Narben von Schnitten. Unter seinem Ohr prangt ein drei Finger breites Mahl. An beiden Beinen hat er kreisrunde Narben. Die Wunden an seinem Körper sind verheilt. Doch es sind die in der Seele, die sich wahrscheinlich nie schließen werden.

Ahmeds Martyrium begann im Januar 2012. In Somalia ist die Gesellschaft in Clans gegliedert. Sein Bruder hat ein Mitglied eines anderen Verbundes getötet, dafür wurde er von dessen Familie umgebracht. Auch die Familie des heute 17-Jährigen und er selbst schwebte in Gefahr. Zudem wollte ihn die islamistische, militante Bewegung al-Shabaab als Kindersoldat in den Sudan schicken. „Ich habe mich geweigert“, sagt Ahmed in einem Mix aus Englisch und Deutsch.

Zahlreiche Verletzungen

Sieben Tage und Nächte hielt ihn der al-Quaida-Ableger gefangen. Sie haben ihn mit Messern in die Arme geschnitten und seinen Hals mit einem glühenden Ast verbrannt. „Sie wollten, dass ich mich selbst umbringe“, erzählt er. Als er fliehen wollte, wurde er von den Männern von al-Shabaab aufgehalten. Die Islamisten verletzten ihn an den Beinen, sodass er nicht mehr laufen konnte. Ein anderer Gefangener hat ihn gerettet. Huckepack trug er ihn davon. Ahmed entschied sich, Somalia zu verlassen. Alleine. Sofort. Seine Eltern, zwei Schwestern und vier Brüder sind geblieben.

Immer wieder legt Ahmed die Hände vors Gesicht. „Er sagt immer, es geht ihm gut. Aber er ist schon ein paar Mal zusammengekracht“, sagt Sozialpädagoge Klaus Schnappauf, der sich mit seinen sieben Kollegen um die 18 minderjährigen Flüchtlinge aus verschiedensten Ländern (wir berichteten) kümmert.

Um seine Vergangenheit wenigstens einigermaßen zu verarbeiten, war Ahmed eine Zeit lang in der Psychatrie. Als er im Januar dieses Jahres – zwei Jahre nach Beginn seiner Flucht – nach Rummelsberg kam, schlief er im ersten Stock. Er ist schlafgewandelt. Und er hat nachts viel geredet. „Das hat sich gelegt“, sagt
Schnappauf.

Ahmed redet offen, gibt Antwort auf jede Frage. Er sucht den Blickkontakt. Auch, als er über den Verlauf der Flucht spricht. Seine erste Station war Äthiopien. Dort wurde er aufgegriffen und saß wegen fehlender Papiere im Gefängnis. „Wenn du Geld hast, kommst du raus, wenn nicht, dann nicht“, sagt der 17-Jährige. Er hatte keines.

Als er nach sechs Monaten wieder auf freiem Fuß war, ging es weiter durch den Sudan. Dort traf er Äthiophier und Eritreer, denen er sich anschloss. Drei Monate war er zu Fuß unterwegs durch die Sahara und Libyen, zu essen gab es fast nichts. Morgens und nachts durfte er einmal trinken. Das Wasser wurde streng rationiert. Nachts lief die Gruppe weiter.

Dann kamen sie im libyschen Schahada an. „Ich war so schwach und konnte nicht mehr laufen“, erinnert sich Ahmed. In Tripolis wurde er dann im Bus aufgegriffen und landete erneut für sechs Monate im Gefängnis. Er war der einzige Somali dort. Arabisch spricht er kaum. „Die anderen Gefangenen haben mir alles weggenommen“, sagt er. Essen, seine Decke. „Das war eine unvergessliche Zeit“, fügt er ausdruckslos hinzu. Durch ein Loch in der Gefängnismauer konnten er und andere fliehen. Nach wie vor wollte Ahmed nach Europa. Geld dafür hatte er nicht. Andere Somalis sammelten für ihn. Die Bootsfahrt hätte ihn eigentlich 700 Dollar gekostet. Etwa 400 konnten seine Landsleute für ihn zusammenkratzen. Er durfte mit.

Das Boot legte um 6 Uhr morgens ab. 88 Personen – Kinder, Frauen, Männer, darunter viele alte – waren an Bord. Drei Tage und Nächte verbrachte Ahmed auf offener See. Ohne Essen, ohne Trinken. Ein GPS-Gerät gab es nicht. Irgendwo im Mittelmeer kam dann ein größeres Boot. Der Motor des Flüchtlingsschiffes streikte.

14 Menschen starben

Etwa 28 Personen sprangen ins Wasser, in der Hoffnung, das rettende Boot zu erreichen. Einige ertranken. Etwa 14 Menschen starben, bis die Gruppe gerettet wurde. „Die Mannschaft wollte uns nach Malta oder Lampedusa bringen. Wir haben gesagt, dann sterben wir lieber gleich“, so Ahmed. Es hat sich herumgesprochen, dass die Bedingungen dort für Flüchtlinge schwierig sind. Schließlich kamen sie nach Sizilien. Zwei Wochen verbrachte Ahmed in Italien, dann kam er nach Deutschland.

Hier bricht er ab. Er schlägt die Hände vors Gesicht, kann nicht mehr weitersprechen, verlässt den Raum. Kurze Zeit später hallen islamische Gebete durch den fünften Stock des Berufsbildungswerkes. Er fährt oft nach Nürnberg in die Moschee.

„Manchmal Flashbacks“

Noch haben erst zwei der 18 Minderjährigen Flüchtlingsstatus. Das heißt, sie werden für drei Jahre geduldet. Danach muss erneut ein Antrag gestellt werden. Ahmed gehört nicht dazu. Wenn er den Status hat, kann er eine Ausbildung beginnen. Er will hier bleiben und Arzt werden. „So gut wie keiner der Jugendlichen wird abgeschoben werden“, ist sich Schnappauf sicher. Der Sozialpädagoge denkt, das es Ahmed in Rummelsberg gefällt, er sei hier „aufgeblüht“, auch wenn er „manchmal seine Flashbacks“ hat.

Mehrmals pro Woche nimmt er an Deutschkursen teil. In Rummelsberg sind ebenso ältere Flüchtlinge untergebracht. Auch somalische Frauen. „Die besucht er oft“, sagt Schnappauf. Vielleicht sind sie ein Stück weit Ersatzfamilie für ihn. Denn wo seine Eltern und Geschwister stecken, weiß er nicht. Er hat keinen Kontakt zu ihnen, denn auch sie sind vor dem anderen Clan geflohen. Ein Jahr kann er noch in der Abteilung für minderjährige Flüchtlinge bleiben. Dann ist er volljährig und muss woanders unterkommen.

N-Land Luisa Degenhardt
Luisa Degenhardt