Pippo Pollina solo im DHT

Poesie in der Stimme

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DEHNBERG — Vor über 30 Jahren verließ Pippo Pollina seine Heimat Sizilien und startete von der Schweiz aus eine Karriere als Liedermacher. In seiner Solo Tour 2018, die er jetzt mit zwei ausverkauften Abenden im Dehnberger Hof Theater begann, wagt der italienische Musiker einen ebenso musikalischen wie berührenden und heiteren Blick in seine Biografie.

Sizilien lässt ihn nicht los. 1984 wurde dort der Journalist Giuseppe Fava ermordet, der die Verbindungen zwischen der Politik und der Mafia öffentlich gemacht hatte. Er ist der erste, an den sich Pippo Pollina an diesem Abend im DHT erinnert. Eingespielt in Originaltonbildaufnahmen, läuft der letzte öffentliche Auftritt Favas über die Bühne. Nicht zuletzt sein Tod hatte den Musiker einst bewegt, seiner Heimatstadt Palermo den Rücken zu kehren. Die Mafia war das Geschwür seiner Jugend, das ihm den Atem zum Leben nahm.

Seine Autobiografie „Verse für die Freiheit“, an der Pollina, wie er erzählt, zwei Jahre lang schrieb, ist Ausgangspunkt für die Stationen des neuen Bühnenprogramms, in dem der Sizilianer nicht nur durch seine melodiösen, im Kern eher europäischen und weltmusikalischen, als italienischen Lieder überzeugt. Es ist vor allem die Bodenständigkeit und Authentizität, mit der Liedermacher beim Publikum, das an diesem Abend ganz gemischt ist, punktet.
Wenn er seinen Sängerinnen Roberta, Adriana und Maria – in Sizilien ein erfolgreiches Folktrio – immer wieder Raum und Bühne lässt, um ihre wunderbaren Stimmen und Lieder allein oder mit ihm gemeinsam zur Geltung zu bringen, wenn er kleine Anektdoten aus dem Familienleben erzählt, all das ist schön, intim, persönlich.

Konstantin Wecker war es, der Pollina in den 1990er Jahren an seine Seite holte und in Deutschland bekannt machte. Dass die Freundschaft an Weckers Drogensucht und dem für den jungen Sizilianer damals so gar nicht reizvollen und unsteten Groupieleben fast zerbrach, ist eine der sehr nachdenklich stimmenden Episoden des Abends, in der Pollina nichts beschönigt. Umso heiterer dagegen war die Begegnung mit den Musikern Schmidbauer/Kälberer, mit denen er Jahre Seite an Seite auf der Bühne stand.

Eingebettet in die Kapitel aus seinem Leben, steht die Musik dennoch ganz für sich. Zu Recht sagen Kritiker, dass der Italiener mit der schönen, mittlerweile nicht mehr ganz so rauen Stimme, bis heute im Vergleich zu seinen Kollegen immer ein bisschen unterschätzt wird: seine poetischen Balladen, die alten Volksweisen, die er im DHT intoniert, sind zeitlos schöne musikalische Liebeserklärungen an das Leben, von einem, der noch nicht satt ist, der noch immer daran arbeitet, die Welt ein bisschen besser zu machen. In Zürich, wo er seit Jahren mit seiner Familie wohnt, wird er zu seinem 55. Geburtstag im Mai zwei besondere Konzerte im Volkshaus geben. In Dehnberg kann sich das Publikum am Ende gar nicht loseisen, applaudiert stehend für noch eine Zugabe und noch eine.

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger