Veranstaltung für Einzelhändler in Lauf

Mit vereinten Kräften gegen Amazon, Zalando und Co.

Metzger Claus Böbel (rechts) berichtet den rund 60 Einzelhändlern und Referenten im Kulturraum der Pegnitz-Zeitung in Lauf von seinem ganz persönlichen Weg zum digitalen Erfolg. | Foto: Braun2016/06/einzelhandel-digitaler-wandel-vortrag-kulturraum-metzger-bobel.jpg

LAUF — Wer im Internet nicht präsent ist, wird vom Kunden vergessen – so die Botschaft einer Veranstaltung, zu der die Wirtschaftsförderung Nürnberger Land in den PZ-Kulturraum in Lauf eingeladen hatte. Drei hochkarätige Referenten zeigten auf, dass es allerhöchste Zeit ist zu handeln, dass sich der stationäre Einzelhandel aber mit kreativen Ideen und Mut zur Veränderung durchaus gegen die Konkurrenz von Amazon, Zalando und Co. behaupten kann.

Claus Böbel hat es geschafft. Seine kleine Metzgerei im beschaulichen 350-Seelen-Dorf Rittersbach im Landkreis Roth verschickt Fleischwaren in die ganze Welt. Steaks nach Nürnberg, Blut nach Österreich und Stierhoden an jeden, der eine Vorliebe für diese „Delikatesse“ hat. Der Weg zum Erfolg führt bei Claus Böbel über das Internet. Seit sechs Jahren bietet er unter www.umdiewurst.de seine Produkte an, zunächst nur Wurstdosen, heute eine umfangreiche Palette an Fleischwaren.

„Das Internet ist für mich ein Segen“, sagt Böbel. „Es sorgt dafür, dass meine Metzgerei auch an einem Standort wie Rittersbach überleben kann.“ Sein ebenso simpler wie unschlagbarer Wettbewerbsvorteil: die schiere Präsenz im Netz. Erst vor ein paar Wochen sei ein Kunde aus dem Raum Hersbruck zu ihm gefahren, um fünf Kilogramm Schweinespeck zu kaufen, erklärt der Fleischer. „Die hätte er im Nürnberger Land auch bekommen, aber woher soll er das wissen, wenn da kein Metzger online ist?“

Anfangen und dranbleiben

Von alleine kommt der Erfolg aber auch bei Böbel nicht. Jahrelang habe er viel Geld ins Internet investiert, bevor sich der Erfolg einstellte. Neben dem Online-Shop bietet er Kurse, Vorträge und Events an, postet regelmäßig auf Facebook und beantwortet Fragen von Kunden. Kurz gesagt: Der fröhliche, schlagfertige Franke mit den frechen Sprüchen verkauft nicht nur Wurst, sondern auch ein bisschen sich selbst – und ist damit Kult geworden. „Wer das beherrscht, kann den Verkauf auf Dauer gar nicht verhindern“, sagt er. Und Böbel muss es wissen. Schließlich macht er heute bereits die Hälfte seines Umsatzes im Netz.

Böbel sei ein perfektes Beispiel dafür, wie man aus seinem Geschäft eine Marke kreieren kann, bestätigt der Kommunikations- und Marketingexperte Christian Frick und regt die Einzelhändler an, selbst aktiv zu werden. Dabei gehe es vor allem darum, seine Stärken zu erkennen und zu bewerben, seine Werte zu kommunizieren, Zielgruppen konkret anzusprechen und ein Alleinstellungsmerkmal zu schaffen.

Vertrauen schaffen

Der Einzelhandel könne außerdem durch Service, Beratung, Qualität und Personal, aber auch durch eine sogenannte „Sales Story“ punkten, indem er dem Kunden nicht nur ein Produkt anbietet, sondern ihn auch emotional anspricht, durch eine persönliche Geschichte. Das schafft Nähe und Vertrauen – etwas, das große Onlinehändler nur selten erreichen.

Die Frage, ob ein Einzelhändler auch online präsent sein sollte oder nicht, stellt sich für Frick gar nicht erst. Ohne das Internet geht heute gar nichts mehr, ist er überzeugt. Ein guter Onlineauftritt sei eine notwendige Investition in die Zukunft. „Sehen Sie die Web-Präsenz als Empfangsmitarbeiter Ihres Geschäfts und investieren Sie auch ruhig ein Jahresgehalt“, ermutigt er die Einzelhändler.

Roland Wölfel vom Beratungsbüro Cima kann diese Aussage mit Zahlen unterstreichen. Der Marktanteil der Onlinehändler am gesamten Einzelhandel in Deutschland steigt rasant. 2015 waren es noch zehn Prozent, doch Hochrechnungen besagen, dass sich bis 2020 bereits 15,7 Prozent und bis 2025 gar 19,3 Prozent des Geschäfts im Netz abspielen wird. Im Textilbereich liegt die Quote sogar noch höher. Bereits in fünf Jahren, so die Prognose, soll ein Drittel aller Umsätze online erzielt werden.

„Es geht nicht darum, ob wird die digitale Transformation gut finden, sondern darum, wie wir damit umgehen“, sagt Wölfel deshalb. Der dritte Referent des Abends arbeitet derzeit mit den Kommunen Coburg, Pfaffenhofen und Günzburg an einem Pilotprojekt zur digitalen Einkaufsstadt in Bayern. Bei der Studie geht es unter anderem darum herauszufinden, was den Kunden wichtig ist. Die Händler müssten sich als „lokaler Anker“ neben den vielen globalen Anbietern etablieren.

Lokales Branchenportal

Besonders viel Potenzial sieht er in lokalen Branchenportalen, in denen alle heimischen Händler aufgelistet sind. Dort bekommen Kunden einen schnellen Überblick über die Geschäfte, Öffnungszeiten und das Gastronomieangebot, aber auch über Veranstaltungen, die Verkehrssituation oder lokale Nachrichten. Als Ergänzung schlägt Wölfel Apps vor und ein kostenfreies, öffentliches W-Lan. „Hier haben wir in Deutschland noch deutlichen Nachholbedarf.“

Pläne für solche Portale gibt es im Landkreis bereits. Neben Hersbruck und Altdorf, die im Alleingang etwas versuchen wollen, bemüht man sich in Lauf derzeit um eine größere Lösung – zunächst für die Kreisstadt, später für das gesamte PZ-Verbreitungsgebiet. Hausherr und PZ-Verleger Kai Herrmann erklärte, dass zurzeit Gespräche mit dem Anbieter „Yatego“ geführt werden, der solche lokalen Branchenportale bereits umgesetzt hat. Weitere Veranstaltungen dazu sollen folgen. „Die Zeit für ein solches Portal ist gekommen“, betont auch Jürgen Oriold, der Vorsitzende des Laufer und des Mittelfränkischen Einzelhandelsverbands. „Wir müssen den Kunden vor Ort endlich unsere Leistungsfähigkeit demonstrieren.“

Orientierung und Vorselektion

„Die großen Onlinehändler sind nicht defensiv und warten ab, überlegen, ob alles korrekt ist – sie machen einfach“, betont auch Konrad Weßner vom Marktforschungsinstitut Puls aus Schwaig. Deshalb müsse auch der stationäre Einzelhandel endlich reagieren. Es gehe um eine auf die individuellen Wünsche und die Lebensplanung des Kunden zugeschnittene Beratung, Orientierung und Vorselektion im teils unüberschaubaren Angebotsdschungel und darum, den Einkauf zum Erlebnis zu machen. „Wir müssen uns diesem Thema stellen“, sagt Weßner an die Einzelhändler gerichtet, „denn das Internet wird keiner mehr abschalten.“

Die Präsentationen der drei Hauptreferenten gibt es hier auf der Homepage der Landkreises Nürnberger Land.

N-Land Tina Braun
Tina Braun