Laufer Literaturtage: Peter Stamm

Ein Autor, der kein Besserwisser sein will

„Ich erwarte von der Literatur, dass sie mir die Augen öffnet“: Peter Stamm bei seinem Auftritt in der Laufer Bertleinaula.
„Ich erwarte von der Literatur, dass sie mir die Augen öffnet“: Peter Stamm bei seinem Auftritt in der Laufer Bertleinaula. | Foto: Sichelstiel2017/11/peter-stamm-literaturtage-lauf.jpg

LAUF — Er liebt die klare Form, kurze und gleichermaßen präzise Sätze: der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm. In „Weit über das Land“, seinem neuen Roman, den er am Mittwoch bei den Laufer Literaturtagen vorgestellt hat, geht ein Mann eines Tages einfach weg und lässt Frau und Kinder zurück. Aber warum nur? Stamm beantwortet diese Frage nicht, er liefert lediglich Anhaltspunkte. Am Ende, so viel wurde bei der Lesung in der mit knapp 300 Zuhörern besetzten Bertleinaula klar, darf jeder selbst eine Antwort finden. Diese Freiheit ist für den Hölderlin-Preisträger ein großer Vorzug der Literatur.

Der Plot von „Weit über das Land“, Peter Stamms 2016 erschienenem Roman, ist eigentlich schnell erzählt. Der Buchhalter Thomas bricht eines Tages aus seinem durchschnittlichen Leben – Frau, zwei Kinder, ein Haus mit „quadratischer Rasenfläche“ davor – aus. Er legt die Sonntagszeitung beiseite und geht einfach los. Thomas läuft und läuft. Er lässt seine Familie hinter sich, sein Dorf, seine Arbeit. Stattdessen streift er durch Wälder und zieht über Wiesen. Es wirkt, als sei er auf der Flucht: Thomas versteckt sich, er scheut sich, Spuren zu hinterlassen. Und so schläft er mal in einem verlassenen Wohnwagen, mal einfach nur im Dickicht der Bäume.

Weitermachen als einzige Option

Astrid, seine Frau, mag anfangs nicht so recht an sein Verschwinden glauben. „Papa kommt heute nicht zum Essen“, sagt sie ihren Kindern, „er hat viel zu tun.“ Thomas sei krank, erzählt sie hingegen dessen Sekretärin. Als aber alle Versuche scheitern, ihn ausfindig zu machen, selbst mit Hilfe der Polizei, bleibt ihr nur eines: weitermachen, auch wenn die Erinnerung an den Vermissten allgegenwärtig ist.

In der Laufer Bertleinaula hält sich Stamm, der neben Romanen auch Hörspiele und Texte fürs Theater verfasst, nicht mit langen Ausführungen auf. Der 54-Jährige nimmt seine Zuhörer einfach mit auf Thomas‘ Weg und lässt sie teilhaben an Astrids Ratlosigkeit. Mit kaum merklichem Schweizer Akzent und nur ab und zu unterbrochen durch einen Schluck vom Rotweinglas, liest er zunächst jene Passage, in der Thomas das Gartentürchen öffnet und losgeht. Anschließend schildert er Astrids Versuche, ihren Mann zu finden.

Offen bleibt, im Buch genauso wie an diesem Abend bei den Literaturtagen, was dessen Marsch durch die halbe Schweiz antreibt. Ist es die Durchschnittlichkeit seines Lebens, die ihn stört, die er hinter sich lassen will? Dafür sprechen Bilder wie jenes von den Büschen rund ums Haus, deren Schatten am Abend „ein dunkles Verlies“ bilden. Doch andererseits scheinen sich Stamms Hauptfiguren wirklich zu lieben. Alles ist perfekt, bis hin zu den gemeinsamen Abenden auf der langsam verwitternden Holzbank. „Es war“, heißt es im Buch, „als sei ihre Beziehung durch seine Flucht eingefroren.“ Auch das wäre eine Erklärung: Vielleicht will Thomas einfach nur die Zeit anhalten und er geht, weil es perfekter nicht mehr werden kann. „Wenn wir uns trennen, bleiben wir uns“, lautet ein Zitat aus Markus Werners Roman „Zündels Abgang“, das Stamm seinem Buch vorangestellt hat.

Was ist real, was Imagination?

Die vermeintlich einfach konstruierte Geschichte verzweigt sich. Der Autor bietet dem Leser plötzlich Varianten der Handlung an und lässt auf diese Weise das Ende des Romans offen. Welche Version real ist, welche nur Imagination, weiß nicht einmal ihr Schöpfer – oder zumindest behauptet er das in der Bertleinaula. „Jeder sucht sich ein Ende heraus“, sagt Stamm dem Publikum, „das erzählt dann vielleicht mehr über einen selbst als über die Figuren“.

Der Hölderlin-Preisträger, der durch sein literarisches Debüt „Agnes“ bekannt wurde, beantwortet alle Fragen, die ihm die Zuhörer stellen. Aber wer eindeutige Interpretationen sucht, wird an diesem Abend enttäuscht. Das passt zu Stamms Art des Schreibens, die viel mit Intuition zu tun hat. Er hat keine feste Gliederung, keinen Masterplan – er legt einfach los. „Am Anfang stehen Fragen“, sagt er, „oder Versuchsanordnungen.“ Seine Figuren lerne er in der Regel selbst erst während der Entstehung eines Romans kennen.

Stamm will nicht einmal deren Verhalten abschließend bewerten: „Klar, Thomas benimmt sich wie ein Schwein“, sagt er. Schließlich lasse dieser nicht nur seine Frau, sondern auch seine beiden Kinder zurück, ohne jede Erklärung, „aber er ist kein böser Mensch“. As­trid verurteile ihren Mann nicht, also könne er das auch nicht tun.

Der 54-Jährige, der sein Psychologiestudium abgebrochen hat, um zu schreiben, mag nicht eingeengt werden, weshalb er sich auch nicht an realen Gegebenheiten orientiert. Er erwarte von der Literatur, sagt er, „dass sie mir die Augen öffne“. Das unterscheide sie von der bloßen Unterhaltung.

Kein einfaches Buch

Auch wenn in „Weit über das Land“ durch die Perspektivwechsel, das abwechselnde Fokussieren auf Thomas auf Astrid, durchaus Spannung aufkommt – leicht zu konsumieren ist das Buch nicht. Zu sehr können einen all die offenen Fragen martern. Manchmal möchte man Thomas einfach nur packen und schütteln, auf dass er endlich aufhört, immer weiter zu laufen, und sich stattdessen für sein Verhalten rechtfertigt.

Aber andererseits: Für das reale Leben, an dem Stamm vor allem interessiert ist, gibt es ja auch keinen Beipackzettel. Kein allwissender Erzähler erklärt einem jeden Schritt, und oft genug bleiben die Motive der Handelnden im Unklaren. Das unterscheidet dieses Leben von seinem medialen Zerrbild.

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel