Feuerfrau von Egensbach

Künstlerin Anita Magdalena Franz und der Raku-Brand

Keramikkünstlerin Anita Magdalena Franz hebt eine Skulptur aus dem glimmenden Sägemehlbett. | Foto: U. Scharrer2018/09/Anita-1.jpg

EGENSBACH – 36 Grad zeigt das Thermometer an, die Sonne blendet und sticht. Anita M. Franz zieht sich eine glitzernde, feuerfeste Kappe in Übergröße mit verspiegeltem Sichtfenster über, die aus einem Zukunftsroman stammen könnte. Mit einer hüfthohen Zange hievt Franz ein rot glühendes Stück Ton aus der gasbefeuerten Tonne Marke Eigenbau, um die frisch gebrannte Skulptur in ein Polster aus Sägemehl umzubetten. „Hutmensch!“ klingt der gedämpfte Ausruf der Egensbacher Künstlerin unter dem Hitzeschutzhut hervor. Ihr Sohn springt auf das vertraute Codewort hin auf und hebt ihr die metallisch glänzende Kopfbedeckung ab, so dass sie für die wenigen Schritte vom Ofen zum Sägemehlhaufen sehen kann, wo sie hintritt. Das seltsame Ritual hat einen feurigen Hintergrund: Anita Franz stellt ihre Skulpturen in der althergebrachten Technik des Raku-Brandes her.

Vor dem Brennvorgang hat Anita Franz sicherheitshalber ihre Apfelbäume und den Rasen eingesprengt. Bei der alten, aus Japan stammenden Raku-Technik entsteht eine Menge Rauch, deswegen finden die meisten Vorgänge nach dem Formen im Freien statt. Anita Franz wischt sich den Schweiß von der Stirn und streut sanft etwas Sägemehl auf den glimmenden und leise rauchenden Sägemehlberg auf ihrer Terrasse. Die nächsten drei bis vier Stunden wird sie ihn nicht aus den Augen lassen.

Die dort eingelegte, im wahrsten Sinne das Wortes brandheiße Keramik hat das Holzmehl entzündet, allerdings werden stärker glimmende Ecken sofort wieder bedeckt, denn Luftabschluss ist das Geheimnis der interessanten Raku-Oberflächen. Eingebettet in organisches Material wie Laub, Gras oder eben Sägemehl wirken der Sauerstoffentzug, der entstehende Rauch und die im organischen Material enthaltenen Öle und Mineralien auf das glühende Stück Keramik ein, verändern die Glasur und auch die unglasierte Oberfläche. Es entsteht ein nicht zu wiederholendes Einzelstück. Die Vorgänge bei der Entstehung dieses Unikats lassen sich nur bedingt steuern.

Wie aus einem Raumschiff sieht ihre Feuerwehrhaube zum Schutz vor der extremen Hitze aus, wenn Anita Magdalena Franz die Keramik aus dem Gas-Brennofen entnimmt. | Foto: U. Scharrer2018/09/Anita.jpg

Anita Franz genießt diesen fein ausbalancierten Tanz zwischen Kontrolle und Zufall. Das „Loslassen“ und das „Zulassen“ gehört für sie zum Prozess. Der grob gekörnte und somit gegen die Temperaturschocks unempfindliche Ton wird beim Arbeiten für sie zum Gegenüber, das Material entwickelt eine eigene Dynamik und stellt seine eigenen Forderungen auf. „Der Ton formt mich ebenso wie ich ihn“, betont die Künstlerin, die im Brotberuf psychotherapeutisch tätig ist. Kein Wunder also, dass sich zwischen Leben und Werk stets feine Fäden hin und her ziehen, Bezüge entstehen, Vorgänge aus therapeutischen Gesprächen sich in Keramik niederschlagen.

Dabei braucht niemand zu befürchten, sich wiederzuerkennen: Franz` Werke sind reduziert, von archaischer Schlichtheit und befassen sich mit den großen Themen des Menschseins. Nachdem sie sich in den letzten Jahren mit „Frauen“ und „Paaren“ befasst hat, rückt nun der Mann in den Blickpunkt.

„Sobald der Geist auf ein Ziel gerichtet ist, kommt ihm vieles entgegen“, zitiert Anita M. Franz Johann Wolfgang Goethe. Sie meint damit die „Zufälligkeiten“, mit der bei der „Recherche“ zu ihrem Thema interessanter Lesestoff ihren Weg kreuzt oder Gespräche Neues eröffnen.

Käufer von Franz´ Keramik schätzen die vielen Schichten, die sich bei ihr im Ton ablagern, wenn sie damit arbeitet. Sie schätzen auch die bewusste Formgebung, die archaischen Vorbildern wie den geheimnisvollen Menschenbildern auf den Osterinseln viel verdankt. Und sie schätzen das einzigartige „Finish“, die rauchig-dunkle Oberfläche mit den nicht nur scheinbar willkürlichen Verläufen und Einsprengseln. Mit den Hochglanzglasuren von Gebrauchskeramik oder herkömmlichen Töpferwaren hat das wenig gemein.

Mit Argusaugen
Anita Franz hat sich viele Jahre fortgebildet, um die technischen Voraussetzungen für den Raku-Brand zu erlernen. Wo sonst Elektronik die Überwachung des Brennvorgangs übernimmt, bewacht sie zunächst den Brand im gasbetriebenen Fass-Ofen Marke Eigenbau mit Argusaugen und passt dann auf, dass das Bett aus Sägespänen genau so stark glimmt, wie sie es für angemessen hält. Hier sinkt der Anteil der Technik und gleichzeitig erhöht sich der handwerkliche Anteil.

Das alles ist zeitraubend, körperlich anstrengend und nicht ungefährlich: festes Schuhwerk ist wegen Funkenfall unumgänglich – und eben kurzzeitig auch die Schutzkappe, die aus dem Bedarf von Feuerwehrleuten stammt. Anita Franz liebt alles ums Zündeln herum und tat das schon als kleines Mädchen. Wenn sie damals auserwählt wurde, das Lagerfeuer anzuzünden, war sie in ihrem Element. Allerdings kamen damals nicht so schöne, elegante und zeitlose Ergebnisse heraus wie heute.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer