Akzeptanz von Flüchtlingen

„Kontakt ist A und O für Integration“

Alina Mörsdorf vor der Kleiderkammer der Neunkirchener Flüchtlingsinitiative „9kirchen hilft“. Seit die Asylbewerber angekommen sind, ist ihre Akzeptanz im Ort gestiegen, sagt die 32-Jährige. | Foto: Kirchmayer2017/09/Alina-Morsdorf-9kirchen-hilft-Bachelorarbeit.jpg

NEUNKIRCHEN — Wie reagieren die Neunkirchener auf das Asylbewerberheim im Ortsteil Speikern? Alina Mörsdorf hat ihre Mitbürger befragt, bevor und nachdem im August 2016 die ersten Flüchtlinge kamen, und zum Thema eine Bachelorarbeit geschrieben.

Frau Mörsdorf, Sie haben im Studiengang Soziale Arbeit im Fach Soziologie an der evangelischen Hochschule in Nürnberg eine Bachelorarbeit über die Akzeptanz von Flüchtlingen geschrieben. Wie kamen sie auf das Thema?
Mörsdorf: Die Situation vor über einen Jahr, als es wegen den Asylbewerbern deutschlandweit einen Aufruhr gab, hat mich fasziniert und beunruhigt. Dass ein Thema deutschlandweit so viele starke Emotionen wie das freisetzt, habe ich noch nie erlebt. Das hat mir Angst gemacht.
Sie haben Ihre Mitbürger im Juli 2016, also kurz bevor die ersten Asylbewerber nach Speikern kamen, und erneut im Oktober 2016 per Fragebogen um ihre Meinung gebeten. Was waren Ihre Erwartungen?
Mörsdorf: Die prickelndste Frage für mich war, welche Meinung die Mehrheit hat: Pro oder contra Asylbewerberheim und damit letztlich auch Asylbewerber. Außerdem war es wichtig zu sehen, ob es in der zweiten Umfrage einen Wandel gibt, ob die Leute ihre Meinung anpassen können.
Ihre Bachelorarbeit basiert auf der Kontakthypothese des Psychologen Gordon Allport. Diese besagt, dass häufiger Kontakt zu anderen Gruppen Vorurteile mindert. Die Ergebnisse Ihrer Fragebögen zeigen, dass die Neunkirchener tatsächlich toleranter geworden sind, seit die Asylbewerber in Speikern eingezogen sind.
Mörsdorf: Damit bin ich sehr zufrieden! Das macht mich zu einer stolzen Neunkirchenerin. Die Bürger haben ein hohes Maß an sozialem Engagement. Sie sind es gewöhnt, ihr Leben selbst zu gestalten.
Es gibt also Ihrer Meinung nach einen Zusammenhang zwischen individueller Lebenseinstellung und der Akzeptanz von Asylbewerbern?
Mörsdorf: Ja, meine Studie weist das nach.
Das heißt umgekehrt, jemand, der ein Leben nicht selbst im Griff hat, hat mehr Angst vor Veränderung von außen?
Mörsdorf: Genau. Übrigens hat die Informiertheit eine große Rolle gespielt. Menschen, die mit dem Inhalt der Informationen aus Zeitung oder von der Gemeindeverwaltung nicht zufrieden waren, haben angegeben, sich nicht gut informiert zu fühlen und umgekehrt. Letztlich sind die meisten zufrieden und fühlen sich auch gut informiert.
Wie nutzen Sie diese Erkenntnis?
Mörsdorf: Ich habe dem Rathaus weitergegeben, dass es einen hohen Stellenwert für die Bürger hat, informiert zu sein. Außerdem schauen wir von „9kirchen hilft“, dass wir so viele Berührungspunkte wie möglich zwischen Asylbewerbern und Bevölkerung schaffen. Vor allem Aktionen, bei denen man sich auf Augenhöhe begegnen kann, sind wichtig. Kontakt ist das A und O für Integration.
Was hat Sie am meisten überrascht?
Mörsdorf: Wie praktisch die Menschen denken. Ihnen ist viel wichtiger, dass die Geflüchteten Deutsch lernen, als dass sie ihre Kultur aufgeben. Das fand ich sehr positiv.
Vor zwei Jahren wurde die Flüchtlingsinitiative „9kirchen hilft“ gegründet, Sie sind eine der Sprecherinnen. Wieso engagieren sie sich?
Mörsdorf: Ich habe als Kind und Jugendliche einige Jahre in Portugal gelebt und weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, anders oder schlechter behandelt zu werden, nur weil man Ausländer ist. Ich hatte das Gefühl, verurteilt zu werden. Das ist ein ganz hässliches Gefühl. Ich tue mein Bestes, dass es hier nicht so läuft.
Was macht „9kirchen hilft“, um Kontakt zwischen Flüchtlingen und Bürgern herzustellen?
Mörsdorf: Wir beteiligen uns zum Beispiel am Sommerfest in Neunkirchen mit einem eigenen Stand. Wir haben einen syrischen Koch. Er hat dort auf sich aufmerksam gemacht und mittlerweile eine Vollzeitstelle bekommen. Außerdem steht der Garten in der Ortsmitte von Neunkirchen allen offen. Im Haus gibt es die Kleiderkammer. Sie steht allen offen. Hier können sich Geflüchtete kostenlos Kleidungsstücke aus zweiter Hand besorgen. Es kommen aber auch immer wieder deutsche alleinerziehende Mütter. Außerdem haben wir ein Nähzimmer. Ein syrischer Schneider näht hier auch für den Kinderhort.

Interview: Andreas Kirchmayer

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer