Christian Schüle in Unterkrumbach

Heimat – Fluch oder Segen?

Autor Christian Schüle bei seiner Lesung. | Foto: M. Scholz2017/11/DSC_7817.jpg

UNTERKRUMBACH – Der Kopf ringt mit einem Gefühl. Auch so ließe sich das einst verpönte und aktuell sehr populäre Wort Heimat treffend beschreiben. Darum ging es bei der Lesung von Christian Schüle bei den „Möbelmachern“ in Unterkrumbach. Der Zeit- und Buch-Autor beleuchtete das Phänomen psychologisch, historisch und politisch. In der Diskussion mit dem Publikum am Ende mündete sein philosophischer Diskurs aber wohl unweigerlich ins große Flüchtlingsthema.

Gastgeber herwig Danzer gibt in seiner Begrüßung offen zu, dass er früher ein eher ablehnendes Verhältnis zum aus der NS-Zeit belasteten Wort „Heimat“ hatte. Als es vor 16 Jahren um den Namen für die Regionalprodukte aus dem Nürnberger Land ging, habe er es nicht Heimat nennen wollen, was da „auf‘m Teller“ landet. Und jetzt ist es in aller Munde, und vor ihm sitzt ein von ihm geschätzter Autor und erklärt auf intellektuell faszinierende Weise, wie das aktuelle Weltgeschehen mit dem Begriff zusammenhängt. „Heimat – ein Phantomschmerz“ heißt das Buch, aus dem Schüle zwei Stunden lang vor etwa 70 Zuhörern Passagen liest.

Martin Lösch von der gleichnamigen Buchhandlung leitet als zweiter Gastgeber den Abend ein. Ihm sei bei der Lektüre des Buchs erst bewusst geworden, wie viele derzeit bewegende Themen der Begriff „Heimat“ zusammenführe. Ihm gefiel, wie sich Schüle darin am Grundwert der Menschlichkeit entlangbewegt und wie er das Flüchtlingsthema in einer Gegenüberstellung zu verdeutlichen sucht: Der flüchtende Homo sacer, der nichts als seinen Körper hat und ankommen will, trifft auf den berechnenden Homo faber, der reflexartig sein Revier verteidigen will.

Schüle beginnt seine Lesung im Halbdunkel. Heimat ist hier ein Geborgenheitsraum, ein Kirchturmschlag, der etwas tief Vertrautes in uns auslöst: ein quasi religiöses Gefühl. Im Buch und auch bei der Lesung landet er ganz am Schluss wieder bei diesem Geborgenheitsgefühl. Dann aber, nach sehr klärenden 250 Seiten, bei vollem Bewusstsein und wesentlich sortierter.  Auf dem Weg dahin beklagt er den grassierenden Verlust des heimatlichen Kulturlandes durch die Gleichmacherei multinationaler Konzerne und definiert nationalistische Abgrenzungen als unbegründeten Unsinn. Denn weder ein Volk noch eine Sprache und erst recht keine Religion stünden gottgegeben für nur eine Nation. Diese missdeutete Heimat sei konstruiert und müsse Tag für Tag künstlich bestätigt werden.

Schüle appelliert an seine Zuhörer, es sich beim Thema Rechtspopulismus aber nicht zu leicht zu machen. Die AfD habe nicht nur Extremisten in ihren Reihen, sondern auch Menschen, die glauben, zu kurz zu kommen oder angstgeplagt sind. Es gehe um Gefühle, dagegen hülfen nur profunde Antworten und positive Heimat-Begriffe. Er kommt an dem Abend mehrfach darauf: Jeder sollte sich klar machen, dass in jeder Familie eine Vertriebenengeschichte stecke. Schüle argumentiert vielfältig für ein Jedermannsrecht auf Heimat. Seinen Zuhörern gibt er an der richtigen Stelle zu bedenken: „Wenn Menschen mit liberaler Haltung keine Grenzen ziehen, dann tun es andere – wollen wir das?“

Dann betritt Schüle den Boden der Utopie, wenn er als Gegenrezept zur bedingungslosen Globalisierung, die auch seiner Ansicht nach zur enormen Flüchtlingsbewegung beiträgt, eine Welt voller Kleinstregionen empfiehlt. Wirtschaft und Sozialleben würden staatenlos besser funktionieren – in kleinen Parzellen, die miteinander kooperieren. Alles mit Maß und Verstand, so dass dieses System wieder guten Gewissens an die Nachkommen weitergegeben werden kann. Auch als verbindendes Heimatgefühl.

N-Land Michael Scholz
Michael Scholz