Wahlkampf im PZ-Land findet eher off- als online statt

Kaum Stimmenfang im Netz

Alexander Horlamus auf Facebook: Der SPD-Kandidat pflegt seine Seite „zu 95 Prozent selbst“, sagt er. Hin und wieder helfen die Jusos aus. | Foto: Repro: PZ2017/09/hormalus-social.jpg

NÜRNBERGER LAND — Der Bundestagswahlkampf, so digital wie nie? Was für die Berliner Parteizentralen zutrifft, die Millionensummen in Online-Werbung stecken, gilt im Nürnberger Land nur eingeschränkt. Während die eigene Webseite inzwischen Standard ist, sind längst nicht alle der neun Direktkandidaten in den sozialen Netzwerken aktiv. Um Wählerstimmen wird zumeist noch analog geworben: mit Plakaten und am Infostand.

Geht man nur nach Followern, also digitalen Abonnenten, hat Marlene Mortler den Wahlkampf im Netz schon für sich entschieden. Sie will am 24. September zum fünften Mal in den Bundestag einziehen. Die Dehnberger CSU-Abgeordnete hat über 3100 Nutzer auf der Kurznachrichten-Plattform Twitter (www.twitter.com/marlenemortler), auf der auch US-Präsident Donald Trump seine gefürchteten Verbalattacken veröffentlicht. So viele Follower kann keiner ihrer Mitbewerber vorweisen. Allein: Mortler nutzt Twitter seit 2015 nicht mehr. Auch auf Facebook, dem sozialen Netzwerk, das nach eigenen Angeben zwei Milliarden Nutzer hat, ist sie derzeit nicht aktiv.

Shitstorms und Morddrohungen

Mortler erklärt das so: Als sie 2014 Drogenbeauftragte der Bundesregierung geworden sei, „gab es regelrechte Shitstorms“. Vor allem Befürworter der Legalisierung von Cannabis nahmen die Dehnbergerin ins Visier. Davon zeugen Facebook-Seiten, auf denen sich neben Bildmontagen – Mortler mit Joint, Mortler als Drogenboss – sogar Morddrohungen finden. „Unzählige Posts und Kommentare unterhalb der Gürtellinie“, so die 61-Jährige, hätten bei ihr zu der Erkenntnis geführt: „Das ist keine konstruktive Kommunikation.“ Deshalb habe sie ihre Profile bei Twitter und Facebook „auf Eis gelegt“.

Ohne CSU-Inhalte aus dem Nürnberger Land müssen Facebook-Nutzer aber dennoch nicht auskommen. Über Wahlkampftermine berichtet die Seite des Christsozialen-Kreisverbands (www.facebook.com/CSU.Nuernberger.Land). 418 Personen haben die Status­updates abonniert. Die Bundeskanzlerin sei „klare Siegerin“ des TV-Duells, erfuhren die Nutzer etwa am vergangenen Wochenende, dazu gab es Bilder vom „Public Viewing“ der Jungen Union.

Derartige Werbung in eigener Sache macht fast jede Partei. Selbst wenn der jeweilige Kandidat nicht in den sozialen Medien zu finden ist, so wie Walter Stadelmann, der für die ÖDP antritt: Die Kreisverbände rühren die Werbetrommel. Manche haben dabei nur eine zweistellige Zahl an Followern, etwa die Grünen (www.facebook.com/GrueneNuernbergerLand), andere knacken die 500-Nutzer-Marke, zum Beispiel die SPD (www.facebook.com/spdnuernbergerland). Zum Vergleich: Alleine die Seite des CSU-Staatssekretärs Stefan Müller aus dem Nachbarlandkreis Erlangen-Höchstadt verfolgen rund 5800 Menschen. Das Nürnberger Land kann also noch ordentlich aufholen.

Bilder fallen am besten auf

In der Regel gehören zum digitalen Wahlkampf Fotos von Ortsterminen mit den Kandidaten und Infoständen, aber auch sogenannte Share­pics, Bilder, die mit plakativen Sprüchen versehen werden. Beliebt sind sie, weil sie schneller auffallen als reiner Text. Die Parteizentralen in den Ländern oder im Bund bieten eigene Programme oder Webseiten an, mit denen sich Sharepics im offiziellen Design erstellen lassen. Andreas Neuner, der Rückersdorfer FDP-Direktkandidat, hat erst seit Mitte Juli eine eigene Facebook-Seite, sie wimmelt aber von solchen Bildern (www.facebook.com/NeunerAndreas).

Deutlich individuellere Fotos veröffentlichen die CSU-Bewerberin Mortler und ihr Büro auf Instagram, dem Online-Dienst, der oft als jener Ort im Netz geschmäht wird, an dem Hipster die schönsten Auf­­­nahmen ihres Mittagessens posten. Bei Mortler gibt es kein Sushi, sondern Artelshofener Zwiebelkuchen, passend zum Slogan „Mit Herz für die Heimat“ (www.instagram.com/marlene.mortler.csu). Die Plattform, so die 61-Jährige, „stellt Bilder und damit Emotionen ins Zentrum. Wahlentscheidend sei das aber „sicherlich nicht“. Generell gelte: „Ein Like ist schnell gesetzt, aber es geht nichts über den direkten Kontakt.“

Marlene Mortler (CSU) hat sich für die Foto-Plattform Instagram entschieden, um ihren Slogan „Mit Herz für die Heimat“ zu bebildern. | Foto: Repro: PZ2017/09/socialmedia-mortler.jpg

Dem stimmt Alexander Horlamus zu. Der 33-jährige Laufer Rechtsanwalt will Mortler das Direktmandat für die SPD abjagen. „Mir ist das persönliche Gespräch wichtig“, sagt er. Obwohl er altersmäßig näher dran ist an der Smartphone-Generation als seine Konkurrentin ums Amt, ist er kein Social-Media-Nerd. „Mit Twitter kenne ich mich nicht aus“, gesteht er, auch wenn ihm die Jusos einen
Account angelegt haben (www.twitter.com/alexistmoeglich). Der hat gerade einmal sieben Follower. Auch auf Instagram ist der SPD-Kandidat eher pro forma vertreten (www.instagram.com/alexistmoeglich).

Facebook hingegen ist für die Sozialdemokraten im Nürnberger Land ein wichtiger Kanal. Vor allem die Jusos geben sich hier kreativ und angriffslustig, posten eine Persiflage eines FDP-Wahlplakats oder spielen zum TV-Duell „Merkel-Bullshit-Bingo“ (www.facebook.com/JusosNurnbergerLand). Den eigenen Facebook-Auftritt mit 270 Likes (www.facebook.com/alexistmoeglich) pflegt der Kandidat „zu 95 Prozent selbst“, wie er sagt. Auch auf Anfragen von Nutzern antwortet Horlamus, nicht sein Team. „Das meiste kommt aber über E-Mail“, so der 33-Jährige. Über die sozialen Medien erreiche er aber dennoch längst nicht nur die Jugendlichen, „ich habe auch 80-Jährige, die mir da folgen“.

So richtig digital sei der Wahlkampf vor Ort nach wie vor nicht, konstatiert einer, der es wissen muss: der Hüttenbacher Pirat Jonas Schwemmer, der sich ebenfalls um das Direktmandat im Wahlkreis Roth/Nürnberger Land bewirbt. Auch wenn er und seine Parteifreunde „alle in den sozialen Netzwerken unterwegs“ sind: Die intensivsten Debatten werden auch bei den Piraten (www.facebook.com/piratenLAU) nach wie vor an den Infoständen und bei den regelmäßigen Piraten-Stammtischen geführt.

Umstrittene Online-Werbung

„Im Netz geht viel von den Bundesverbänden aus“, sagt der 25-Jährige. Sie sind es auch, die Online-Anzeigen schalten, etwa bei Google oder auf Facebook. Dort lassen sich Zielgruppen recht präzise ansprechen: Nur Männer oder Frauen ab einem bestimmten Alter etwa, oder alle, die in einer bestimmten Region leben. Das sogenannte Microtargeting, also die gezielte Beeinflussung von einzelnen Bevölkerungsgruppen, ist eine umstrittene Praxis. „Wir wollen uns darauf nicht einlassen“, sagt Schwemmer, „das ist datenschutztechnisch nämlich eine Katastrophe“.

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel