Regenauers „Nützel“ zurück auf der Bühne

Karma war gestern

Bernd Regenauer ist als Nützel zurück auf der Bühne. Im neuen Programm verkauft er „Erleuchtung“. | Foto: Krieger2017/10/NutzelErleuchtung1.jpg

Premiere für Bernd Regenauers neues Nützel-Programm im Dehnberger Hof Theater. Ein Abend zwischen Euphorie und Verzweiflung. Eingefleischte Nützel-Fans müssen sich diesmal warm anziehen.

So kannte man ihn bislang nicht. Harald Nützel, der stets etwas träge, in die Tiefe und Breite der Seele philosophierende Aktentaschenträger, als hyperaktiver Mentaltrainer im grellroten Anzug, der die Botschaften eines Gurus unters Volk bringen will.

Lebenskrise oder Selbsterfahrung? Der Trailer zu Beginn, in dem Nützel seinen Söder schnöde verlässt, deutet das nur an. Innere Leere oder so. Jedenfalls mag er nicht mehr im Heimatministerium sein, wo es ihm augenscheinlich ja bis neulich noch ganz gut ging. Aber wer weiß schon, wie Glück sich anfühlt.

Vom Selbsterfahrungstrip zurückgekehrt, erwirbt Nützel eine Lizenz als Trainer für Jerry Saltzmann. Der angebliche Guru aus Kalkutta entpuppt sich als ehemaliger amerikanischer Börsenhai und verkauft nach dem Crash nun vom Anspruch ans Leben gestressten Menschen eine krude Mischung aus Platitüden und pseudo-religiösen Lehrsätzen. In der Videoeinblendung kommt er wie eine Mischung aus Sektenchef und Islam-Prediger rüber. Die Einspieler der „Erleuchteten“, die nach dem Einstiegsseminar den Geldbeutel offen ließen, machen aber klar: Saltzmann bringt´s.

Nicht so Nützel. Der Franke arbeitet sich an den Lehrsätzen, für die er eine Lizenz erworben hat, gestresst ab. Achtsamkeit war gestern. Eine videoüberwachte Marionette des Erfolgstheaters, was einem beim genauen Hinsehen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die eigene Erleuchtung ist längst passé, die auswendig gelernten Sätze verquirlen sich, nichts klappt. Auch die versprochene Unterstützung der Firma erweist sich als Marketing-Gag.

Nützel ist so allein wie noch nie. Bald hat man Mitleid mit dem Typen, der da vorne auf der Bühne steht und das Publikum mit Phrasen bombardiert. Chakka Chakka im Takt. Nach der Pause beginnt die erwartete Demontage der Glücksindustrie. Am Ende leuchtet nur noch eine Kerze. Der gebrochene Mensch im Dunkeln kann einem fast Angst machen. Wodurch ist er so geworden?

Der „Weg zur Erleuchtung“ ist Bernd Regenauers sechstes Nützel-Programm und es bricht mit Traditionen. Abgesehen davon, dass der Abend schon ein paar Längen hat, vermisst man irgendwie Nützel, wie man ihn kennt. Insbesondere in der ersten Hälfte des Abends gibt es wenige Momente, in denen man den Franken so erlebt wie früher: Grantelnd, aber liebenswert. Auch in der zweiten Hälfte des Programms ist der Mann hier weit weg von sich. Das Frotzeln über die Welt ist der Schärfe und der Enttäuschung über die selbige gewichen.

Für das Publikum ist das nicht einfach. Natürlich gibt es einige echt nette Gags, insbesondere bei den Einblendungen und es wird auch immer wieder gelacht. Der Irrsinn der Selbstoptimierungs-Verkünderer mündet in Powerpointfolien und spuckt absurde Statistiken aus. Auch charmante Wortspielereien und Ausflüge ins Ironische sind drin. Da ist Regenauer voll auf Höhe.

Doch insgesamt ist das zu wenig, um der Satire auf das Thema, und darum geht es ja im Kabarett, eine echte und in sich schlüssige Kontur zu geben. Es ist stattdessen, trotz der vermeintlich lockeren Oberfläche, ein sehr ernstes Programm mit vielen Ebenen drunter und drüber, mit Bögen, die am Ende aber zum Teil nicht aufgelöst werden. Jedenfalls nicht in der Figur des Nützel. Man wünscht sich, dass ihm einer wieder das Licht anknipst. Die Welt ist nicht so dunkel.

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger