Briefwahl ist beliebte Alternative

Jeder Dritte macht sein Kreuz daheim

Vor allem bei Älteren ist die Briefwahl beliebt. Im PZ-Gebiet sind es vor allem die Rückersdorfer und Ottensooser, die diese Möglichkeit nutzen. | Foto: PeJo29/Thinkstock2017/09/wahlbrief-briefwahl-bundestagswahl.jpg

NÜRNBERGER LAND — Am 24. September ist Bundestagswahl – doch dieses Datum stimmt längst nicht für alle. Denn die Briefwahl erfreut sich so großer Beliebtheit, dass etwa jeder dritte Wähler sein Kreuz nicht mehr am Sonntag in der Wahlkabine macht.

Die CSU um Bundeskanzler Konrad Adenauer warb 1957 mit dem Wahl­slogan „Keine Experimente“, die SPD war noch vor der Umsetzung des Godesberger Programms eine linke Partei, die Wahlbeteiligung lag bei fast 88 Prozent. Die Bundesrepublik war noch jung, als es vor genau 60 Jahren zum ersten Mal möglich war, per Brief seine Stimme abzugeben. Nur fünf Prozent der Wahlberechtigten griffen darauf zurück, denn die Briefwahl musste wohl begründet sein.

2017 ist die Briefwahl für viele Bürger auch im Nürnberger Land Normalität geworden. Denn die Beantragung ist seit 2008 nur noch eine Formalität. Von 69 725 Wahlberechtigten im PZ-Gebiet, das neben neun Kommunen im Nürnberger Land auch Eckental umfasst, haben bereits bis Mitte dieser Woche über 18 000 Bürger ihre Briefwahlunterlagen beantragt. Nachdem diese Möglichkeit sogar noch bis Freitag kommender Woche besteht, dürfte die 20 000er-Marke fallen. Geht man davon aus, dass von knapp 70 000 Wahlberechtigten nur etwa 70 Prozent ihre Stimme abgeben, heißt das: Mindestens jeder dritte Wähler im PZ-Gebiet wählt lieber per Post. Bereits bei der Bundestagswahl 2013 lag die Briefwahlquote in Bayern bei 35,3 Prozent und damit elf Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt. 2017 könnte dieser Wert noch übertroffen werden.

Am höchsten könnte der Anteil der Briefwähler am Ende in Rückersdorf sein. Knapp 1200 der 3556 Wahlberechtigten haben bis Mitte der Woche entsprechende Unterlagen angefordert. Das entspricht 33 Prozent.

Ebenfalls hohe Werte hat Ottensoos mit knapp 30 Prozent der 1633 Wahlberechtigten. Ähnlich hoch liegen Neunkirchen (28,7 Prozent der 3607 möglichen Wähler) und Schnaittach. In der Marktgemeinde wollen bisher 28 Prozent der 6485 Stimmberechtigten ihr Kreuzchen zu Hause oder im Büro machen. Bis 18 Uhr am Wahlabend können Briefwähler ihren Wahlzettel im Schnaittacher Rathaus vorbeibringen. „Das Rathaus ist offen, das Wahlamt ist besetzt“, sagt Andrea Rother, bei der Marktgemeinde zuständig für die Wahl. „Um 18.01 Uhr wird der Briefkasten am Rathaus zum letzten Mal geöffnet.“ Ausgezählt wird aber in der Mittelschule.

Im Mittelfeld im PZ-Gebiet liegen Schwaig mit 27,3 Prozent und Eckental im Landkreis Erlangen-Höchstadt mit 27,4 Prozent. Die Gemeinde hat 6899 Wahlberechtigte, der Markt 11353.

In Lauf haben bereits über 5000 der 19 699 Wahlberechtigten die nötigen Unterlagen beantragt. Das ist ein Wert von 26 Prozent. Die Kreisstadt bietet für vermeintliche Briefwähler extra eine Wahlkabine im Rathaus an. „Wer hierher kommt und die Unterlagen abholt, kann gleich in der Kabine wählen“, erklärt Thomas Wanke, Leiter des Laufer Ordnungsamts.

Simmelsdorfer gehen zur Urne

Besonders niedrig liegt der Anteil der Briefwähler in Simmelsdorf. Von 2596 Bürgern, die ihre Stimme abgeben dürfen, wollen bisher 19 Prozent den Gang zur Wahlurne vermeiden. Ähnlich wenige sind es in Leinburg (19,5 Prozent bei 5299 Wahlberechtigten).

Auch in der zweitgrößten Kommune im PZ-Gebiet hält sich das Interesse an der Wahl per Post in Grenzen. 22 Prozent der 8597 stimmberechtigten Röthenbacher haben die nötigen Unterlagen beantragt. Niedriger ist der Wert nur in Leinburg (19,5 Prozent von 5299 möglichen Wählern) und in Simmelsdorf. In der kleinen Gemeinde mit 2596 Wahlberechtigten wollen bisher nur etwa 19 Prozent ihre Stimme per Brief abgeben. „Das liegt daran, dass wir auch in kleineren Ortsteilen ein Wahllokal haben“, vermutet Bürgermeister Perry Gumann. Zwei gibt es in Hüttenbach und je eines in Simmelsdorf, Diepoltsdorf, Oberndorf, Großengsee und Ittling.

Auffällig ist allerdings, dass in zwei der Kommunen mit dem höchsten Interesse an der Briefwahl die Wahlbeteiligung an der Bundestagswahl 2013 besonders hoch lag: In Rückersdorf bei 82,4 Prozent, in Ottensoos bei 83,8 Prozent. Der Schluss liegt nahe, dass dort, wo viele wählen, auch der Anteil der Briefwähler hoch ist. Das gilt auch umgekehrt. Mit Ausnahme von Lauf sind die drei Kommunen im PZ-Gebiet mit der niedrigsten Quote an Briefwählern auch diejenigen, in denen die wenigsten überhaupt ihre Stimme abgeben wollten.

Nutznießer der bequemen Stimm­abgabe per Post sind übrigens laut Statistik die Älteren: Bei der Bundestagswahl waren es deutschlandweit vor allem die Menschen über 70, die ihre Stimme nicht im Wahllokal abgeben wollten (31,6 Prozent der Altersgruppe), gefolgt von den 60- bis 69-Jährigen.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer