Gedenken an Sinti-Verschleppung in Hersbruck

„Im Morgengrauen weggebracht“

Erich Schneeberger vom Verband der Sinti und Roma bei seiner Rede am Hersbrucker Marktplatz. | Foto: Michael Scholz2018/03/DSC_8687.jpg

HERSBRUCK – Nein, es ist nicht damit getan, dass sich Hersbruck mit der Eröffnung einer Dokustätte vor zwei Jahren eindrucksvoll zu seiner hässlichen Vergangenheit als KZ-Standort bekannte – die Aufarbeitung geht weiter. Denn bisher war es nicht Thema, dass auch hier vor 75 Jahren Bürger aus der Mitte der Stadtgesellschaft in KZ weggeschafft wurden, weil sie nicht in die Rassen-Idiotie des NS-Staates passten. Alle Redner beim gestrigen Gedenken zur Verfolgung und Verschleppung von 17 Sinti thematisierten dies. Und sie warnten vor erneut aufkeimenden Versuchen, Menschen mittels Hetze und Ideologien auseinander zu bringen.

Thomas Wrensch (rechts am Mikrofon) ging auf das ein, was vor 75 Jahren Hersbrucker Sinti-Familien widerfuhr. | Foto: Michael Scholz2018/03/Gedenken-Wrensch.jpg

Darauf ging auch der Ehrengast der Veranstaltung am Oberen Markt ein. „Wir verfolgen mit großer Sorge die rechtsradikalen Bewegungen, die in Europa um sich greifen“, sagte Erich Schneeberger, der Geschäftsführer des Verbandes der Sinti und Roma, am Rednerpult vor dem Hirschbrunnen. Zugleich berichtete er, dass Sinti und Roma „in letzter Zeit zunehmend Anfeindungen durch Rechtsextreme ausgesetzt“ seien.

Deshalb freute er sich über den Staatsvertrag zwischen Bayern und dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma, der gerade entstehe. Durch ihn erkenne der Freistaat dieses Volk, das seit 600 Jahren hier heimisch ist, als Opfer rassistischer Verfolgungen im Hitler-Deutschland an. Ein „wichtiges Signal“, sagte Schneeberger, das ihm Hoffnung auf eine echte Gleichberechtigung gebe.

In seiner Rede und auch am Vorabend bei der Lesung aus dem Buch „Verfolgt, deportiert, ermordet“ über die Geschichte der Hersbrucker Sinti von 1939 bis 1945 kristallisierte sich eines deutlich heraus: Es geht nicht um Sinti oder Nicht-Sinti, sondern um Menschen, die Hersbrucker waren und aufgrund einer künstlichen Ideologie, einem Rassenwahn, vom Staat aussortiert wurden. Schneeberger: Die Sinti waren bis kurz vor der Machtergreifung Hitlers „als Nachbar und Arbeitskollege lange schon integriert und verwurzelt in diesem Land“.

Und dann passierte das, was Thomas Wrensch, der Vorsitzende des Dokuvereins KZ Hersbruck, der das Gedenken veranstaltete, beispielhaft sagte: „Im Jahr 1943, am 8. März morgens, wurden die Hersbrucker Familien Lehmann und Strauß aus ihren Wohnungen geholt und im Morgengrauen weggebracht. Sie sind dann einfach aus dem Stadtbild und dem Leben in der Stadt verschwunden. Mich würde interessieren: Hat sie jemand vermisst, hat jemand nachgefragt: Was ist mit ihnen geschehen? Warum kommen sie nicht mehr in die Bäckerei, zum Metzger, zum Einkaufen? Warum ziehen jetzt neue Leute in ihre Wohnung ein? Warum kann man ihre Möbel, ihre Siebensachen, in der Amberger Straße billigst ersteigern?“

Der Verein habe bei seinen Nachforschungen „keine Spuren von Anteilnahme“ gefunden. „Das macht mir Sorge, denn leben wir nicht alle in unserer Stadt davon, dass wir uns nicht egal sind?“

Vor Angehörigen der früheren Hersbrucker Sinti-Familien, Rudi Höllenreiner und Peter Lehmann, sagte Bürgermeister Ilg, man könne nur erahnen, was sie und ihre Verwandten vor 75 Jahren und danach mitgemacht haben. Er sei dankbar und habe höchsten Respekt davor, dass sie immer wieder nach Hersbruck kommen und bei der Aufarbeitung mitwirkten. Er und Landrat Armin Kroder hoben hervor, wie unverzichtbar eine gute Erinnerungskultur sei — auch wenn Gruppierungen wie die AfD meinten, dies habe sich überlebt.

Landrat, Bürgermeister und auch Erich Schneeberger lobten den KZ-Dokuverein sehr für sein ehrenamtliches „außerordentlich gutes“ Engagement.

N-Land Michael Scholz
Michael Scholz