Konzert im Kick Hersbruck

„Quadro Nuevo“ erzeugen musikalisches Fernweh

Ganz nah dran ist das Publikum im Kick an den Spitzenmusikern von „Quadro Nuevo“. | Foto: U. Scharrer2019/01/Quadro-Nuevo-Kick-19-3.jpg

HERSBRUCK – Schon beim zweiten Stück reißt eine der 49 Saiten an der Harfe von Evelyn Huber. „Sie ist an der Harfe halt ein Macho!“, scherzt Kontrabassist D.D.Lowka. Man könnte den rasch behobenen Saitensprung aber auch als Symptom für die Passion und Spiellust verstehen, die das Quartett „Quadro Nuevo“ nach Spielorten in Europa, Asien, Afrika und Amerika auch auf eine Kleinstadtbühne in Mittelfranken transportiert. Das Publikum, das sich zum Teil seine Tickets ein Jahr im voraus gesichert hat, könnte glücklicher nicht sein und reist gerne mit auf dem „Flying Carpet“, dem Fliegenden Teppich, den das Programm im Hersbrucker Kick verspricht.

Dicht geknüpft, mit unzähligen handgefertigten Knötchen und einem komplexen orientalischen Ornament, hängt er über dem Bühnenrand, der namensgebende „Fliegende Teppich“. Dort bleibt er brav liegen, doch die märchenhaften Assoziationen des Fliegens über Kontinente, von denen fremde Klänge emporwehen, lösen an seiner Stelle die vier herausragenden Musiker ein, die das Etikett „Weltmusik“ gleichermaßen verdienen wie durch ihre höchst individuelle Auslegung sprengen.

Sanft hebt er ab, der imaginäre Musikteppich, mit leisen Tönen einzelner Instrumente, die ganz allmählich Fahrt aufnehmen, zum Zusammenklang finden, ihre musikalischen Fäden fast liebevoll miteinander verweben, sich steigern und oft auf einem ekstatischen Höhepunkt enden. Die Stücke von „Quadro Nuevo“ nehmen sich Zeit, multiplizieren die handelsüblichen dreieinhalb Minuten von Chartsongs mehrfach und haben so auch Muße, die zahlreichen Instrumente, die sich auf der Kick-Bühne stapeln, zum Einsatz zu bringen.

Andreas Hinterseher wechselt vom Akkordeon zum Vibrandoneon und holt mit kaum sichtbaren Fingerbewegungen in ihrer Sehnsucht kaum zu steigernde Töne aus dem Miniakkordeon mit dem langen gebogenen Mundstück. Mulo Francel greift je nach Stimmung der Nummer zu Saxofon oder Klarinette und verzückt mit Soli zum Abheben.

D.D Lowka wechselt vom Kontrabass zur kelchförmigen Darbuka-Trommel, nur Evelyn Huber bleibt ihrer Harfe treu, die optisch jedem Prunksaal in Neuschwanstein zur Ehre gereichen würde. Doch ob Streichinstrument oder blattgoldverzierte Harfe: Sie beide müssen auch für Perkussion herhalten, ob auf den Saiten selbst oder auf dem Korpus. Der Rhythmus lässt sich nicht bändigen. Zupfen, Klopfen, Streichen ist alles recht, wenn es nur dem Fluss der Melodien und dem Takt von Tango, Schrammelmusik, Balkanbeat und orientalischer Weise dient.

Erwähnt werden soll an dieser Stelle Franz Heller, der das An- und Abschwellen der Musik, die glückselig taumelnden Soli und das letzte Aushauchen der Töne mit kongenialer Lichtchoreografie untermalt.

Erwähnt werden soll auch, dass das Publikum im Kick ein Traumpublikum für experimentierende und sich selbst stets neu erfindende Musik ist: Konzentriert, offen und begeisterungsfähig begleitet es das gesamte Konzert und wenn am Ende der dritten Zugabe nur wenige sich zu den stehenden Ovationen erheben, dann sicher nur, weil sie noch dem Zauber von „Quadro Nuevo“ verhaftet sind.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer