Mehr Rufen als Singen

Kurzweiliger Jodelkurs im Hirtenmuseum Hersbruck

HERSBRUCK – Beim „Hui“ braust der Wind durch den ersten Stock des Hersbrucker Hirtenmuseums, und zwar solange, bis ein Seemannsruf den Schlusspunkt auf den klingenden Orkan setzt. Aber was hat das mit Jodeln zu tun? Jede Menge, wie Susie Südstadt bei ihrem kurzweiligen, intensiven und lustigen Kurs bewies.

Sie sitzen da wie die Hühner auf der Stange und warten gespannt. Was da wohl auf die Gruppe der älteren und jüngeren Männer und Frauen zukommen wird? „Ich bin scho weng aufgeregt“, verrät eine. Einem anderen kommt der Jodel-Sketch von Loriot in den Sinn. „Wir können das dann sicher besser“, scherzt jemand – nicht ganz ernst gemeint. Das Gelächter ist groß.

Da kommt Susie Südstadt voller Energie reingeschossen. Sie heißt eigentlich Susanne Maria Lang, ist nach eigener Aussage in Nürnberg und Niederbayern aufgewachsen, seit 1987 auf der Bühne unterwegs und eine echte Stimmkünstlerin. Museumschefin Ingrid Pflaum hat sie beim Bahnsommer kennengelernt. Und auch wenn Pflaum nichts gefunden hat, dass hier einmal gejodelt wurde, so fand sie den Kurs dennoch passend. Für Susie Südstadt liegt die Verbindung zum Hirtenmuseum bei den Hutangern und dem Jodeln als Viehlockruf. Und außerdem will sie, die sogar internationale Treffen besucht, „den Jodelvirus in Franken verbreiten“.

„Mein Künstlername soll transportieren, dass es bei mir nicht so ernst zugeht“, nimmt sie den Teilnehmern gleich die Anspannung. In die Materie steigt sie, die statt im Dirndl im pinkfarbenen Alltagsoutfit auftaucht, trotzdem mit vollem Ernst ein; immer wieder spickt sie den Kurs mit leidenschaftlichen Erklärungen zu der Art Gesang, den es überall auf der Welt gebe: „Jodeln ist dem Rufen näher als dem Singen. Es ist der hörbare Wechsel – der Schnackler – von Kopf- zu Bruststimme.“ Doch wer kann das vielleicht schon und warum sind die Leute da? Einige haben keine Vorkenntnisse, wie sie zugeben, andere singen oder spielen Instrumente. Allen gemeinsam ist die große Neugier und dass ihnen „Jodeln ins Herz“ geht: „Wir wollen das einfach mal ausprobieren.“

Daher geht es ohne Umschweife los mit Lockerungsübungen. Es wird auf den Brustkorb geklopft, um die Stimme zu wecken, wie Susie Südstadt erklärt, gejoggt und wie ein „Face lifting“ im Gesicht herumgeknetet, um es weich zu machen. Die Powerfrau ist immer in Bewegung, bringt die Leute in Schwung. Alle machen mit, auch wenn sie ausschauen wie die „Depperle“ (Südstadt). Beim „pf“ pfeift ein strammer Luftzug durch den Raum, ein „Hohoho“ lässt die Wände vibrieren und „Ahs“, „ohs“, „ihs“ und „uhs“ wabern bei der Übung zur Vokalreihe umher. Bevor sich bei „Monika“ – Ton reinholen, sich auf die Zehenspitzen hochziehen und breit werden – alle wie Hampelmänner in Zeitlupe bewegen und den Namen rufen, streut Susie Südstadt eine Anekdote über Jodeln als Kommunikationsform ein. Die Männer und Frauen lachen herzlich, die Atmosphäre ist gelöst.

Jodelt Susie Südstadt nicht gerade, redet sie fast ohne Punkt und Komma. Da gibt sie Tipps zum Abhusten per „uhu“ oder erzählt, dass das Joiken, also das Jodeln der Samen, in den 70ern verboten wurde. Für jeden hat sie eine Verbesserung parat. Plötzlich ergreift der Hund eines Teilnehmers die Flucht, als die Meute inbrünstig losheult, als wäre der Vollmond im Museum aufgegangen. Dann klingen alle erschrocken wie ein kleines Kind, das einen Eimer kaltes Wasser drüber geschüttet bekommt und zum Schluss fiept es in höchsten Tönen durch den ersten Stock, als würden zig Babys auf einmal greinen. Kopf- und Bruststimme sind nun aktiviert. Der erste Jodler wartet – ein Kanon.

Da wackeln die Bauchdecken, als die Männer und Frauen an den ersten Silben feilen. „Rididio“ tönt es in Endlosschleife. Als alle die Einzelteile zusammenbauen, sitzt der erste Jodler schon. Aber mit dem versetzten Einsetzen wartet die Herausforderung. Doch die meistert der klangvolle Jodelchor. „Des wird“, lobt die Vorjodlerin, die „die Freude an der Stimme wecken“ will. Je öfter die Jung-Jodler das Erlernte wiederholen, desto sicherer und lauter werden sie. Auch bei der weiteren Aufgabe, einem Gegeneinander. Hier unterstützt Südstadts Mann und „Jodelassistent“ Wolfgang eine Gruppe. Da braust mit dem „hui“ der Wind durch, bevor ein Seemannsruf das Stück beendet. Das Tempo passt noch nicht ganz: „Das hat was mit Gefühl zu tun“, erläutert Susie Südstadt. Schon längst haben alle ein Lächeln im Gesicht und das liegt nicht nur am breiten „rididiri“.

Ein weiterer Kurs wird am 6. April von 10.30 bis 12.30 Uhr im Hersbrucker Hirtenmuseum angeboten.

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch