Museumsschau zum 80. Geburtstag von Christoph Gerling

Kerosin am Kopf

Der Künstler Christoph Gerling wird 80 - das Hirtenmuseum stellt seine Werke bis zum 15. Oktober aus. | Foto: A. Pitsch2017/08/8344084.jpeg

HERSBRUCK – „Die 80 interessiert mich nur am Rande.“ Der Deckersberger Künstler Christoph Gerling spricht in seiner ihm eigenen Art von zwei Mal 40 Jahren, die für ihn einfach ein Anlass zum Feiern sind. Ein Grund für gutes Essen, Wein, Geselligkeit und einen „Überblick“ über sein Schaffen. Daher zeigt das Hirtenmuseum Malereien, Objekte und Grafiken des Geburtstagskindes.

Konzentriert steht Christoph Gerling vor einem seiner Bilder im ersten Stock des Museums, hantiert mit Zollstock, Stift und Klemmbrett. Seine 80 Lenze sieht man ihm nicht an. Der Künstler ist gerade dabei, die Preise für seine Werke festzulegen. „Das ist die Arbeit, die ich am wenigsten mag.“ Doch mittlerweile hat er sich daran gewöhnt, der Kostenrahmen hat sich über die Jahre entwickelt.

Dabei meint man, dieser letzte Schritt am Kunstwerk sei gerade bei einem Freischaffenden unerlässlich. Was brauche ein Mensch denn Unsummen, „mehr als essen kann man doch eh nicht“, meint Gerling nur zum Thema Geld. Das klingt bescheiden und so würde ihn auch Museumschefin Ingrid Pflaum beschreiben.
„Es gibt keinen Grund zur Unbescheidenheit“, entgegnet da der Optimist, der ein paar Jahre im Staatsdienst als Kunstlehrer gearbeitet hat. Sein Humor ist tiefgründig, seine Aussagen sind überlegt und mit Wissen gespickt. 1974 fragte die Akademie der Bildenden Künste Nürnberg bei ihm an. Aus einem „ich weiß nicht, ob mir das taugt“ wurden 28 Jahre, die Gerling „viel Freude machten“. Dann war es genug.

Auch bei der Kunst weiß der gebürtige Würzburger, der vor Energie sprüht und dessen „Rädchen sich im Kopf immer drehen“, wann Schluss ist – nicht generell, aber bei einem Werk. Denn wenn Gerling redet, fällt oft das Wort „Zukunft“. Er will weiter nach Sardinien zum Keramik machen reisen, hat eine Schau mit Heckenbildern, von denen im Hirtenmuseum einige zu sehen sind, im Sinn und möchte sich noch weiter entwickeln: „Das ist die Zukunftshoffnung eines jeden Künstlers.“

Blickt Gerling, der seit 1966 der Nürnberger Gruppe „Der Kreis“ angehört, doch einmal zurück, so sieht er neben vielen Erfolgen und rund 150 bis 200 Ausstellungen ab 1958 auch Rückschläge: „Da sind Arbeiten, die einem nicht so gelungen sind“, gibt der sehr selbstkritische Mann zu. Das habe aber nichts mit Technik, sondern mit der Idee zu tun. Wenn man das erkennt, müsse man so mutig sein und das Werk korrigieren – also überarbeiten – bis man spürt, dass es fertig ist. „Das ist schwieriger.“ Weggeschmissen hat Gerling nie etwas.

Veränderung der Realität
Er liebt die Herausforderung, vor allem die gedankliche, wie der geistig fitte und jung gebliebene Senior selbst sagt. „In der Überarbeitung liegt zudem eine neue Chance.“ Es sind Erkenntnisse wie diese, die Gerling geprägt und vorangebracht haben. Gezeichnet hat er schon immer, doch als er 14 oder 15 Jahre alt war, fiel ihm beim Betrachten der Wasserspiegelung eines auf: „Mich interessiert die Verkünstelung der Realität durch ein anderes Medium mehr als die Wirklichkeit.“

Und genau das ist auch in der Geburtstagsschau, die ihm das Hirtenmuseum angeboten hat, festzustellen. Da hängen am Anfang überdruckte Fotografien. Bilder wie Kerosinspuren am Himmel oder eine Plakatwand hat Gerling mit Köpfen aus Holzschnitten verfremdet. „Die Idee war, das modernste Mittel mit dem Ältesten zu kombinieren.“ Der Weg führt den Besucher dann weiter von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück, beschreibt es der Künstler.

Geht man mit Gerling durch die Räume, fallen ihm immer wieder Anekdoten ein, sein Redefluss ist kaum zu stoppen. Da erzählt er vom ersten Ausstellungsangebot (in Island), das per Handyanruf hereinkam. Oder vom Premierengenuss von tiefschwarzen Spaghetti Sugo in Italien, die sich auch unter einem der abstrakten Ölgemälde wiederfinden lassen.
Neben Hecken wird der Betrachter Tische und Köpfe – vor allem aus Keramik und verschiedenen Jahren – als Motive entdecken. „Die haben bei mir schon immer eine Rolle gespielt.“ Und warum? „Sie sind Träger“ – von Emotionen, Gesichtsausdrücken und (Tisch-)Kultur. In Sardinien saß er an einem Tisch, auf dem ein Mädchen geboren worden war.

Wenn sein Leben ein Kunstwerk wäre, dann wäre es „auf alle Fälle ein Bild“. Und die Farben? Gerling wird nachdenklich: „Ich weiß es nicht, aber sicher nicht Schwarz-Weiß.“ Das wäre auch zu einfach für diesen vielseitigen Mann.
Seine künstlerische Bandbreite drückt sich nicht nur in Ölgemälden wie dem finsteren Dämon aus, den Gerling in der Stimmung einer „heiteren Aggressivität“ auf die Leinwand pinselte, sondern auch in zwei großformatigen Rohrfederzeichnungen aus früherer Zeit. „Da habe ich leider nicht mehr viele.“

Nicht fehlen in der Ausstellung darf das älteste Werk, das er noch besitzt – ein kleines Bild von 1964. Entstanden kurz nach dem Studium, erinnert sich der Deckersberger, der sich dort oben „richtig wohl fühlt“. Seine Kunst gelernt hat Gerling in der Landeshauptstadt. „Die Einengung der katholischen Provinz ist mit München weggefallen.“

Kunst ist für Gerling Freiheit, eine „gute Medizin“, die zu Qualität verpflichtet. „Dabei muss man seine künstlerische Freiheit auch manchmal verteidigen“, betont er. Diese Haltung hat ihm neben seiner Arbeit viel Wertschätzung eingebracht. Sind ihm das oder Artikel über ihn in der Süddeutschen Zeitung wichtig? „Nein, aber schön ist es.“
Genau so wie die Tatsache, dass diverse Sammlungen seine Werke bewahren und das Deutsche Kunstarchiv Dokumente von Christoph Gerling sammelt. Er strahlt: „Es ist ein gutes Gefühl, dass etwas von einem bleibt.“

Die Ausstellung wird am Donnerstag Abend um 18 Uhr im Hirtenmuseum eröffnet. Ab Freitag ist sie mittwochs bis sonntags von 10 bis 16 Uhr bis 15. Oktober zu sehen.

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch