„Limonero“ im City-Kino

Hersbruck steht kurz vor dem Untergang

Die jungen Schauspieler, der Regisseur und der Komponist der Filmmusik haben es ins örtliche Kino geschafft: von links stehend Mathis Hauter, Leo Geyer, Lennart Schmidt, Jonas Schicker, Jule Olpp, Paul Schober, Adrian Matthes, sitzend Annika Schwemmer, Eva Böhm, Leon Schreiner, Michael Müller und Caspar Geer. | Foto: U. Scharrer2017/05/8134308.jpeg

HERSBRUCK – Seit „Das Brot des Bäckers“ 1974 hat kein Spielfilm mehr Hersbruck und seine Umgebung so stimmungsvoll in Szene gesetzt: „Limonero“, das 60-Minuten-Werk des Jungfilmers Mathis Hauter wurde im City-Kino gezeigt. Er zeigt Hersbruck als ruinöse Schönheit — kurz bevor es aus städtebaulichen und bevölkerungsregulierenden Gründen in die Luft gesprengt wird.

Ein Gong lenkt die Aufmerksamkeit der Kinobesucher im prall gefüllten Saal des City-Kinos auf die Leinwand, wo sich mit hörbarem Quietschen der Vorhang öffnet und den Blick auf ein ausgeblichenes und zerschürftes „Herzlich Willkommen“ freigibt. Amüsiert verfolgen die zahlreichen jungen Leute, die teilweise nur noch am Boden Platz gefunden haben, den anachronistischen Auftakt einer Filmvorführung im Hersbrucker Kino.

Wenn die Welt zu eng ist
Doch damit endet die Reise in die Vergangenheit auch schon, denn „Limonero“, das Opus Magnus des Abiturienten Mathis Hauter und seiner teilweise schon seit Jahren in Kurzfilmen agierenden Freunde, spielt in der Zukunft. Einer Zukunft, in der die Welt zu eng für die vielen Menschen geworden ist und eine nicht näher benannte Regierung Städte in die Luft jagt und die Bewohner umsiedelt. Ein schmerzlicher Prozess, der bei den jungen Leuten im Film zu einem unsanften Erwachsenwerden führt – das wird folgerichtig als gehörntes Monster personifiziert.

Eingebettet in eine Rahmenhandlung wird der Reifeprozess, stets von den titelgebenden Limonen begleitet, als eine nur scheinbar lose Folge von Geschichten erzählt. Man muss nicht alles verstehen und wird es auch nicht: zu geheimnisvoll mancher Vorgang, zu abrupt manchmal die Szenenwechsel, zu undeutlich gelegentlich der Ton trotz der hervorragenden Technik im Kino und der Leistung des Filmvorführers Matthias Goinar.

Doch die Einblicke in die existenziellen Ängste und manchmal etwas krude daherkommenden Konflikte junger Menschen sind berührend. Die Aufnahmen aus Hersbruck und seiner Umgebung als eine den nahenden Untergang ahnen lassenden Geisterstadt überraschen und die Leistungen der jungen Laienschauspieler überzeugen absolut, allen voran Michael Müller als janusköpfiger Waldschrat, Leo Geyer als an sich und seinen Mitmenschen glaubhaft leidender junger Mann und Johannes Steinlein als Gangleader, der die Kontrolle über sein Viertel verliert und völlig austickt.

Leckere Astsuppe
Und es gibt auch Schmunzelmomente: das Kochen einer „Astsuppe“ etwa, wenn ein junger Protagonist seinen Auszug in die feindliche Welt mit einem Kinder-Köfferchen mit dem reiselustigen Hasen Felix darauf antritt oder obiger Gangleader sich über die mangelnde Attraktivität seines Viertels als „hood“ beklagt : „Wer will schon über das Buchgebiet herrschen?!“. Viele kleine, mit Bedeutung aufgeladene Details sprechen von Kreativität und Erfindungsreichtum.

Ein absolutes Plus des 60-minütigen Streifens aber ist die Filmmusik von Caspar Geer. Sparsam setzt er seine ominös und bedrohlich stimmenden Kompositionen ein und verleiht damit dramatischen Szenen einen besonderen Nachdruck.

„Lick“, die Lichtspielfreunde City-Kino, haben das Potenzial junger Filmemacher in Hersbruck erkannt und möchten, wie Vorsitzender Herbert Schlittenbauer ankündigte, ab kommendem Jahr einen Kurzfilmpreis ausschreiben, wo Filmer dann ihre Werke einreichen und auch öffentlich vorführen können.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer